Verweile doch! Du bist so schön!

„Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!“

Liebe Gemeinde,

das wünscht sich Dr. Faust in der gleichnamigen Tragödie. Einen Moment, der das Leben lebenswert macht. Und Whitney Houston hat 1994 ein Lied gemacht, das bei kaum einer Hochzeit seither fehlen darf „Give me one moment in time“ – ein Moment in der Zeit, den ich nie mehr loslassen möchte. Leben wir ausschließlich für solche Momente? Leben wir – nur – auf sie hin? Gerade auch im Leben als Christen?

Hören wir auf die Erzählung aus dem Matthäusevangelium, wo es um solch ein besonderes Erlebnis geht. Ich lese aus Mt 17:

[TEXT]

Seltsames wird uns hier berichtet, liebe Gemeinde: Jesus geht mit seinen drei profiliertesten Jüngern zu einem Berg. Berge werden ja immer wieder in der Bibel als Orte der Gottesbegegnung genannt. Und als Jesus auf den Berg steigt, da passiert etwas ganz besonders mit ihm. Er wird vor den Augen seiner Jünger so von Göttlichkeit und himmlischem Lichtglanz durchflutet, dass er seinen Jüngern ganz fremd, verwandelt, verklärt erscheint. Und dann erscheinen auch noch Mose und Elia. Jene Urväter des Judentums also, die nach jüdischem Glauben in den Himmel entrückt wurden. Und dann schließlich noch die göttliche Wolke, aus der eine Stimme – wie schon bei der Taufe durch Johannes – bestätigt, dass Jesus Gottes Sohn ist. Dass Jesus also noch weit über Elia und Mose erhoben ist.

Die Jünger fühlen, dass Gott ihnen an diesem Ort so nahegekommen ist, wie noch nie. Dieser Ort ist erfüllt mit Gottes Gegenwart. Und Petrus wird den beiden anderen Jüngern sicher aus der Seele gesprochen haben, als er sagt: "Herr, hier ist gut sein. Willst du, so wollen wir drei Hütten bauen." Dieses religiöse Hochgefühl will er nun nicht mehr loslassen. Er will es zementieren. Diesen Ort, an dem er die göttliche Harmonie und Gegenwart so sehr gespürt hat, will er nie wieder verlassen.

Auch ich kenne solche Momente, in denen mir Gott ganz nahe kommt. Augenblicke religiösen Hochgefühls, wo ich mir meines Glaubens ganz gewiss bin. Freizeiten fallen mir ein, weil man da so eine intensive Lebensgemeinschaft auf Zeit erlebeben kann. Eine Jugendfreizeit in England, früh am Morgen, die Sonne ging gerade auf und wir sangen gemeinsam „Hell strahlt die Sonne, der Tag ist erwacht.“ Ein intensives Erlebnis von Gemeinschaft und des Einsseins mit Gott und mit den anderen. Dieses Erleben hätte ich auch gern festgehalten, für immer konserviert. Ich verstehe Petrus sehr gut. Und andere taten und tun das auch. Und versuchen auf ihre Weise die einmal erlangte Glaubensgewissheit fest zu machen. Da ist der junge Mann, der mir erzählte, er habe sich schon viermal taufen lassen – immer dann, wenn er meinte, jetzt habe er es aber wirklich. Oder die gute Freundin, die immer ihren Vater zu den Zeltevangelisationen begleitete und jedesmal nach vorne ging, um sich zu bekehren, weil sie meinte, jetzt sei sie so weit. Dass man sich immer wieder seines Glaubens gewiss machen muss, steht außer Frage. Aber kann man ein bestimmtes religiöses Hochgefühl fixieren, so dass man es niemals vergisst?

Immer wieder haben Menschen das versucht. Früher hatten klösterliche Gemeinschaften bestimmt auch diese Funktion. Heute ist es eher so, dass wieder eine neue Gemeinde entsteht. Ich kann mich noch an eine Diskussion während meines Zivildienstes erinnern. Es ging um Glaube und Kirche. Ich sagte, ich würde mich sehr wohl fühlen mit meinem Glauben. Darauf bekam ich von dem – betont atheistischen – Gesprächspartner zu hören: „Warum machst Du dann nicht deine eigene Gemeinde auf?“

Damit sie mich nicht falsch verstehen: ich möchte hier nicht den allein seligmachenden puren Schwarzbrot-Glauben predigen. Unser Glaube ist angewiesen auf solche Momente des Hochgefühls, auf solche Augenblicke, in denen wir Gott ganz nahe und unseres Glaubens ganz gewiss sind. Ich zehre von diesen Momenten.

Problematisch wird es aber , wenn Glaube nur mit diesem Hochgefühl gleichgesetzt wird. Wenn man sich so an dieses Hochgefühl klammert, dass nur noch der so erlebte Glaube wirklicher Glaube ist. In manchen Gottesdienstformen, in manchen Gemeinschaften wird ganz stark darauf gesetzt, solche Glaubensemotionen zu erzielen.

