Die Welt entgiften (Röm 12,1-8; Erprobung Reihe III)

Liebe Gemeinde,

I. Ein Holzschnitt-Bild zur Gegenwart
Es ist so, als wollte unsere Welt auseinander brechen. Furchtbare Terroranschläge ereignen sich. Die islamische Welt steht in Flammen. Vornehmlich in Dresden versammeln sich tausende von Menschen, um gegen eine befürchtete „Islamisierung“ Europas zu demonstrieren. Menschen leben in Angst. Natürlich könnte man entgegnen, derartige Ängste seien unvernünftig und irreal. Aber das ist Wesen der Angst: sie kennt keine Vernunft und zweifelt an der Realität.
Schaut man etwas tiefer, so mag man erkennen, wie sich unser Zusammenleben auflöst. Menschen vereinsamen und vereinzeln sich. Dass Ehen und Familien zerbrechen, gehört leider heute zur unhinterfragten Realität. Jedes 7. Kind hat meist im Alter von 13/14 Jahren den Verlust familiärer Geborgenheit erlitten. Woran soll, woran kann man sich noch orientieren? Religion, Kirche und Glaube verlieren an Prägungskraft. Wir leben in Freiheit und in Frieden. Doch es scheint so, als wüsste das kaum jemand zu schätzen. Wir leben in einem sehr reichen Land und haben dennoch wachsende Armut unter uns, die aber gerne statistisch verschleiert wird. Überall geht es nur noch um Wirtschaft, Gewinn und Märkte. Der „Markt“ ist der Götze des neoliberalen Denkens. Auf einem Markt muss jeder schauen, wie er handelt. Wir sind frei – wir sind einsam. Kümmere dich um dich selbst, ist die Devise: Sorge für dein Alter, sorge für deine Gesundheitskosten, sorge für deine Karriere. Wir sind reich, aber für Pflege und für Bedürftige ist kein Geld da. Sie „missbrauchen“ es ja auch nur. Das ist die „Vernunft“, die unserer derzeit Welt innewohnt. Wobei ich weiß, dass solche Skizzen, wie die hier vorgetragene, holzschnitzartig nur Linien, aber keine Zwischentöne zeigen.

Der deutsche Soziologe Wilhelm Heitmeyer (Bielefeld) fasst seine Einschätzung unserer Zeit so zusammen:
1. Je mehr Freiheit, desto weniger Gleichheit;
2. je weniger Gleichheit, desto mehr Konkurrenz;
3. je mehr Konkurrenz, desto weniger Solidarität;
4. je weniger Solidarität, desto mehr Vereinzelung;
5. je mehr Vereinzelung, desto weniger soziale Einbindung;
6. je weniger soziale Einbindung, desto mehr rücksichtsloses Durchsetzen.

II. Das Zukunftsbild des Paulus
Am heutigen Sonntag kommt Paulus zur Sprache. Er spricht von Hingabe und von Opfer. Er fordert: Erneuert eure Art zu denken. Denkt maßvoll von euch selbst.
Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Denn ich sage … jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

Und dann greift Paulus ein zu seiner Zeit wohl sehr bekanntes Bild auf: Wir sind in Christus ein Leib.
Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.

III. Streit im alten Rom
Das Bild vom Körper als Symbol menschlichen Zusammenlebens war zu Paulus Zeiten deswegen so berühmt, weil es einst Frieden gestiftet hatte.

