Gipfelerlebnisse – von Abstand und Weitsicht

<b>Auf dem Berg</b>
Wer schon mal auf einem Berg war, der kennt es: Das erhabene Gefühl, das einem dort oben beschleicht. Es stellt sich schon ein wenn man mit der Brockenbahn auf den Brocken gefahren ist und dort oben nur Wolken und Nebel zu sehen sind.
Es ist aber noch viel stärker, wenn man einen Gipfel selbst bestiegen/erklommen hat und wenn man dort oben im Sonnenschein steht und eine wahnsinnige Aussicht genießt.
• Da ist zum einen das Gefühl oben zu sein. Ganz oben. Höher geht es nicht. Ich bin am Ziel. Ich bin da. Ich hab’s geschafft. Dieses Gefühl kann einem keiner nehmen.
• Dieses Gefühl am Ziel zu sein geht über und verschwimmt mit dem Gefühl angekommen zu sein. Was auf dem ersten Blick so klingt, als wäre es das gleiche, entpuppt sich dann bei näherer Betrachtung als ein Gefühl von Zuhause-Sein. Obwohl der Gipfel eines Berges nicht mein Zuhause ist, fühlt es sich doch immer ein bisschen so an. Ich bin am Ziel, ich bin angekommen.
• Und dann ist da noch diese Erhabenheit, die eigentlich nicht meine Erhabenheit ist, sondern die Erhabenheit des Berges, der schon lange vor mir da war und der noch sehr lange nach mir auch da sein wird und der sich so hoch erhebt – dem Himmel entgegen. An dieser Erhabenheit habe ich jetzt meinen Anteil.

Und je länger ich da oben auf dem Gipfel bin und diese ganzen wunderbaren Gefühle genieße, umso mehr mischt sich da ein weniger gutes Gefühl hinein. Es drängt sich gerade dazwischen: Das Gefühl heißt – Trauer. Keine besonders schmerzhafte Trauer, sondern eine leichte Abschiedstrauer. Dahinter steckt das Wissen: Ich muss hier wieder runter. Ich kann hier nicht bleiben in dieser Erhabenheit und in diesem Glücksgefühl des Geschaft-Habens und Am-Ziel-Seins. Ich muss wieder runter und diesen Ort mit seinen Gefühlen verlassen.
Denn – selbst wenn das Ziel oben ist – ist das Ende des Wegs irgendwie doch unten. Wenn ich wieder zuhause bin oder am Auto oder an meiner Unterkunft oder wo auch immer. Jedenfalls unten. Im Alltag. In der Realität. Wie enttäuschend!

<b>Der Berg der Verklärung</b>
Jesus ist mit Petrus, Jakobus und Johannes auch auf einen Berg gestiegen. Sie haben dort oben noch ganz andere Erfahrungen gemacht. Eine „Verklärung“ haben sie erlebt.
Jesus war plötzlich ganz anders und ihnen sind die Vorväter aus der Vergangenheit erschienen: Mose und Elia, der Prophet Israels.
Und Gott hat zu ihnen gesprochen.
Petrus geht es, wie vielen Menschen auf einem Berggipfel: Er ist am Ziel. Er möchte nicht daran denken, dass er wieder hinunter muss – zurück in den Alltag. Er will dort bleiben und eine Wohnstätte errichten.
Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. (Mt 174) So spricht Petrus.

Nun, solche Erfahrungen habe ich noch nie auf einem Berg gemacht. Aber ein bisschen etwas verklärendes hat so ein Gipfelerlebnis schon. Es ist etwas erhabenes und etwas entrückendes.
Wenn ich auf einem Berg stehe, bin ich weit weg von allem. Stehe im wahrsten Sinne des Wortes über den Dingen, die mich sonst beschäftigen.
Die sind unten zurückgeblieben, weit weg, so dass sie mich nicht belasten und umtreiben können. Ich kann darüber hinweg sehen. Wer will schon zurück zum Alltag mit seinen Sorgen.

<b>Weitsicht</b>
Und dann ist da noch der Ausblick – jedenfalls bei gutem Wetter. Die weite Sicht ins Land. Von oben kann man Dinge auf einmal in den Blick nehmen, die man von unten niemals zusammen sehen könnte. Und man kann auf dem Berg Dinge sehen, die man sonst gar nicht sehen könnte. Man sieht alles aus einer anderen Perspektive.

Überblick gewinnen. Abstand gewinnen. Auf dem Gipfel eines Berges passierte das von ganz allein. Aber wenn ich wieder unten bin und der Alltag mich wieder hat, dann wäre beides oft noch viel hilfreicher.

