Jesus führt das Wort – aber nicht im Tempel!

Liebe Gemeinde,
lassen Sie mich mit einem Zitat beginnen: „Allgemein besteht die Annahme, dass minderjährige Personen alters- sowie reifebedingt (sowohl körperlich als auch geistig) nicht in der Lage sind, drohende Gefahren zu erkennen beziehungsweise einzuschätzen. Des Weiteren können sie ebenfalls nicht einschätzen, welche Gefahren ihr Handeln gegebenenfalls für andere Personen mit sich bringt. Aus diesen Gründen werden Minderjährige unter einen besonderen Schutz gestellt: die Aufsichtspflicht".
Dann wird verschiedenes aufgezählt, worin die Aufsichtspflicht konkret besteht. Schließlich geht es so weiter:
"Zudem sollten die Aufsichtspflichtigen wissen, wo sich die ihnen anvertrauten Personen gerade befinden und welcher Tätigkeit diese nachgehen…" (vgl.: http://www.juraforum.de/lexikon/aufsichtspflichtverletzung). – So weit der kleine Exkurs in die Juristerei. Was ich damit andeuten möchte ist dieses: Wenn die Eltern Jesu, Maria und Josef, das, was sie damals in dieser Erzählung getan – bzw. nicht getan haben, heutzutage bringen würden: sie bekämen wohl ziemlich Ärger mit der Justiz. Aufsichtspflichtige müssen wissen, wo die ihnen anvertraute Person sich gerade befindet. Maria und Josef wissen es nicht. Aber, sie wissen nicht, dass sie es nicht wissen. Sie meinen wie selbstverständlich, dass Jesus dabei ist in der Nazareth-Pilgergruppe auf dem Rückweg ins Heimatdorf. Es war wohl üblich, dass man im großen Pulk gemeinsam aber unübersichtlich hin und zurück pilgerte. Jeder männliche Jude musste u.a. zum Passafest nach Jerusalem. Frauen konnten mit, mussten aber nicht. Für männliche Heranwachsende galt die Regelung ab dem vollendeten zwölften Lebensjahr. Wenn Jesus zwölf war, wie hier erwähnt wird, dann wäre es das letzte Jahr gewesen, in dem er zu Hause hätte bleiben können. Es spricht einiges dafür, dass Jesus erstmals dabei war. Ein Jahr früher als notwendig. Er war also in jedem Fall betreuungsbedürftig und ich bin mir sicher, dass seine Eltern nicht fünf haben grad sein lassen, was ihren Sprössling anbelangt. Sie werden nicht losgegangen sein, ohne sich seiner Anwesenheit zu vergewissern. Aber vielleicht ist er ja in Jerusalem abgebogen und in Richtung Tempel wegmarschiert. Als Maria und Josef dann entdecken, dass Jesus fehlt sind sie entsetzt. Ich meine, dass man das dem Text abspüren kann. Sie waren „besorgt“ heißt es und „fassungslos“, als sie ihn finden. Und dann wird Maria sogar zitiert: "Kind", sagt sie, "wie konntest du uns nur so etwas antun? Dein Vater und ich haben dich überall verzweifelt gesucht!" Es gibt nicht viel wörtliche Rede von ihr in der Bibel. Aber hier ist ein Satz von ihr. Ein wichtiger, weil er deutlich macht, wie furchtbar schlimm die drei Tage der vergeblichen Suche nach Jesus waren. Wenn man sein Kind aus den Augen verloren hat, im Kaufhaus, bei einem Straßenfest oder auf dem Weihnachtsmarkt, wird man schier verrückt. Und bei dem Anstieg der Sorgen, wenn man das Kind lange nicht findet, kann man unmittelbar erfahren, was der Begriff „Exponentielles Wachstum“ bedeutet. Das war vor 2000 Jahren nicht anders als heute. Wenn wir nun (keine Sorge, wir tun es nicht wirklich) diese Erzählung spontan in der Kirche spielen würden: Welche Rolle wäre Ihnen am liebsten? Und welche würden Sie tunlichst meiden? Machen Sie doch bitte darüber einmal kurz Gedanken… – Wenn ich mich an der Stelle einmal outen darf, dann wäre ich mit Abstand am liebsten einer der Schriftgelehrten im Tempel, mit denen Jesus im Gespräch ist. Das stelle ich mir spannend vor, obwohl ich damit rechnen müsste, dass Jesus reihenweise Fragen auf Lager hätte, die mich in allergrößte Nöte bringen würden, weil ich keine vernünftigen Antworten hätte. Und keinesfalls würde ich Maria spielen