Livius, ein römischer Geschichtsschreiber erzählt davon:
Rom im 3. Jahrhundert v.Chr. hatte eine Zeitlang Frieden mit den Nachbarn. Im Innern aber herrschte Aufruhr. Die reichen Familien hatten nämlich kurzerhand verschuldete Bürger zu Sklaven degradiert. Wütend verließen die ärmeren Römer, der Plebs, die Stadt und lagerten auf einem Berg gegenüber.
„Auswärts ist der Friede hergestellt; den inneren wollen wir nicht. So will ich beim Aufruhre lieber Privatmann, als Diktator sein.“ Mit diesen Worten verließ Manius Valerius das Rathaus und legte seine Diktatur nieder.
In der Stadt herrschte große Bestürzung und alles schwebte in gegenseitiger Furcht. Die von den Ihrigen zurückgelassenen Bürger fürchteten Gewalt von den Patriziern. Die Patrizier fürchteten die zurückgebliebenen Bürger, und wussten nicht, was ihnen lieber sein würde, wenn diese blieben, oder gingen. Voll Angst fragte man sich: „Wie lange werde aber der ausgezogene Haufe sich noch ruhig verhalten“.
Appius, ein Mann mit außerordentlichem Temperament, meinte, dass mit Gewalt beschlossen werden muss, die Sache zu erledigen: Sobald der eine oder der andere gefangen genommen ist, würden auch die anderen schweigen. Aber er fand keine Zustimmung.
Hoffnung bestand nur darin, dass wieder Einigkeit unter den Mitbürgern herrschen würde. Diese Einigkeit wollte man dem Staat zurückgewinnen, es koste, was es wolle.
Man beschloss also, den Agrippa Menenius, einen beredten und bei den Bürgerlichen, mit denen er gleicher Abkunft war, beliebten Mann, als Redner an das Volk zu schicken. Er wurde ins Lager gelassen und trug folgende Erzählung vor:
„Einst, als im Menschen noch nicht alles so einstimmig gewesen sei, wie jetzt, sondern jedes Glied seinen eignen Willen, seine eigne Sprache hatte, habe es die übrigen Glieder verdrossen, dass ihre Sorge, Arbeit und Dienstleistung alles nur für den Magen herbeischaffe, der Magen aber, ruhig in der Mitte, nichts weiter tue, als dass er in den ihm zugeführten Genüssen sich sättige. Sie hätten sich also verabredet, die Hände sollten keine Speise zum Munde führen, der Mund die gebotene nicht annehmen, die Zähne sie nicht zermalmen. Über diese Spannung, in der sie den Magen durch Hunger zu zwingen dächten, waren zugleich die Glieder selbst und der ganze Körper auf den höchsten Grad der Auszehrung gebracht. Da sei es ihnen einleuchtend geworden, dass auch das Geschäft des Magens nicht in Untätigkeit bestehe, und dass er ebenso, wie er genährt werde, auch selbst wieder nähre, indem er das durch Verdauung der Speise gezeitigte Blut, wodurch wir leben und gedeihen, auf die sämtlichen Adern verteilt, in alle Glieder des Körpers ausgehen lasse.“
Durch Darlegung der Ähnlichkeit dieses inneren Aufruhrs im Körper mit der Erbitterung der Bürger gegen die Patrizier, soll er seine Zuhörer umgelenkt haben. Es kam über die Aussöhnung zu Unterhandlungen und in den Vergleichspunkten wurde den Bürgerlichen eingeräumt, dass sie ihre eigne Obrigkeit haben. Dem zufolge wurden zwei Bürgertribunen erwählt, Cajus Licinius und Lucius Albinus.

III. Wie Paulus das Gleichnis aufgreift
Dieses Gleichnis vom Körper als Bild menschlicher Gemeinschaft hat Paulus aufgegriffen. Daran, wie er es gewandelt hat, sieht man seine Absicht. Stand bei Livius noch die Rechtfertigung des „Magens“, also der Patrizierherrschaft, im Vordergrund, so verzichtet Paulus auf jede Wertung. Er denkt nicht an Hierarchie. Ihm ist der Zusammenhang viel wichtiger:
Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.

Gemeinschaft im Leib Christi heißt, füreinander da zu sein. Menschen unterscheiden sich, in dem, was sie können; in dem, wie sie begabt sind. Diese Unterschiede leugnet Paulus nicht.
In einem aber stimmte er mit der alten Erzählung überein. Auch Paulus schrieb mit der Hoffnung, dass dieses von ihm aufgegriffene und gewandelte Bild dem inneren Frieden der Gemeinde diene.

IV. Vernünftiger Gottesdienst
Heute steht dieses Bild nun vor unseren Augen. Wir haben seinen Ursprung kennen gelernt. Es diente einst dazu, Frieden zu schaffen im Zusammenleben unterschiedlicher Menschen. In der Kirchengeschichte hat es stets den Zweck, das Wesen der Kirche zu beschreiben: Kirche ist eine begabte, eine charismatische Dienstgemeinschaft. Für gewöhnlich wird dieses Bild nach innen gewandt. Gerne nimmt man es her, um den inneren Zusammenhang einer Gemeinde zu beschreiben: Alle sind notwendig von der Briefausträgerin über die Gruppenleiterin bis hin zum Pfarrer. Jede und jeder nach seinen Gaben.

