Epiphanie im "Tout est pardonné"

Liebe Gemeindeglieder,

Nach dem Fest der Geburt Jesu folgen die ersten Geschichten aus dem Leben Jesu. Gleichzeitig geht es in dieser sogenannten „Epiphaniaszeit“ um das, was Epiphanie meint: „Sichtbarwerden Gottes in Jesus und damit in der Welt“. Unser heutiger Predigttext, der Bericht vom ersten Wunder Jesu im Johannesevangelium verbindet beides.
Wir hören Johannes 2,1-11.

(Lektorin liest)

Dass es in dieser Geschichte um das Sichtbarwerden Gottes im Auftreten Jesu geht, war in früheren Zeiten sofort klar. Wer die Bibel wörtlich versteht, bestaunt voll Freude, dass für Jesus alles möglich ist. Nicht nur Krankheit heilen und Tote auferwecken, sondern bei Bedarf auch mal eben 600 Liter Wasser in Wein verwandeln.

Die Zeit aber, wo man die Bibel so ganz ungebrochen wörtlich verstehen konnte, endete vor 250 Jahren. Der Dichter und Theologe Lessing sagte: Wir stehen nicht vor dem Wunder selbst, sondern nur einem menschlichen Bericht. Nun konnten Zweifel geäußert und Ungereimtheiten benannt wurden. Dagegen wiederum wurden Erklärungen versucht. Auf die Frage etwa, wie es sein kann, dass jemand eine Hochzeitsfeier plant und dabei nicht genügend Wein hat, wurde geantwortet, dass Jesus mit seinen 12 Jüngern wohl unverhofft dazu gekommen sei. Worauf süffisant geantwortet wurde, dass die Jünger ziemlich trinkfest gewesen sein müssen, wenn ihr Erscheinen es notwendig machte, weitere 600 Liter Rebensaft bereit zu stellen. Auf heutigen Flaschen gezogen, wären das immerhin fast 1000 Stück. Da kann man schon ein ordentliches Fest mit feiern.

Heute wiederum wird über diese Erklärungsversuche gelächelt, weil sie ernst nehmen, was für die Erzähler völlig egal war, aber nicht ernst nehmen, was die Geschichte einzig sein will: eine Wundergeschichte! – Die gar nicht daran interessiert ist, warum der Wein ausgeht, oder dass die größten Tongefäße damals nur 50 Liter fassten.

Wenn sie aber eine Wundergeschichte ist und sein will, was machen wir dann heute im 21. Jahrhundert damit?
Wir haben zwei Möglichkeiten.
Manche Christen sagen. Sie steht in der Bibel, es ist ein Wunder, wo ist das Problem?

Wenn man diese Geschichte aber – wie ich – nicht für einen exakten Bericht halten kann, weil man an solch ein Wunder nicht glauben kann, dann kann man sie sehen im Zusammenhang der vielen Wundergeschichten, die nach Jesu Tod erzählt wurden. Die Christen waren so sehr vom ihrem Glauben und von Jesus begeistert, dass immer mehr solcher Wundergeschichten entstanden. Nicht, um da Lügengeschichten zu erfinden, sondern um ihren Glauben und ihr grenzenloses Zutrauen und Begeisterung für Jesus auszudrücken.
Einige dieser Geschichten sind bis heute erhalten geblieben. Im Kindheitsevangelium nach Thomas etwa wird etwa erzählt, dass Jesus als fünfjähriges Kind an einem Sabbat fünf Spatzen aus Lehm geformt habe, und sie dann sozusagen im Spiel versehentlich zum Leben erweckte, so dass sie wegflogen.
Als später überlegt wurde, welche Bücher in das Neue Testament gehören sollen und welche nicht, da ging es darum, bei aller Liebe zu solchen tollen Geschichten hier doch die Spreu vom Weizen zu trennen.

Und so kann man mutmaßen, was Johannes bewog, nun gerade diese Erzählung aufzunehmen und als erstes Wunder in sein Evangelium einzubauen.
Sie passte natürlich, weil Jesus wirklich gerne mit den Menschen gegessen und getrunken hat und weil er in Gleichnissen oft von Hochzeitsfesten sprach und das Reich Gottes damit verglichen hat. Wichtig aber scheinen mir drei Dinge:

1. Konnte er damit seinen Glauben ausdrücken, dass Jesus jede Art von Wundern tun kann.

2. Zweitens aber konnte er mit dieser Geschichte zugleich ausdrücken, worauf es eigentlich ankommt. Dadurch, dass er schon bei diesem ersten „Zeichen“, wie er es nennt, Maria auftreten lässt, die am Ende auch bei der Kreuzigung dabei sein wird, weist er schon hier auf das Ende. Und während Jesus hier sagt: „Meine Zeit ist noch nicht gekommen“ sagt er später am Kreuz dann: „Es ist vollbracht“.
Soll heißen: Das wirkliche Zeichen der Göttlichkeit ist nicht, dass Jesus mal so nebenbei einen halben Hektoliter Wein macht, sondern seine Hingabe am Kreuz. Was wirklich wichtig ist sagt Jesus bei Johannes im 15. Kapitel (Vers 13): „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“
Nicht ein spektakuläres Weinwunder, sondern seine Selbsthingabe ist der eigentliche Erweis seiner göttlichen Sendung.

