Männer am Berg

Die Winternächte im Frankenwald sind kalt. Wer keine Behausung hat für sein Auto, darf so manchen Morgen zum Eiskratzer greifen. Die Zeit muss man sich schon nehmen, um die Scheiben frei zu bekommen. Klare Sicht ist wichtig. Auch außerhalb des Straßenverkehrs.
Heute morgen wollen wir nicht unser Auto anhalten, sondern unser Leben, damit wir wieder klare Sicht bekommen.

Wir halten unter einem hohen Berg an. Wir steigen aus vom üblichen Treiben und Getriebenwerden. Wir lassen uns von Jesus mitnehmen. Dahin, wo wir eine neue Sichtweise bekommen. Dafür, wie der Himmel ist und was hier auf Erden dran ist. Wir wollen uns Durchblick und klare Sicht schenken lassen. Von ihm allein. Von Jesus allein.

Im heutigen Evangelium wird berichtet, wie sich Jesus mit einigen Getreuen zurückzieht. In Klausur geht.
Klausur kommt wieder in Mode.Viele Firmen merken: Man kann nicht einfach drauflos wirtschaften. Man muss in Ruhe nachdenken über die Strategie. Über das eigene Profil. Wie man sich gut aufstellt für das neue Jahr, damit die absteigende Kurve aufgehalten werden kann. Oder die gerade ansteigende sich verstetigt.

Auch die politischen Entscheider ziehen sich zurück in diesen Tagen. Die CSU im Wildbad Kreuth hat es vorgemacht. Die anderen Parteien haben längst nachgezogen.

Dort sind es die Fraktionsspitzen, die Entscheider, die sich in der Klausur besinnen.
Hier ist es noch viel elementarer. Es wird nicht eingekehrt in einer festen Behausung. Die Gruppe ist im Freien unterwegs. Sie steigen sie auf einen Berg. Auch das hat Symbolik. Natürlich sind es Männer, die da einsam unterwegs sind. Männer, die eine Führungsrolle einzunehmen gewohnt sind. Seit Stunden sind sie auf den Beinen.

Bilder treten uns vor Augen von berühmten Kämpfern am Berg. Sei es in Konkurrenz, wenn der Träger vom gelben Trikot sich belauert mit seinen ärgsten Widersachern. Sie sich schweigend die Kehren durchbeißen hinauf nach Alpe d/Huez. Das Feld ist weit zurück. Jetzt ist jeder allein und muss sich beweisen. Noch ist es eine Weile hin zum Gipfel. Da wird der Anstieg noch mal härter sein. Und oben kommt die Stunde der Wahrheit.

Aber es gibt auch den Anstieg in Gemeinsamkeit, in kameradschaftlichem Miteinander. Wie gerade geschehen an der 1000 m hohen Felswand im Yosemite Tal. Wo Tommy Caldwell (36) und Kevin Jorgeson (30) nach 19 Tagen Freeclimbing den Gipfel erreicht haben.

Auch andere Männer ihren Alters zieht es bergauf. (Zum folgenden vgl. Matthias Dobrinski, Glaubensrepublik Deutschland, Freiburg 2011)

„Nachts ist der Schmerz am stärksten“, sagt Jürgen Haindl. Es ist 3 Uhr. Die Männer zünden die Fackeln an. Der Vollmond ist hinter Wolken verschwunden. Die Gruppe nähert sich der Kapelle. Gräber säumen den Weg. Egen Rossegger oder Maria Moosbauer heißen die Toten dort, im Allgäu. Als sie noch lebten, brauchten diese Menschen nachts keine Fackeln. Da lagen sie nach einem harten Arbeitstag in knarzenden Holzbetten. Nur durche eine Wand aus Decken vom Vieh getrennt. Es gab noch keine soziologischen Studien zum Thema „Was Männern Sinn gibt“

„Nachts ist der Schmerz am stärksten“, sagt Jürgen Haindl . Zwischen 3 und 4 Uhr. Wenn es still ist und man nur das eigene Herz pochen hört. Dann kommt in ihm hoch, was er sonst verdrängt. Wie er vor 8 Jahren morgens im Schlafzimmer stand. In den Spiegel starrte und nichts mehr ging. Er konnte die Zähne nicht putzen, sich nicht anziehen. Alles an ihm war wie gefroren. „Ich kann nicht mehr“ sagte er zu seiner Frau. Da war er 36.
Das Thermometer an einer Hauswand zeigt 4 Grad minus. Schnee bleibt in Jürgen Haindls 3Tagebart hängen. Er würde jetzt gern ein bischen langsamer gehen. Aber die Gruppe bestimmt das Tempo. 28 Männer. Sie haben sich am Vorabend um halb 11 auf den Weg gemacht.

