An eurem Verhalten werde ich euch erkennen

Liebe Gemeinde,
Der Anschlag auf ein französisches Satiremagazin vor einer Woche hat der Auseinandersetzung um eine behauptete Islamisierung noch verstärkt. Die Pegida-Bewegung ist auch in Hannover angekommen. Auch wenn hier wie in allen anderen westdeutschen Großstädten die Gegendemonstationen zum Glück größer sind. Wer sich mit den Zahlen befasst, erkennt schnell, dass nicht die Zahl der Moslems in Deutschland das Problem ist. Wie also kann eine Minderheit solche Reaktionen hervorrufen?
Ich vermute, dass das mit dem Verlust eigener Werte zusammen hängt. Immer weniger Menschen in Deutschland sind sich ihrer kulturellen und religiösen Wurzeln bewusst. Statt Montags gegen Islamisten zu protestieren, würde es – so meine ich – helfen, sonntags in den Gottesdienst zu gehen. Respekt und Toleranz sind nicht Zeichen von Schwäche. Sie bilden den Kern unseres Glaubens an Gottes Heilshandeln in der Welt. Damit sind sie ein Zeichen unserer Stärke. Es ist Zeit, dass wir uns unserer Werte erinnern und sie selbstbewusst leben. Da passt es gut, dass in dem Erprobungsvorschlag der EKD für diesen Sonntag ein Abschnitt aus dem Römerbrief des Paulus als Predigttext vorgeschlagen ist. Bevor der Apostel sich auf den Weg in die Hauptstadt machen kann, schreibt er der Gemeinde. Der Brief enthält eine Zusammenfassung der zentralen Grundsätze christlicher Lehre. In diesen Fragen sollten wir uns einig sein, so meint Paulus.
Ich lese aus dem 12. Kapitel des Römerbriefes:
„Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, Geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.“
Eine lange Aufzählung von Forderungen. An diesem Verhalten werde ich euch als Mitchristen erkennen, so schreibt der Apostel.
Wenn wir diese Zeilen lesen, dürfen wir nicht vergessen, was sozusagen als Überschrift voran ging: Gerechtigkeit erwächst nicht aus den Werken. Sie ist eine Gnade Gottes. Wir können uns das Heil nicht verdienen. Es wird uns von Gott geschenkt. Darüber schreibt Paulus in den ersten Kapiteln des Briefes.
Aber Gottes Geschenk hat auch Folgen. Es ist nicht gleichgültig wie ich lebe. Es gibt Werte, die Gottes Heil in dieser Welt sichtbar machen. Bei aller Unvollkommenheit können und sollen wir ihnen nachstreben und so andere einladen, Gottes Geschenk anzunehmen.
Gehen wir den Abschnitt also Satz für Satz durch:
Die Liebe sei ohne Falsch.
Die Liebe zum Nächsten und sogar zum Fernsten ist das zentrale Merkmal Gottes. In diesem einen Gebot ist alles zusammengefasst, lehrt Jesus seine Jünger. Und zwar nicht berechnend. Nicht als Technik, um den anderen für mich einzunehmen. Gott liebt alle Menschen, darum sollt auch ihr sie mit seinen Augen ansehen. Gottes Blick weckt das Gute im Menschen. Es ist nicht nur die Reaktion auf das was schon liebenswert ist.
Hasst das Böse, hängt dem Guten an.
Erschreckende Bilder haben wir in den letzten Wochen wieder sehen müssen. Sinnlose Gewalt gegen Menschen, die in satirischer Überspitzung Missstände aufgezeigt haben. Gewalt, Krieg und Waffen sind nicht von Gott. Sein Geschenk ist die Liebe. Sein Geschenk sind faire Lebensbedingungen für alle. Hasst das Böse und hängt dem Guten an, heißt, dass das Böse kein Weg sein kann, um etwas durchzusetzen. Die Verbreitung des christlichen Glaubens kann nicht mit Gewalt geschehen, auch wenn das leider oft genug versucht wurde. Jesus hat nicht mit den himmlischen Herrscharen gesiegt, sondern durch völlige Offenheit. Sein Vorbild wirkte so ansteckend, dass die ersten Christen das bestorganisierte Heer der alten Welt überwinden konnten.
Die Liebe untereinander sei herzlich.
Das klingt so einfach. Doch Paulus richtet diesen Satz an eine Gesellschaft, für die es normal ist, dass wenige Eigentumsrechte an der Mehrheit haben. Christlicher Glaube hat der Sklaverei den Boden entzogen, obwohl es den Mächtigen finanziell weh getan hat. Herzliche Liebe setzt wirtschaftlichen Zielen enge Grenzen. Mit einer Geiz-ist-geil-Mentalität ist sie gar nicht zu verbinden. Mit einer restriktiven Flüchtlingspolitik auch nicht. Herzliche Liebe ist zu beobachten, wenn wir uns für die Lebensrechte derer einsetzen, die selber sprach- und wehrlos geworden sind.
Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
Auch das ist selten geworden bei uns. „Erst mal komme ich – und dann ganz lange gar nichts!“ so wird vielen schon früh beigebracht. Ehre wird oft genug mit Wohlstand verwechselt. Dabei geht es um die Würde, die jede und jeder von uns besitzen.
Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.