Aber: wer nur auf Höhenflüge in seinem Glaubensleben setzt, der ist auch bald abgestürzt. Wer Glauben nur in Emotionen sieht, der macht den Glauben zwar zunächst vordergründig vielleicht erfahrbarer, aber er baut zugleich auf äußerst unsicheren Boden. Denn Hochgefühle kann man nicht konservieren. In keiner Beziehung. Auch nicht im Glauben. Zum Hochgefühl muss noch etwas grundlegenderes, etwas tragfähiges hinzu kommen, sonst ist die Bauchlandung vorprogrammiert. Wer seinen Glauben nur dann für echt und richtig erklärt, wenn er ein bestimmtes Hochgefühl dabei hat, der macht seinen Glauben letztlich von sich selbst und seiner Gemütsverfassung abhängig.

Gegen solche Bestrebungen hat Martin Luther – dem wir ja ein gut Teil unserer evangelischen Nüchternheit verdanken – immer wieder die göttliche Seite des Glaubens herausgestellt. Das heißt: Gott schafft und erhält den Glauben in uns. Gott selbst ist der Garant dieses Glaubens. Gott hat sich uns zugesagt, auch wenn wir – gefühlsmäßig – ihm immer wieder fern erscheinen. Dieses Verständnis von Glauben hat Luther festgemacht an der Taufe. So wird von ihm erzählt, dass er in allen Anfechtungen und Glaubenszweifeln vor sich auf den Tisch geschrieben hat: "Ich bin getauft." Diese Tatsache der Zuwendung Gottes in Wasser und Wort gab ihm den Halt, den er in sich selbst und in seinem eigenen Glaubensgefühl nie sicher finden konnte. Gottes Versprechen, dass er uns als seine Kinder annimmt, gilt. Ich brauche mich bloß immer wieder daran zu erinnern.

Lassen Sie mich betonen: Glaube ist keine reine Kopfsache, er betrifft vielmehr den ganzen Menschen. Glaube muss erfahrbar sein. In meinem Leben muss ich erfahren, dass dieser Glaube mich trägt und mir Sinn gibt. Sonst ist er für mich letztlich irrelevant. Und Momente tiefster Glaubensgewissheit und Gottesnähe nehme ich dankbar an. Ich brauche sie auch, gerade wenn ich wieder in die Niederungen des Alltags, auch des Glaubensalltags steige. Denn dorthin geht es unweigerlich wieder. Auch für Petrus, Jakobus und Johannes. Das, was sie gesehen haben, verschwindet. Es geht wieder den Berg hinunter. Für Jesus selbst führt ja der Abstieg direkt nach Jerusalem, führt ihn in den Konflikt mit seinen Gegnern, in Anfeindung und schließlich ans Kreuz und in den Tod – auf einem ganz anderen Berg, auf Golgatha. Und für die Jünger geht es zunächst zurück in ihr „normales“ Leben.

„Und als sie vom Berge hinabgingen…“ Unser Glaube will, unser Glaube muss sich im Alltag bewähren. Dem Glaubensalltag, in dem es eben nicht nur Hochgefühle gibt, sondern in dem wir auch Anfeindungen wegen unseres Glaubens ertragen müssen. Der Glaubensalltag, wo Glaube und tägliches Leben und Erleben oft gar nicht einfach in Einklang zu bringen sind, wo es Zweifel und Anfechtung gibt. Und es ist auch wichtig, dass Christen sich nicht im Hochgefühl des Glaubens von dieser schnöden Welt abwenden, sondern ihren Glauben einbringen in sie. Den Menschen zu gut. Ein Stichwort ist mir da am vergangenen Wochenende sehr wichtig geworden. Wir haben uns beim Kirchengemeinderatswochenende mit dem „allgemeinen Priestertum“ oder „Priestertum aller Glaubenden“ beschäftigt. Als Christinnen und Christen haben wir die priesterliche Würde und das Vorrecht, direkt vor Gott zu treten. Aber mit diesem Vorrecht haben wir auch die Aufgabe, einander Priester zu sein. Anderen von Gott weiterzuerzählen, sie zu trösten, ihnen helfen, Ihr Leben von Gott her zu verstehen und im Vertrauen auf ihn zu leben. Eben einander Priesterinnen und Priester sein. Vom Berg hinabgehen, das ist wichtig – für uns und für andere.

„Und als sie vom Berge hinabgingen…“ Auch Jesus bleibt nicht auf dem Berg. Gott sei Dank wohnt Jesus nicht nur auf dem Gipfel höchster religiöser Emotionen und Glaubenserlebnisse. Jesus geht mit mir, mit ihnen durch den ganz normalen Alltag. Ich bin nicht darauf angewiesen, ihn in besonderen religiösen Höhenflügen zu suchen. Vielmehr sucht er mich und begleitet mich, da, wo ich bin. In den Niederungen meines Alltags mit seinen Durchschnittsgefühlen und spirituellen Durststrecken herabsteigt. Ich darf gewiss sein, dass Gott mir auch und gerade dort nahe ist, wo ich ihn und seine Gegenwart nicht spüre.

Auf dem vermuteten Berg der Verklärung steht übrigens längst eine christliche Wallfahrtskirche. Eine dreischiffige Basilika: eins für Mose, eins für Elia und eins für Jesus. Ich fands ein bisschen widersprüchlich zu unserer Geschichte.

Ich möchte aus dem Gehörten lernen: Ich muss die besonderen Augenblicke nicht festhalten und zu ihnen – wie Faust – sagen: „Verweile doch, du bist so schön.“

Ich will lieber auf das hören und mir zu Herzen nehmen, was Jesus zu mir sagt

"Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende."

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