Vorneweg läuft Gerhard Kahl. Er ist Diakon. Im Bistum Augsburg zuständig für Männerseelsorge. Er hat die nächtliche Kreuzwegwanderung organisiert. Er hat gelernt: Damit lassen sich Männer ansprechen, die bislang gedacht haben, Glaube sei was für Weicheier. Für Frauen und Kinder. Dabei saß Mose doch auch nicht in der Stube, als ihm Gott erschien. Er stand draußen. In der Wildnis. Am brennenden Dornbusch.
20km haben sie vor sich. Der jüngste ist 33, der Älteste 73. Die meisten zwischen 40 und 50. Wirtschaftsinformatiker, Landwirte, Ingenieure, Techniker. Von der Wanderung haben die meisten durch Zufall erfahren. Manche sind gläubig. Die meisten aber suchen das Abenteuer und ein bisschen auch sich selbst.
Diakon Gerhard Kahl sagt: Männer setzen sich nicht in Bibelkreise, wenn sie spirituelle Erfahrungen machen wollen. Sie steigen auf einen Berg.

Es ist bald 4 Uhr. Von 1 bis 5 hat er den Männern Schweigen verordnet. Während Frauen im Gespräch mit anderen zu sich selbst finden, sind Männer froh, wenn sie die Klappe halten können. Leistung und Wettkampf, die Natur, Abenteuer oder wenigstens die sportliche Herausforderung. Das ist es, was Männer heraus fordert.

Jede Stunde machte die Gruppe in einer anderen Kapelle Station. Um eins rasten die Männer in einem Kirchlein. Dort hängt ein leidender Jesus mit klaffenden Wunden am Kreuz. Das Blut strömt in kräftigen Holzstrahlen. „Für was fließt mein Herzblut?“ fragt Gerhard Kahl und deutet auf das Kruzifix. „Was ist mir wichtig im Leben?“
Nun sollen sich alle um den Altar versammeln. Jürgen Haindl ist müde und hellwach zugleich. Jetzt strecken die Männer die Arme nach oben, zur Seite und nach unten auf dem Boden. Kahl spricht dazu: „Ich strecke mich aus nach dem Himmel. Ich bin ganz bei mir. Ich schaue auf das, was mir lieb ist. All das muss ich loslassen. Spätestens im Tod.“

Ein anderes Mal müssen sich die Männer flach und mit ausgebreiteten Armen auf den Kapellenboden legen und beten. Alle machen mit. Der Diakon erklärt: Männer brauchen herbe Gesten. Nicht dieses feminisierte Zeug.
Der schmale Weg bis zur letzten Kapelle windet sich hinauf und hinab. Über Schnee, Wurzeln und Steine. Es fängt an zu schneien. Selbst wer wollte, würde jetzt keine Abkürzung finden. Aber schummeln gilt sowieso nicht. Jesus hat schließlich auch das Kreuz geschleppt bis zum Schluss. Das mit dem Kreuz, das fasziniert die Männer. Dass da einer Verantwortung übernommen und gekämpft hat, allein gegen die Welt.

Als Jesus damals die drei aus dem Jüngerkreis gebeten hat, mit ihm hinauf zu ziehen, waren sie vielleicht überrascht. Geschmeichelt. Sie wussten nicht, was sie erwartet. Vielleicht hatten sie auf ein paar Stunden Privatunterricht gehofft. Philosophische Gespräche. Gemeinsam eine Strategie ausarbeiten. Erst mal im engsten Kreis die Möglichkeiten durchspielen. Einigkeit herstellen. Dann ist es einfacher, die anderen mitzuziehen.

Das war aber gar nicht nötig. Jesus hatte ihnen das Entscheidende schon mitgeteilt. Über seine Person. Über seine Sendung. Über seine Passion. Es lag nur wenige Tage zurück. Wer sagen die Menschen, dass ich sei, hatte er sie gefragt. Man hört dies und das, sagen sie. Aber was ist eure Meinung! „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“, ruft Petrus aus.

Kurz darauf wird es noch konkreter. Er kündigt sein Leiden an. Der Menschensohn wird nach Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten und getötet und am 3. Tage auferstehen. Wieder nimmt Petrus Stellung.
In diese Ereignisfolge gehört unsere Berggeschichte. Sie ist der Abschluss und der Höhepunkt. Was den Männern um Jesus vorher schon gesagt war, wird lediglich wiederholt. Aber diesmal so, dass es ihr Herz erreicht.
Auf dem Berg gibt es keine Belehrung oder Beratung wie auf den Klausurtagungen. Es ist eine Offenbarung. Und zugleich eine Zurüstung.