Das Gute erkennen und das Gute tun sind oft genug weit voneinander entfernt. Seid nicht träge, lasst euch hier und heute von Gottes Liebe anstecken. Nutzt die Zeit, die euch gegeben ist, um seinen Willen in dieser Welt erlebbar zu machen. Wartet damit nicht, bis ihr Anfang zu verdienen, der Beruf mehr euch Zeit lässt oder ihr schließlich in Rente seid. Seit nicht träge heißt: Nutzt die Gelegenheiten, die ihr jetzt habt.
Seid brennend im Geist.
Christlicher Glaube erreicht das Herz. Es geht um das ganze Leben. Diese Leidenschaft hat Paulus voran getrieben. Die ganze ihm bekannte Welt wollte er erreichen. Wie könnte diese Welt leuchten, wenn alle, die sich zu Christus bekennen, mit solcher Leidenschaft von Gottes Liebe erzählen und ihr Leben bestimmen lassen.
Dient dem Herrn.
Nichts anderes ist wichtig. Auch das klingt einfach. Dennoch haben sich viele andere Dinge in den Vordergrund geschoben. Wir dienen vor allem den Gesetzen des Marktes. Mit wirtschaftlichen Interessen lässt sich fast alles durchsetzen. Zynisch gesagt lässt der Mangel an Facharbeitern zurzeit manchen Politiker sein Herz für Flüchtlinge erkennen. Wenn wir Gott dienen, stehen die Menschen im Vordergrund. Und das, so Paulus, kann man sehen. In der christlichen Gemeinde genießen alle Schutz, unabhängig von ihren Leistungen. Schon weil wir wissen, das wir alle Gottes Maßstäben nicht genügen.
Seid fröhlich in Hoffnung, Geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
Der erste Teil dieses Satzes ist in der evangelischen Kirche oft vergessen worden: Wir haben Grund zur Freude! Wir dürfen fröhlich sein! Auch das darf man uns ansehen! Lachen ist gesund und lebenswichtig. Es gibt die Kraft, um auch die schweren Seiten des Lebens aushalten zu können.
Nehmt euch der Nöte der Heiligen an.
Christen sind eine weltweite Gemeinschaft. Die gegenseitige Unterstützung ist da selbstverständlich. Wir sind heute so gut über Lebensumstände im letzten Winkel der Welt unterrichtet wie nie zuvor. Verglichen mit dem, was mir da begegnet, verlieren alle Probleme bei uns an Gewicht. Es ist gut, dass auch in diesem Jahr über Brot für die Welt wenigstens ein kleiner Ausgleich dorthin fließt, wo unsere Schwestern und Brüder im Glauben ums Überleben ringen.
Übt Gastfreundschaft.
Die Gastfreundschaft zieht sich durch die Kulturen der Welt. Auch in der Bibel wird sie immer wieder beschrieben. Achtet auf den Fremdling in euren Städten. Flüchtlinge und Besucher sind auf Hilfe angewiesen. Unsere Wirtschaft und insbesondere die Pflege in Krankenhäusern und Heimen würde ohne Zuwanderer schon lange nicht mehr funktionieren. Gott selber ist als Fremder zu Abraham gekommen. Sein Volk hat mehrfach in der Fremde leben müssen. Auch viele von uns haben nach dem 2. Weltkrieg Flucht und Vertreibung erlitten und wissen, wie wichtig eine freundliche Aufnahme ist.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
Dieses ist die zentrale Botschaft der Bergpredigt: Überwindet den Hass durch Segen. Geht mutig auf die zu, die euch etwas antun wollen. Öffnet ihnen Möglichkeiten, euch zu verstehen. Seid ihr Segen für sie und euch, dann kann diese Welt genesen.
Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
Auch das ist so einfach gesagt. An eurer Empathie, an eurem Einfühlungsvermögen wird man euch erkennen. Seid fröhlich oder traurig. Je nachdem wie es euren Mitmenschen gerade geht.
Seid eines Sinnes untereinander.
Schön, wenn das zum Zeichen der christlichen Gemeinde würde. Aber wie schwer ist das umzusetzen! Schon in den meisten Ehen klappt das kaum. Wie viel weniger, wenn viele zusammen kommen.
Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.
Gottes Reich beginnt im Kleinen. So wie Lukas die Geburt schildert, so setzt Jesus sein Wirken fort. Dort wo er Menschen begegnet. Jede einzelne Begegnung kaum der Rede wert. Alle zusammen aber bewirken eine Veränderung, die den Mächtigen Furcht einflößt. So spielt es auch keine Rolle, dass ich nicht König von Deutschland bin. Mein Handeln in meinem Umfeld reicht völlig aus. Es wird zum Zeichen für Gottes Heilshandeln.
Haltet euch nicht selbst für klug.
Ich weiß, dass ich nichts weiß ist eine der zentralen Erkenntnisse der Philosophie. Unser Wissen hat enge Grenzen. Das wird nach einem guten Jahrhundert der technischen Weltbeherrschung immer deutlicher. Alles Wissen bleibt Stückwerk.
Liebe Gemeinde, eine lange Aufzählung ist das. Paulus beschreibt, wie er sich das Außenbild einer christlichen Gemeinde vorstellt. Und er beschreibt dieses Ziel, obwohl er weiß, dass wir es nur als Geschenk aus Gottes Hand erhalten können. Allenfalls kleine Schritte auf dem Weg in diese Richtung können wir gehen. Welch eine Kraft aber steckt in seiner Vision einer von Gottes Geist geprägten Welt! Amen.
Thomas Gleitz, Stiftskirche Wusntorf

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