<b>Exkurs: Weitsicht und Weltlage</b>
Etwas mehr Abstand und Überblick würde ich mir wünschen, wenn ich den Fernseher einschalte und die Nachrichten laufen. Abstand und Überblick – Weitsicht eben. Für mich und für alle anderen auch.
→ Ich hätte gerne die Weitsicht zu sehen, wo wir hinsteuern mit unserer Welt und unserem Land in diesem Jahr. 2015 hat momentan die Tendenz zu einem „annus horribilis“ zu werden – um mal die Worte von Königin Elisabeth II. zu verwenden. Das einzig positive scheinen momentan die Benzinpreise zu sein…
…und dass mehr mehr Menschen auf den Gegendemonstrationen, als auf den Pegida-Veranstaltungen sind. Das ist auch sehr gut.
Trotzdem: Dass Flüchtlinge nach Deutschland kommen und wir sie bei uns aufnehmen, ist eine Sache. Dass diese Menschen überhaupt fliehen müssen, ist eine andere. Wer aus Syrien, dem Irak, aus Eritrea oder aus Afrika zu uns kommt, tut das ja nicht, weil Deutschland so ein tolles Land ist, sondern weil er oder sie in der Heimat keine Perspektive mehr hat oder eben sogar Leib und Leben bedroht sind.

Und die Anschläge in Paris und die Reaktionen hier bei darauf zeigen mir eins: Wir haben überhaupt nicht geklärt, wie wir in unserem Land miteinander leben wollen und können. Welche Rolle Religion und Glauben in unserer Gesellschaft spielen können und sollen, ist unklarer als je zuvor.
Und besonders interessant ist, die diejenigen, die sich am lautesten auf die „christlichen“ Werte unserer Gesellschaft berufen, diejenigen sind, die mit dem christlichen Glauben und uns als Kirche am wenigsten zu tun haben.

Ich würde mir wünschen, dass ich mehr Weitblick habe, dass ich sehen könnte, wohin wir gehen könnten, welche Wege wir gehen können und was jeweils ihr Ziel wäre.

Zum Glück habe ich meinen Gott, der diesen Weitblick hat, mit dem er Raum und Zeit überblickt. Ich kann darauf vertrauen, dass Gott für seine Menschen nur das Gute will. Und ich bitte darum, dass Gott uns alle an diesem Weitblick teilhaben lässt – so gut wir es ertragen –, damit wir auch wirklich Gutes erreichen und uns nicht wieder einmal selbst im Weg stehen.

<b>Berg und Tal und Glaube</b>
Weitsicht, Abstand, Überblick – was für die großen Probleme der Weltgeschichte hilfreich wäre, ist auch sonst hilfreich, wenn auch in anderer Form. Abstand zu gewinnen zu den Dingen, die mich umtreiben – das ist eine gute Sache. Ich mache das viel zu selten.

Was ist den Jüngern auf dem Berg passiert? Sie sind hochgestiegen. Haben sich von ihrem Alltag entfernt. Haben sich über ihren Alltag erhoben.
Und dort oben auf dem Berg hatten sie eine Glaubenserfahrung. Anders kann man das nicht beschreiben. Mit naturwissenschaftlichen oder historischen Erklärungsversuchen kommen wir hier nicht weiter. Also: Sie hatten eine Glaubenserfahrung. Eine unmittelbare und direkte Begegnung mit Gott. Wer das für Unsinn hält, bitte. Aber so etwas erleben Menschen wirklich. Mag sein, dass es nur in unseren Kopf stattfindet, aber wer sagt denn, dass es deswegen nicht wahr wäre.

Eine solche Erfahrung ist ein Höhepunkt, wie jede andere Gipfelerfahrung auch und so wundert es nicht, dass Petrus sich gleich dort niederlassen will.
Aber das geht nicht. Man kann nicht auf dem Berg bleiben. Nicht auf dem Berg der Verklärung und nicht auf einem anderen realen oder nur bildlichen Berg. Wer oben ist, muss auch wieder herunter. Das klingt nach Binsenweisheit, ist aber eine (geistliche) Erkenntnis, die mitunter recht schmerzlich sein kann.

Das Geheimnis liegt darin das Hochgefühl des Augenblicks in den Alltag mitzunehmen und sich davon tragen zu lassen.
Das Geheimnis liegt darin, Abstand zu gewinnen um gestärkt wieder zurück zu kommen.
Das Geheimnis liegt darin, Glauben zu erleben um Glauben weiter geben zu können.

Wer schon mal auf einem Berg war, der kennt es: Das erhabene Gefühl, das einem dort oben beschleicht. Nicht zufällig haben die Menschen schon immer das Göttliche auf den Gipfeln der Berge gesucht. Gott scheint oben näher zu sein.
Man muss nicht auf den Mount Everest steigen um Gott besonders nahe zu kommen. Aber ab und an braucht es im Leben und im Glauben einen Gipfel, den man erklimmt – einen echten oder einen Gipfel im übertragenen Sinne. Einen Ort oder eine Zeit des Abstands und des Weitblicks, einen Ort oder eine Zeit, in der ich mich verklären lassen möchte, die ich mir auch erarbeiten/erklimmen muss, in der ich Gott nahe an mich heran lasse.

Ich bitte Euch, sucht Euch Eure „Gipfel“, Eure „Berge der Verklärung“, die Ihr ab und an „besteigt“ um dann wieder herunterzusteigen und das Leben zu meistern.

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