Je suis Charlie

Liebe Gemeinde,
„Je suis Charlie“
Auf einmal können wir alle drei Worte Französisch, auch diejenigen, die es nie gelernt haben. Am Mittwoch wurde die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo von zwei islamistischen Attentätern überfallen, die gnadenlos die Mitarbeiter und auch zwei Polizisten eiskalt „abknallten“ – so muss man wirklich sagen. Am Freitagnachmittag erst hatte der Spuk ein vorläufiges Ende, die beiden Attentäter sind tot.
„Je suis Charlie“ „Ich bin Charlie“ – das wurde das Motto all derjenigen, die sich mit den Opfern dieses Massakers solidarisch erklären wollte. „Ich bin Charlie“ – d. h.: Ich halte die Freiheit der Presse für einen unantastbaren Grundwert unserer Demokratie. Auch wenn mir eine Zeitung nicht gefällt, mir eine Satire zu heftig ist, die Kritik an meiner Religion mich beleidigt: das JA zur Presse- und Meinungsfreiheit aller überwiegt all dieses.

Und bevor wir uns jetzt über den Gewaltanteil des Islam oder des Koran mokieren, sollten wir uns erinnern: Auch das Christentum musste das erst ganz mühsam lernen. Lange haben die Kirchen in vollkommener Einheit mit den weltlichen Herrschenden allen Menschen ihre Weltordnung und ihre Sicht der Dinge aufgezwungen. Die Spur durch die Geschichte ist blutig. Die Aufklärung hat gegen den Widerstand der Kirchen die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt. Lange hat sich die Kirche gewehrt gegen das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit. Das war alles ein Prozess, der fast 200 Jahre gedauert hat. Heute sagen die christlichen Kirchen, zumindest in Deutschland: Ja, der Glaube fordert den ganzen Menschen, das ganze Leben. Aber nur des Einzelnen. Kein Mensch darf seinen Glauben anderen aufzwingen. Kein Staat darf die Menschen in das Korsett einer Religion zwingen. Ich denke schon, dass der Islam noch Hausaufgaben machen muss, was die Trennung von Staat und Religion angeht. Auch wenn alle muslimischen Verbände ganz deutlich das blutige Attentat als eine barbarische Tat verurteilt haben.
Auf dem Hintergrund all dieser Geschehnisse habe ich über den Predigttext für den heutigen Sonntag nachgedacht. Jesus kommt an den Jordan zu Johannes und lässt sich taufen.

NA UND?

Möchte ich mal ganz frech fragen.
Im Kopf die blutigen Nachrichten der letzten Tage, die Dramatik mit einer weiteren Geiselnahme, die Debatten um Religion und Freiheit:
Und dann diese etwas beschauliche, wenig aufregende Geschichte.
Ich stelle mir einen hellen heißen Tag vor. Die Sonne scheint, das Wasser des Jordans glitzert blau und verheißungsvoll. An seinem Ufer sitzt eine Gruppe von Menschen, sie hören einem Prediger zu. Einige Zuhörer sind so fasziniert von dem, was der Prediger Johannes zu sagen hat, dass sie sich taufen lassen. Eine Zeichenhandlung: Das Untergetauchtwerden zeigt: Sie wollen ein neues Leben anfangen, ein Leben mit Gott.
Das wirkt so idyllisch, so harmlos.

Auf den ersten Blick.