Wir wenden das Bild heute nach außen und fragen uns: Was kann unsere Kirche dazu beitragen, dass der innere Friede erhalten bleibt? Was kann die Kirche dazu beitragen, dass Menschen wieder Orientierung finden? Wie schauen die Umrisse des „vernünftigen Gottesdienstes“ in unseren Tagen aus?

V. Eine Skulptur
Mit einem Holzschnitt hatten wir begonnen. Mit einer Skulptur, mit einer Figur wollen wir enden. Symbolisch stelle ich uns ein Kreuz aus Platin vor die Augen.
Warum ich Platin wähle? Diesen edlen Stoff besitzt jeder von uns, der ein Auto sein eigen nennt. Platin ist im Katalysator ihres Wagens eingebaut. Ein Katalysator hat eine ganz wichtige Aufgabe: Er entgiftet die Abgase. In der Chemie dient ein Katalysator dazu, eine Reaktion zu beschleunigen und positiv zu beeinflussen. Er selbst wird dabei nicht verbraucht.

Und so sehe ich die Aufgabe unserer Kirche in unseren so unruhigen Tagen: Sie dient der Entgiftung. Es sind so viele giftige Gedanken unter uns: Vorurteile gegenüber Mitbürgern mit ausländischer Herkunft. Hass gegenüber Fremden. Zukunftsangst. Gleichgültigkeit. Hoffnungslosigkeit. Ich erinnere an den eingangs skizzierten Holzschnitt.

Wie man eine Gesellschaft entgiftet? Das ist ein langwieriger Prozess. Das ist eine Aufgabe, an der wir als bewusste Christen und Christinnen mitwirken können. Das mag Jahre dauern. Es bedarf unserer Opferbereitschaft.
Wohl täglich hören wir giftige Gedanken. Eventuell wohnen sie auch in unserem eigenen Kopf.
„Stellt euch nicht dieser Welt gleich“, mahnt Paulus: Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Da kann ich bei mir selbst anfangen. Ich kann weitermachen in Gesprächen mit anderen. Nicht, dass wir die anderen belehren, weil wir alles besser wissen. Wer Angst hat, bedarf keiner Belehrung. Er bedarf des Vertrauens. Das entsteht dann, wenn man sich mit Respekt begegnet und miteinander spricht. Gegeneinander demonstrieren mag politisch, aber nicht christlich richtig sein.

Ich kann aufhören, über andere Menschen abfällig zu reden. Ich kann bei mir anfangen, das Gift, das nach Macht gierende Menschen ausstreuen, aus meinem Herzen zu werfen.

Natürlich darf man das benennen, was falsch ist. Falsch ist es, wenn im Namen einer Religion, im Namen des Islams furchtbare Morde begangen werden. Falsch ist es, wenn Menschen hierher kommen und doch nicht wirklich hier leben wollen. Falsch ist es, wenn wir fremden Menschen mit Misstrauen begegnen. Falsch ist es, wenn wir nicht mehr auf Christus hören, und Flüchtlingen Schutz verweigern. Falsch ist es, wenn wir nationalistisches Gedankengut aus der Mottenkiste holen. Falsch ist es, wenn wohlhabende Menschen gegenüber Hilfsbedürftigen gleichgültig werden. Falsch ist es, wenn wir uns aufstacheln lassen. Wir dürfen das Falsche benennen. Das muss jeder ertragen können und er kann es, wenn er in allem dennoch Respekt spürt.

Wir können beten für eine gute Zukunft. Und wir dürfen Vertrauen leben, Vertrauen bezeugen, Vertrauen bekennen. Es scheint so, als wollte die Welt auseinanderbrechen. Doch Gott hat uns den Geist gegeben, diesem Bruch zu wehren. Der Geist Gottes ist unser Katalysator, der sich niemals verbraucht.

Kirche, wir, können Katalysatoren sein: Wir entgiften diese Welt. Und wenn uns das gelingt, da mag man eines Tages auch wieder Bilder hören, Bilder glauben, die der Zukunft dienen: Wir sind geboren im Leib Christi, sind seine Glieder. Das ist es, was uns stark macht.

Wie singen wir so gerne zum Reformationsfest?
Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

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