wollen mit ihrer unendlichen Angst um Jesus. Wenn man nach den bildenden Künstlern geht, und sich ansieht, wie die Episode unseres heutigen Textes in Bildern festgehalten worden ist, dann stellt man fest, dass mindestens neun von zehn Bildern den im Tempel mit den Schriftgelehrten debattierenden Jesus zeigen. Vermutlich geht/ging es den Künstlern ähnlich wie mir, dass das Aufeinandertreffen Jesu und der Schriftgelehrten im Tempel als das Spannende, das Wesentliche, das Entscheidende angesehen wurde – und nicht die suchenden und sich sorgenden Eltern. Es ist hochinteressant, zu sehen, was da alles ins Bild gesetzt worden ist. Ich habe ein Beispiel heute mitgebracht. (Bild nun projizieren; vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lfj%C3%A4hriger_Jesus_im_Tempel_%28Januarius_Zick%29). Es befindet sich als Deckenfresko in der katholischen Pfarrkirche St. Verena in Rot an der Rot in Oberschwaben. Gemalt hat es 1784 Januarius Zick, der Hauptmeister der deutschen Malerei des Spätbarocks. Dieser Januarius Zick hat übrigens 30 Jahre vorher als Freskenmaler beim Bau des Bruchsaler Schlosses mitgewirkt. Nach ihm ist auch eine Straße in Bruchsal, nicht weit vom Schloss benannt. Der Künstler hat in diesem Bild aus der Erzählung genau den Moment gewählt, als die suchenden Eltern ihren Jesus finden. Ganz links, mit gleichfarbigem (rot/rosa) Gewand wie Jesus und dem unumgänglichen blauen Tuch darüber sehen wir Maria, die mit der Hand auf Jesus deutet, während Josef sie noch ungläubig anschaut. Zwei Momente später wird sie Jesus die Frage stellen: "Kind, wie konntest du uns nur so etwas antun? Dein Vater und ich haben dich überall verzweifelt gesucht!" – Jesus wird mit zwei Gegenfragen antworten: Warum habt ihr mich gesucht?" und "Habt ihr denn nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?" Wäre diese Begegnung mit Dialog zwischen Jesus und Maria nicht viel wichtiger gewesen? Stattdessen malt der Künstler breit, schillernd und detailverliebt Jesus im Zentrum, am höchsten stehend, wie er um sich herum zahlreiche Schriftgelehrte verbal vernascht. Und die, die sind total aufgeschreckt und in Aufruhr. Einer zeigt Jesus den Vogel, einige scheinen Jesus anzuschreien, zwei andere schreien sich gegenseitig an und sind kurz davor, sich in die Wolle zu kriegen, andere lesen panisch in ihrer Bibel nach. Januarius Zick hat eine unwahrscheinlich gereizte, aufgeladene Stimmung hier dargestellt. Aber: hat er das zurecht getan? Ich möchte in Erinnerung rufen, was in der Bibel, in unserem heutigen Text dazu steht. Es sind genau zwölf Wörter: „Er saß bei den Schriftgelehrten, hörte ihnen aufmerksam zu und stellte Fragen“. Er saß bei den Schriftgelehrten, hörte ihnen aufmerksam zu und stellte Fragen. – Da stellen wir uns doch glatt selbst die Frage, ob der Künstler (und mit ihm zahllose andere) hier tatsächlich das malen wollte, was bei Lukas dazu steht. Doch es sind nicht nur die bildenden Künstler, die etwas ganz anderes malen, als das, was im biblischen Text steht. Dazu ein Beispiel: In einer Predigt zum Text habe ich gelesen: „Nein, die Schriftgelehrten spüren, dass hier aus dem Munde Jesu die Autorität der Schrift spricht. Jesus redet nicht wie ein Gelehrter, sondern wie einer, der Gott kennt und in sein Herz schaut; es ist als ob Gott spricht. Ja, das war die Autorität, die die Zuhörer nicht nur verwunderte, sondern erschütterte, eben so, wie eine Gottesbegegnung nur erschüttern kann. (Vgl.: http://www.kanzelgruss.de/index.php?seite=predigt&id=2915) Und dabei heißt es lediglich: Er saß bei den Schriftgelehrten, hörte ihnen aufmerksam zu und stellte Fragen. Im Blick auf Maria und Josef zeigt uns diese Episode: Sie waren normale Eltern, mit den gängigen Herausforderungen, Sorgen und Nöten, die Eltern so haben. Der Filius