Von humorlosen Attentätern und einem fröhlichen Gott

Er ist eigentlich schon uralt und eigentlich müssten ihn alle kennen, aber ich erzähle ihn trotzdem:

Mose kommt vom Berg Sinai herunter und sagt zu den Israeliten: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Ich hab‘ ihn runter auf zehn. Die schlechte: Ehebruch ist immer noch mit dabei.“

Darf ein Pastor einen Witz erzählen?
→ Ja, warum nicht.
Darf ein Pastor einen Witz im Gottesdienst erzählen?
→ Naja, kommt darauf an…
Darf ein Pastor einen Witz im Gottesdienst erzählen, in dem es um Glaubensdinge geht.
→ Natürlich darf da jeder seine ganz eigene Meinung zu haben und jede ihre. Ich aber sage: Ja und zwar erst recht.

Die Anschläge in Paris haben uns das gezeigt. Die Attentäter von Paris sind nicht nur Mörder, sondern auch zu tiefst humorlose Menschen.
Man muss einfach über sich selbst lachen können. Wer das nicht kann, hat im Leben was verpasst.

Natürlich ist die Grenze zwischen Humor, Satire und Beleidigung manchmal recht schmal…
Natürlich ist die Wahrnehmung, was noch lustig ist und wo die Schmerzgrenze überschritten ist, bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich, aber trotzdem gilt: Man muss auch über sich selbst lachen können und das schließt auch ein, dass man über seinen Glauben lachen können muss.

Auch unser christlicher Glaube hat seine Seiten, die etwas komisch anmuten und gerade das kirchliche Leben fordert doch manchmal geradezu dazu heraus, darüber zumindest ab und an mal ein paar Witze zu machen. Wenn man hört, dass die Vorsteherin eines evangelischen Damenkonvents ganz offiziell den Titel „Domina“ trägt, wie soll man da noch wirklich ernst bleiben.

Die Heiterkeit und Fröhlichkeit gehört zum Glauben genauso dazu wie auch Ernsthaftigkeit dazugehört, wie auch Andacht und Einkehr dazugehört oder Disziplin und vor allem Frömmigkeit.
Ein Glaube der nur fröhlich und lustig ist, wurde das Leben mit seinen Schattenseiten nicht ernst nehmen. Und ein Glaube der nur Ernst und gesittet ist, würde die schönen Seiten des Lebens ersticken. Wenn wir in der Geschichte der Kirchen der Reformation zurück blicken, müssen wir feststellen, dass es uns an Ernst eigentlich selten gefehlt hat – an einem freudigen, offenen Glauben hingegen schon deutlich öfter.
Wir haben eben die Erzählung von der Hochzeit in Kana aus dem Johannesevangelium gehört.
Jesus verwandelt Wasser in Wein…
…und rettet die Party!
Obwohl man schon sagen muss, dass es auch ein bisschen was von einer Gemeinheit hat, dass Jesus das Wasser in einen so guten Wein verwandelt. So gut, dass alle schon über den Gastgeber lästern: „Warum hast du den guten Wein so lange zurückgehalten? Wieso haben wir zuerst den nicht so guten bekommen?!?“ Es hat ein bisschen was von einer Gemeinheit… oder aber eben doch von einem besonderen Humor. Wer weiß…

Wie dem auch sei: Jesus rettet die Party.
Wer das Johannesevangelium von Anfang an liest, stellt fest, dass diese Geschichte das erste Wunder ist, was in diesem Evangelium beschrieben wird. Ja, im gewissen Sinne ist es Jesu erste öffentliche Handlung überhaupt in diesem Evangelium. D.h. das erste, was Jesus öffentlich von sich aus tut, ist dass er die Hochzeitsfeier rettet. Die Stimmung droht zu kippen, der Alkohol ist alle – das können wir uns alle gut vorstellen – und Jesus sorgt für Nachschub.
Ganz so humorlos und leibfeindlich, wie manche ihn gerne darstellen, war unser Herr und Heiland also anscheinend nicht.

Nun muss man bedenken, dass Johannes sein Evangelium etwa im Jahre 90 n. Chr. zusammengestellt hat. Also schon etliche Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung. Er war also nicht direkt ein Augenzeuge. Er war nicht dabei. Er hat Geschichten und Berichte, die in den Gemeinden weitergegeben wurden, zusammengestellt. Und was bei Johannes sehr deutlich ist, ist dass es ihm nicht darum ging eine historisch genaue Darstellung zu schreiben. Sondern er hat versucht ein Werk zu verfassen, was seinen Glauben an Jesus zusammenfasst und darstellt. Und es ist schon bemerkenswert, war er tut:

Zunächst kommt dieser sprachlich gewaltige Anfang: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort… Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. (Joh 11ff)
Wortgewaltig macht er deutlich, wer und was Jesus wirklich ist: Wort Gottes! Jesus ist das Wort das sichtbare und anfassbare Wort Gottes. Was nichts anderes heißt als : Jesus ist Gott.