3. Das Dritte, was unsere Geschichte sagt, ist, dass Gott, dass das Wunder nicht nur für die ganz großen Themen unseres Lebens wichtig ist. Die Geschichte ermutigt, auch für die alltäglichen Dinge mit Gott zu rechnen.

Und das kenne ich und find ich wichtig: Da kann ich aufgeklärt sein, wie ich will. Wenn ich eine Beerdigung habe und ich in 15 Minuten auf dem Friedhof sein muss und ich finde mal wieder nirgendwo den Autoschlüssel, dann flehe ich hektisch suchend: „Gott! Bitte! Wo ist dieser blöde Autoschlüssel?“ Und wenn ich ihn finde, sage in inständig: „Danke!“
Ich weiß, dass Gott wichtigeres zu tun hat, als einem unkonzentrierten Pfarrer die Autoschlüssel zu zeigen. Und ich rechne auch nicht wirklich mit einer Hilfe, die man experimentell nachweisen könnte.
Aber ich weiß, dass zu Gottes Liebe zur Schöpfung und zu mir auch das gehört, dass ich ihn wegen so einem Quatsch anflehen kann.

Und damit komme ich zu der Bedeutung die diese Geschichte für uns im 21. Jahrhundert haben kann: Sie fragt uns: Wenn nicht wie in dieser Geschichte, wie rechnest du denn mit Gott? Wo rechnest Du mit einem Wunder?

Und da gilt für mich: Ich glaube zwar nicht an das Wunder einer solchen Wein-vermehrung, aber diese Geschichte ist mir wichtig, – und jetzt wird es ernst – weil ich an Wunder glaube. Weil ich an Wunder glaube, auf Wunder hoffe und vertraue.

Ich glaube nicht an Wunder im Sinne von Durchbrechung der Naturgesetze, der alten Naturgesetze des mechanischen Weltbildes.

Aber ich glaube an Wunder, wie sie im neuen Weltbild der Quantenphysik wieder denkbar geworden sind.
Ich glaube an Wunder in dem Sinne, dass die Welt nicht wie ein starr ablaufen-des Uhrwerk ist. Die Zukunft ist nicht von einem anonymen Schicksal unabän-derlich vorherbestimmt. Sondern in ihr kann jederzeit das Wunder geschehen, dass es ganz anders kommt, als alle Menschen gedacht und die Computer vorausberechnet haben.
Weil auf der subatomaren Ebene nicht alles vorherbestimmt ist, kann es Zufälle und Freiheiten geben. Und deshalb sind wir als Menschen auch nicht vorpro-grammiert, sondern frei. Frei das Gute zu tun, oder das Schlechte, bzw., was wir dafür halten.
Und mein Wunderglaube und mein Gottvertrauen ist, dass so (und wahrschein-lich noch ganz anders) Gottes Geist, der Schöpferwille, Gestalt gewinnen kann in der Welt. (vgl. Hans Peter Dürr)

Was ich damit meine, wage ich einmal anhand der Ereignisse der letzten Woche auszudrücken.
Ich hoffe, ich rede jetzt nicht zu pathetisch, aber die Reaktionen auf die abscheulichen Attentate in Paris hatten für mich etwas von einem solchen Wunder.
Anders als am 11. September 2001 wurde nicht als erstes mit dem Ruf nach Vergeltung reagiert, sondern, wie ich wirklich finde, im Geiste Jesu.

Beisammenstehen, erst mal schweigen, keine lauten Vergeltungsreden schwingen, Hände reichen, nicht Gräben weiter vertiefen, sondern Brücken bauen.

Und so ist nicht das passiert, was die Attentäter wollten, und womit sie ei-gentlich fest hatten rechnen können: Dass der Konflikt zwischen Muslimen und Nichtmuslimen auch in Europa weiter eskaliert. Dass pauschale Anfeindungen und Ausgrenzungen gegenüber Muslimen weiter zunehmen und so das Ziel erreicht wird, immer mehr Ausgegrenzte in den Dschihat zu treiben.

Stattdessen ist diesmal genau das Gegenteil passiert. Weil sich „zufällig“ die Parteien nicht einigen können, ist es zum ersten mal so, dass der Zentralrat der Muslime einlädt zu einer Mahnwache für die Opfer des muslimischen Terrors und unsere Kanzlerin sagt zum ersten Mal unüberhörbar, dass der Islam heute zu Deutschland dazu gehört.
Und die Überlebenden von Charlie Hebdo haben nur wenige Tage nach der Ermordung ihrer Freunde und Weggenossen die ungeheure Größe, ihr neues Heft mit „Alles ist vergeben“ zu überschreiben.

Die Zeichner von Charlie Hebdo mögen uns dafür böse karikieren, aber für mich ist es unzweifelhaft, dass diese überzeugten Atheisten und beißenden Kritiker des Christentums damit unbewusst oder vielleicht sogar bewusst in der Tradition des Geistes Jesu stehen.

Und für mich ist mit all dem mitten in dieser Gewalt für einen Moment aufgeleuchtet, wie ein friedliches Miteinander aller Menschen in Europa und auf dieser Welt aussehen kann.

Ich kann das sehen als einen Moment, vielleicht nur ein paar Tage, wo etwas vom Geist Gottes in dieser Welt sichtbar wird.

Epiphanias – Sichtbarwerden Gottes im Wiederhall des Wirkens Jesu.

Das dies mehr sein möge, als nur ein kurzes Aufflackern, das ist meine Hoffnung.

Aber so und nur so ist die Zukunft der Welt offen und möglich.

Amen.

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