hat einen eigenen Kopf und eigene Vorstellungen, geht auch einmal einen eigenen Weg, hat Antworten drauf, die nicht so einfach vom Tisch zu wischen sind, die so richtig Gewicht haben. So ist das ja eigentlich immer bei Kindern, die Jugendliche geworden sind: Sie stellen in Frage. Sie stellen viele Dinge daheim in Frage. Wenn sie z.B. in der Schule etwas über die himmelschreienden Tatsachen der globalen Lebensmittelproduktion erfahren. Wenn sie dort gelernt haben, wie extrem ungerecht das Geld, das wir im Supermarkt bezahlen unter denen aufgeteilt wird, die mit dem Produkt zu tun hatten, bis ich es gekauft habe, und wenn sie dann vorschlagen, verstärkt fair gehandelte Lebensmittel zu kaufen. Auch die Textil- und Lederproduktion in Asien sind solche Themen, die besonders Jugendliche dazu bringen, zu fordern, dass man beim Kauf auf bestimmte Gütesiegel achtet und nicht nur auf den Preis. Ähnliches kann übrigens auch vom Konfirmandenunterricht ausgehen, wenn zum Beispiel das Thema Beten dran war und die KonfirmandIn zu Hause sagt: Warum beten wir eigentlich so wenig: so wenig am Abend am Morgen und bei Tisch? – All das sind Beispiele aus dem Alltag, wo wir Erwachsene von Jugendlichen Fragen gestellt bekommen, bei denen wir oft genug versuchen, uns herauszureden und uns herum winden. Jesus hatte das auch drauf: "Warum habt ihr mich gesucht?", "Habt ihr denn nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?" – Maria redet sich nicht heraus, sie sagt nichts, jedenfalls ist nichts überliefert. Ich schätze, sie weiß, dass Jesus recht hat. Für mich ist die Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel eine Brückenerzählung. Sie ist die eine und einzige Begebenheit, die wir über Jesus erfahren zwischen seiner Geburt und seiner Taufe mit etwa 30 Jahren. Sie verknüpft den Anfang mit dem Rest seines Lebens. Sie belegt: Es ist ein und derselbe, der in Bethlehem geboren und von Nazareth aus losgezogen ist. Es ist der Säugling aus Bethlehem, der zu dem Mann wurde, der die Welt verändert hat. Und so wie er ganz Mensch und zugleich ganz Gott war, so lebte er völlig integriert in seiner damaligen Familie, ganz als Kind und Jugendlicher und zugleich ganz auf Gott hin orientiert, auf Gott, seinen Vater ausgerichtet und ihm zugewendet: "Habt ihr denn nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?" Und dort, im Haus seines Vaters, im Jerusalemer Tempel, den er wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst sieht und betritt, dort interessiert er sich nicht für die Architektur oder Farbgebung oder die Tempelverwaltung, nein, es zieht ihn medias in res, mitten und direkt hinein in das Wesentliche: nämlich zu den Schriftgelehrten. Bei ihnen verweilt er – so kann ich mir das jedenfalls gut vorstellen – mit ungeheurer Neugier, mit gewaltigem Wissensdurst, hört aufmerksamst zu, stellt wissbegierige und superkluge Fragen, hängt den Schriftgelehrten an den Lippen, kann nicht genug bekommen, vergisst die Zeit und alles um sich herum, bis irgendwann seine Eltern vor ihm stehen… Das ist nach genau drei Tagen. Und das ist natürlich kein Zufall, sondern eine überdeutliche Anspielung. Drei Tage waren die Eltern von einer zermürbenden, ja verheerenden Ungewissheit über den Verbleib ihres Sohnes betroffen und hatten je länger je mehr das Schlimmste befürchtet. Jahre später werden seine Anhänger tief – ja todtraurig sein, weil er nicht mehr da ist, vermeintlich nicht mehr lebt. Und wiederum nach drei Tagen wendet sich alles grundlegend. Mit einem Mal verpufft alle Trauer, der Tote lebt wieder und hat den Tod besiegt, Gottes Plan hat sich erfüllt. Kann es etwas Schöneres geben? Amen.
(Die Bibelzitate in der Predigt sind der Übersetzung „Hoffnung für alle“ entnommen)

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