Dann wird über Johannes den Täufer berichtet. Der im Prinzip das ganze noch mal bestätigt: Ich bin nicht der Messias, der Erlöser der Retter, sondern Jesus.
Es wird von der Taufe berichtet und Jesus gewinnt seine ersten Jünger. Das ist aber alles noch nicht so sehr öffentliches Handeln.

Und dann kommt diese Hochzeit zu Kana – Jesu erstes Wunder ist ein Wunder, was dafür sorgt, dass die Hochzeit weitergehen kann. Ein Wunder, was eigentlich keinen tieferen, sonstigen Sinn hat. Ein Wunder, was einfach nur Freude schenken soll. Niemand wird geheilt, niemand wird vom Tode erweckt.

Wir haben etwas ähnliches auch an einer anderen Stelle in unserem kirchlichen Leben:
1976 hat die UNO, haben die Vereinten Nationen eine Kalenderreform beschlossen. Es wurde unser Kalender mit unserer Jahreszählung als allgemeingültiger Kalender für die ganze Welt festgelegt. Auf Grundlage dieses Kalenders sollten Verträge geschlossen werden, sollten Staaten miteinander arbeiten.
Diesem Rahmen wurde auch beschlossen, dass der Montag der erste Tag der Woche sein soll.
Seit dem haben wir bei uns in Mitteleuropa eine Woche, die mit fünf bis sechs Arbeitstagen beginnt, bevor dann als krönender Abschluss das Wochenende mit dem Sonntag folgt: der Feiertag am Ende, den man sich quasi erst erarbeiten muss. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
Der christliche, kirchliche Kalender sieht es ganz anders: „Gott hat die Welt in sieben Tagen geschaffen und ruhte am siebten Tag.“ So begründet sich die Woche aus sieben Tagen. Jesus wurde am Tag vor dem Sabbat, dem jüdischen Feiertag, dem siebten und letzten Tag der Woche gekreuzigt und ist gestorben. Und er ist am Tag nach dem Sabbat, dem ersten Tag der Woche auferstanden. Und schon die ersten Christenmenschen versammelten sich daher immer am Tag der Auferstehung, dem ersten Tag der Woche, zum Gebet und zur Feier des Abendmahles. Und im Laufe der Zeit wurde dieser Tag zum christlichen Feiertag, dieser erste Tag der Woche.
Also: nach christlich-kirchlicher Lesart ist der Sonntag der erste Tag der Woche: Wir beginnen die Woche mit einem Feiertag. Und den müssen wir uns nicht erst in der Woche verdienen, der wird uns zu Beginn einfach so geschenkt.
Das ist zutiefst christlich und auch zutiefst evangelisch: Gott schenkt uns, ohne dass wir uns etwas verdienen müssen. Gott schenkt uns seinen Feiertag, den wir heiligen sollen, an dem wir nicht arbeiten müssen, sondern Gott feiern dürfen.
Genauso schenkt uns Gott ja auch seine Gnade ohne, dass wir sie uns verdienen müssen, ja verdienen könnten.

Es ist also kein Zufall, dass Johannes sein Evangelium so komponiert, dass das Fleisch gewordene Wort Gottes als erstes eine Party rettet um den Menschen Freude im Leben zu schenken.

Wie gesagt: Die Heiterkeit und Fröhlichkeit gehören zum Glauben genauso dazu wie auch Ernsthaftigkeit dazugehört, wie auch Andacht und Einkehr dazugehört oder Disziplin und vor allem Frömmigkeit.

Und darum muss man auch über sich selbst lachen können. Und über Dinge des eigenen Glaubens. Das wertet den Glauben nicht ab, sondern macht ihn nur vollständig und ganz. Und es zeigt auch, wie gut man im Glauben verwurzelt und gefestigt ist. Wer sich seines Glaubens sicher ist – jedenfalls mehr oder weniger –, den werden auch Witze, Satire oder Karikaturen nicht aus der Bahn werfen.

Leider scheint gibt es in alles großen Religionen und Weltanschauungen dieser Welt immer wieder und immer noch Menschen, denen das nicht so gelingen will – nicht nur unter Moslems, auch nicht selten unter Christen und auch unter Pegida-Demonstranten. Die allzu verbissen durch’s Leben gehen und alles pedantisch genau nehmen und das als Zeichen der Stärke sehen.

Gott hat uns einen Glauben geschenkt, den wir uns nicht verdienen mussten, einen Glauben voller Ernsthaftigkeit und Tiefe, und voller Leichtigkeit und Freude. Lasst uns das hinaustragen, anderen Menschen vorleben und die Welt damit anstecken. Amen.

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