Wenn wir genauer hingucken, dann sehen wir zwei Männer, Johannes und Jesus, die die Menschen aufgefordert haben, sich ganz Gott hinzugeben. Keine halben Sachen, kein: „ein bisschen glaube ich schon, aber ich weiß auch nicht so recht“, kein laues Christentum.
Zwei Radikale ihrer Zeit.
Den organisierten Religionsbetrieb haben sie kritisiert: Sich an die 10 Gebote halten, nur Tempel- oder Synagogenbesuch und Opfer darbringen, das war ihnen viel zu wenig.
Du sollst dein ganzes Leben dem Willen Gottes unterwerfen. Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein. Niemand kann zwei Herren dienen.
In ihrer Radikalität gibt es schon eine Parallele zu den islamistischen Predigern, die von ihren Gläubigern vollkommene Hingabe an Allah fordern. Ich meine auch die friedlichen, die Gewalt ablehnen. Trotzdem hat diese Radikalität immer etwas davon, dass man die Wahrheit für sich gepachtet hat – und das ist gefährlich.
Es liegt in der Natur jeder Religion, dass sie sich als wahr betrachten. Auch der christliche Glaube.
Natürlich muss das nicht zu Terrorismus oder Intoleranz führen. Von Johannes und Jesus ist nicht bekannt, dass sie zu Gewalt oder Hass auf gerufen haben. Im Gegenteil, sie haben nicht den Tod anderer gefordert, sondern ihr eigenes Leben für ihre Überzeugungen gegeben.

Aber die Geschichte geht weiter.
Jesus bittet Johannes, ihn zu taufen. Johannes wehrt sich: Nein, du musst nicht getauft werden, du bist doch rein, ohne Schuld.
Aber Jesus beharrt auf seinem Anliegen.
Und das finde ich das wirklich Spannende an dieser Geschichte von der Taufe Jesu. Warum wollte Jesus sich taufen lassen? Er, der ohne Schuld war, in einer ungestörten Beziehung zu Gott lebte. Er brauchte diese Zeichenhandlung der Umkehr doch gar nicht. Er brachte keine Schuld mit, die ihm abgewaschen werden musste. Und trotzdem stellt er sich in die Reihe der Menschen, die sich von Johannes taufen lassen wollen.
Warum?
Die Antwort finden wir in der Krippe.
Vor gerade mal zwei Wochen haben wir es gefeiert: Gott wird Mensch – und zwar ganz und gar. Er nimmt auf sich, was Menschen erleiden und erleben: ihre Ängste und Nöte, ihre Schuld.
So ganz und gar wurde Gott Mensch, dass er sich in die Reihe derer stellt, die sich schuldig fühlen. Die Sehnsucht nach einem anderen, neuen Leben haben.
Und damit sagt er doch auch: Auch ich bin nicht unfehlbar. Ich sehe meine Grenzen, bin auf das JA Gottes zu meinem Leben angewiesen. Auf seine Vergebung.
Ich könnte auch ganz altmodisch sagen: Jesus reiht sich ein in die „Gemeinschaft der Demütigen“. Demut, positiv verstanden, bedeutet: Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin, dass ich Fehler habe, andere verletze, auf Kosten anderer lebe. Und wenn ich das weiß, dann weiß ich auch, dass ich die Wahrheit nicht für mich gepachtet habe. Weder eine religiöse, noch eine andere. Das schützt vor Fanatismus und Selbstgerechtigkeit, egal ob man Moslem oder Christin oder Jude bin. Wer sich als Geschöpf versteht, der wird sich nicht zum Richter – und erst recht nicht zum Scharfrichter! – über andere machen.
Insofern ist der Predigttext für diesen Sonntag zwar keine direkte Anleitung zum Handeln heute. Aber die Taufe Jesu weist uns auf etwas Wesentliches hin: Am Anfang unseres Glaubenslebens steht das JA Gottes. Und dieses JA Gottes zu uns schließt aus, dass wir anderen diese Annahme durch Gott absprechen. Oder wie die Jahreslosung für 2015 so schön auf den Punkt bringt:

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“
Menschen, die voller Hass und Selbstgerechtigkeit sind,
werden wir mit diesem Satz nicht beeindrucken können.
Aber wir können ihn leben, so gut es in unserer Macht, und damit auf unsere Art sagen und zeigen:
Je suis Charlie. Ich bin Charlie. Amen.

Und der Friede Gottes…

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