Denn mit den dreien, die Jesus da mitgenommen hat, hat Jesus etwas vor. Er will mit ihnen Geschichte machen.

Sie sind etwas besonderes. So hat Jesus auch mit dir etwas vor. Du bist etwas besonderes. Jesus will mit dir Geschichte machen. Mit dir.

Vielleicht hast du bisher gedacht, Jesus will wenn überhaupt mit seiner Kirche Geschichte machen oder wenigstens mit der ev. Kirche oder wenigstens mit unserer Gemeinde. Das hoffentlich auch. Aber am Anfang stehen immer Einzelne.

Es gibt ja diesen alten Spruch: "Männer machen Geschichte". Gemeint ist damit: Einzelne besondere Personen machen Geschichte. Nicht Parteien, Nationen, Ideen, Initiativen machen Geschichte. Sondern einzelne Menschen. Im guten wie im schlechten. Jesus möchte mit dir eine gute Geschichte in Gang bringen. So wie es es mit dem Petrus und dem Jakobus und dem Johannes gemacht hat.

Jahre später begegnet der Apostel Paulus diesen drei Männern bei einem Besuch in Jerusalem. Er war da mittlerweile berühmt. Er hatte sich einen Namen gemacht als erfolgreicher Missionar. Paulus schreibt mit einer gewissen Ehrfurcht von diesem Empfang und nennt sie die drei Männer, „die für Säulen angesehen werden. „

Also aus diesen dreien war also etwas geworden. Die hatten Geschichte gemacht. Sie wurden als Säulen angesehen. Auf Säulen ruht ein Gewölbe. Bedeutende Bauwerke wurden von Säulen getragen. So ähnlich etwa wie bei den Tempeln der Griechen. Wenn der Apostel Christenmenschen mit Säulen vergleicht, dann sieht er sie als solche, die Lasten tragen können. Die etwas aushalten. Die so leicht nichts umwirft. An die sich andere anlehnen können.

Wir kennen das Bild vom deutschen Sozialsystem. Es ruht auf den Säulen Rentenvers, Krankenvers, Arbeitslosenvers, Pflegevers. Also es geht beim Bild der Säule nicht um Schönheit oder Erhabenheit, um etwas was andere von weitem bewundern. Sondern um Verläßlichkeit, um Belastbarkeit. Wir sollen auf lange Sicht nicht den andern auf der Tasche liegen. Oder auf die Nerven gehen. Sondern selber Verantwortung übernehmen und Belastendes ertragen können. Zu solch einem Menschen möchte Gott dich machen.

In meiner Zeit als Pfarrer in Bremen habe ich alle Konfirmanden und Eltern zu Hause besucht. Ich kam angemeldet und hab erst mal eine Stunde geklönt im Wohnzimmer mit den Eltern. Zum Schluss fragte ich den Konfirmanden: „Kann ich noch dein Zimmer sehen?“
Das war dann immer sehr erhellend. Wobei mich nicht interessiert hat, wie glatt ist die Bettdecke, wie aufgeräumt der Schreibtisch.

Es war mir einfach wichtig, die Welt der einzelnen zu sehen. Manchmal hab ich erst bei solchen Besuchen erfahren, wie sich ein Konfirmand, dem man das gar nicht angesehen hat, um seine Haustiere kümmert. Oder dass er ein Modellbau-Experte ist. Oder dass der ein Musikinstrument spielt. Die Wände in den Zimmern dieser Jugendlichen sind meistens voll mit Postern von Augenblicks-Berühmtheiten.

Einige sind richtige Kraftpakete, durchtrainierte Sportler. Aber bei den meisten Typen hat man hat den Eindruck, ein richtiger Sturm: Und der Rapper wird aus dem Jogginganzug geblasen. Bzw. das Supersternchen kippt aus ihren Stöckelschuhen!

Jesus will mehr aus dir machen. Mehr als jemand, der gleich umkippt, kaum das Gegenwind kommt. Er will dir Substanz geben, Charakter, Festigkeit.
Dazu bedarf es einer Vorbereitung. In der Klausur auf dem Berg wurden die drei Jünger vorbereitet. Sie sollten einmal große Verantwortung tragen in der ersten christlichen Gemeinde zu Jerusalem. Als eine große Christenverfolgung kam, gerieten die Leiter ins Visier der Behörden. Sie kriegten massive Schwierigkeiten. Jakobus wurde mit dem Schwert hingerichtet, Petrus wurde vorübergehend inhaftiert, später in Rom getötet, Johannes auf die Felseninsel Patmos verbannt. Was für Extremfälle! Gerade darum ist dieser Einkehrtag auf dem Berg auch eine nötige Extremerfahrung für sie gewesen, zur Vorbereitung darauf.

Aber das ist noch nicht das Entscheidende. Bei unserem heutigen Thema „Männer am Berg“ geht es nur in zweiter Linie um die Männer am Berg mit den Belastungen, die sie auf sich nehmen oder die später auf sie zukommen. Auf dem Gipfel treten noch einmal ganz andere Männer in den Mittelpunkt.

Mose und Elia tauchen auf. Waren die nicht schon lange tot? Sind Sie es wirklich? Keiner von ihnen stellt sich vor. Mose muss nicht auf den Fels schlagen und Wasser heraus strömen lassen. Elia lässt es nicht blitzen und regnen. Albern wäre das. Die 3 Jünger sind gleich im Bilde. Sie sind Gottes Welt auf einmal so nah. Und doch stehen sie ihr gegenüber. Die Gestalt Jesu hat sich derweil verändert. Er ist verklärt, verherrlicht, überirdisch, wunderbar.

Petrus will gar nicht mehr weg. Bis dahin konnte er sich, wie viele von uns, gar nicht vorstellen, wie schön es in der Nähe Gottes ist. Wie festgeklebt hält sich in unseren Kirchen die Meinung: Beim Christenleben gehe es vor allem um eine Morallehre, die wir einhalten müssen. Das Leben als Christ sei im wesentlichen ein Kampf. Ein Kampf gegen die Nöte der Welt. Oder gegen den inneren Schweinehund. Ein Kampf um die Herzen der Mitmenschen, die sich bekehren müssen.

Ja, im Christsein ist viel Kampf und Not, gewiss doch. Aber in der Nähe Gottes, in der Gegenwart von Jesus dürfen wir aufatmen und uns fallen lassen. Da ist es einfach nur schön. Und das ist die Welt, auf die wir warten. Auf die wir uns freuen dürfen. Davon kriegt Petrus hier einen Vorgeschmack. Und er ist mit Recht hin und weg.

Auf einmal reißt ihn eine Stimme aus den Träumen:
„Das ist mein lieber Sohn. Den sollt ihr hören!“
Wenn sich Gott so zu Jesus stellt. Wie viel mehr dürfen wir uns zu Jesus stellen. Und ihn bekennen vor aller Welt. Das Geheimnis, das jetzt gelüftet ist, daf nicht an diesen Ort der Visionen gebunden sein. Es muss hinunter ins Tal. Das ist Petrus klar.
Und das wird er hinaus rufen. Nicht immer wird ihm das gelingen. Einmal wird er es noch verbergen, aus Angst. Vor einer Magd und vor den Soldaten, die um sie stehen. Da war er nicht so mutig.

Mit unserem Bekenntnis zu Jesus ist es manchmal nicht weit her. Aber wichtiger als dass sich Menschen zu Jesus bekennen ist doch, dass sich Gott zu Jesus bekennt. Später am Kreuz. Zu dem Jesus, der verachtet ist. Kein Jesus mehr mit verklärtem, strahlenden Gesicht. Sondern leichenblass und blutüberströmt. Da hört Gottes Bekenntnis zu Jesus nicht auf. Da sagt er wieder: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Den sollt ihr hören!“

Es ist spät geworden. Jesus beendet die Klausur auf dem Berg. Der Vorhang zum Himmel zieht sich wieder zu. Schweigend gehen die Männer hinab ins Tal. Vom Berg der Verklärung ins Tal der Bewährung. Ein Geheimnis nehmen sie mit sich. Es verbindet sie mit Jesus. Selbst wenn sie später alles wieder vergessen sollten. Oder es würde ihnen fraglich werden. War es ein Spuk, ein Traum, eine Halluzination. Egal, dies bleibt ihnen. Jesus allein. Er ist der, auf den sie vertrauen müssen, an den sie ihr Leben binden müssen. Alles andere ist zweitrangig.

Auch wenn du ihn nicht so strahlend herrlich sehen kannst wie die Jünger damals: Er geht seinen Weg mitten unter uns, unsichtbar. Weiterhin legt er einzelnen die Hand auf die Schulter. Führt sie diesen unerwarteten Weg. Fort von allem, was vertraut und sicher war. Hin in die Nähe Gottes. Und von da an wissen wir, was in Wirklichkeit diese Welt bewegt. Und wenn wir zurückkommen, sind wir nicht mehr dieselben.

Weil wir wissen, was wir an Jesus haben. Er ist genug. An seiner Seite können wir uns in Täler mit schweren Aufgaben wagen. Werden wir aufgebaut zu einer Säule, an die sich andere lehnen können. Bis unser Leben oder diese ganze Welt ein Ende hat. Und die geheimnisvolle Klarheit für alle und für ewig sichtbar ist.

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