Über Jesus und den Schnee

Da ist er also, der Schnee. Sehnlichst erwartet, aber eigentlich ja doch nur als hübsches Beiwerk für die Weihnachtstage. Jetzt stört er doch eher. Beim Weg in die Stadt, beim Weg zur Arbeit, beim Weg zurück in den Alltag. Sicher, nicht alle fühlen sich gänzlich gestört. Die Kinder nicht, die haben Ferien und wollen Schlittenfahren. Auch manch anderer Zeitgenosse mag den Flocken etwas abgewinnen können. Aber ich höre auch kritische Stimmen: Einer meinte, der Rentner gegenüber streue so viel Salz auf die Straße, dass die Fulda bald sicher ein Salzwasserfluss sei.
Ich für meinen Teil, ich mag den Schnee. Nicht nur, weil er alles so schön bedeckt. Ich mag den Schnee, weil er auch vieles dämpft. Die Welt kommt mir leiser vor, wenn Schnee auf ihr liegt. Aber die Zeit wird kommen, da wird man seiner überdrüssig sein. Schon wegen dem Salz, dass jetzt in alle Häuser und Fluren getragen wird.

Aber das mit dem Schnee ist ja nur ein zeitlich begrenztes Vergnügen. Er wird tauen – das ist genauso sicher wie der Jahreswechsel, der heute auf uns wartet. Und das passt zu uns, liebe Christinnen und Christen. Der Wandel der Zeit, die Zeitenwende. Daran glauben wir ja, dass sich die Zeiten ändern werden.
Allerdings glauben wir das wohl nicht mehr jeden Tag. Ich gehe getrost davon aus, dass keiner von uns hier einen stets vollgetankten und immer abfahrbereiten Wagen vor der Tür stehen hat, um dem Herrn am Tag seiner Wiederkunft entgegenzufahren. So was haben nur die Feuerwehr, der Notarzt samt Sanitätern und die Polizei. Die wachen die ganze Nacht durch. „Allzeit bereit!“ sagen die Pfadfinder dazu.

Wir wachen auch heute Nacht, sicherlich die meisten. Hoffentlich feiern Sie schön und gut; aber nicht alle werden diese Nacht in freudiger Absicht durchwachen! Es wird manche geben, die an einem Krankenbett, an einem Totenbett sitzen. Sei es beruflich oder privat. Diese Menschen werden die freudige Stimmung später hören, aber werde sie sie teilen können? Schwer genug schon der Moment. Und was genau soll dieses neue Jahr bringen?
Was soll sich überhaupt ändern, mit dem neuen Jahr? Ist es nicht vielmehr so, dass das neue Jahr am Ende genauso daherkommt wie das Fernsehprogramm? Voller Wiederholungen und ewig gleichen Sendungen? Der Alltag wird bald wieder einkehren und dann treffe ich ihn wieder, den blöden Chef, die blöde Chefin, den doofen Kollegen, die blöde Nachbarin. Was also ändert sich? Es ist doch egal, wie viele Raketen man in den Nachthimmel schießt. Das neue Jahr wird nicht anders sein, als das letzte. Das ist Realismus. Mehr nicht. Und am Neujahrstag, wenn wir ausgeschlafen und wieder nüchtern sind, dann werden wir es mit eigenen Augen sehen können: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ „Auch das neue Jahr wird am Ende nur ein alltägliches Jahr sein, ein Jahr des Weitermachens!“ (Vgl.: K. Reblin: Predigt zum Altjahresabend, in: Worte am Sonntag, heute gesagt, Bd. I,1,Gütersloh 1972, S. 56)

Schade eigentlich! Aber diese Aussage stimmt. Sie stimmt aber nur solange, man die Rechnung ohne Jesus Christus macht. Denn der fordert uns ja auf, wachsam zu sein. Wach sein, aufmerksam sein. Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi erzählt darüber eine kleine Geschichte über Martin, den Schuster. Martin hört nächtens eine Stimme und glaubt, Jesus zu hören, der ihm sagt: „Martin, morgen werde ich zu dir kommen.“ Verwundert hat er nimmt er am nächsten Morgen seine Arbeit wieder auf und wartet. Dabei sieht er hin und wieder aus dem Fenster und erkennt einen armen alten Mann, frierend beim Schneekehren in der Kälte. Den bittet Martin zu sich hinein, gibt ihm Tee und spricht mit ihm. Später sieht er eine fremde Frau mit einem Säugling auf dem Arm, zitternd und müde. Er gibt ihr zu essen, leistet Seelsorge, indem er ihr zuhört, hilft ihr mit Kleidung und Schuhen, damit sie ihren Weg fortsetzen kann. Schließlich erspäht er noch eine Marktfrau, die einen Jungen Apfel-Dieb erwischt hat und ihn nun der Polizei vorstellen will. Martin eilt dazwischen und erreicht eine gütliche Einigung.
Der Tag vergeht, Jesus kam nicht. Wahrscheinlich war die Stimme nur Produkt eines Traums. Schließlich legt Martin sich wieder hin und da hört er erneut Jesu Stimme: Ich bin dir heute in all diesen Menschen begegnet. „Denn was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Also wachsam sein. Natürlich könnte das auch so gemeint sein. Mir ist schon klar, dass diese Geschichte eine recht durchschaubare Pointe hat, aber ist das nicht mit allen guten Gleichnissen so?
Martin handelt als Vorbild. Er ist freundlich, hat keine Berührungsängste und er kennt keine gesellschaftlichen Grenzen. Er hilft, wo Not am Mann ist, er vermittelt, er greift sogar ein, obwohl er sagen könnte, dass das nicht sein Bier ist. Er ist wachsam und darum sieht er, wo er gebraucht wird.
Eine gute Haltung wie ich finde. Allzumal als Christ in einer Welt, die ständig alarmiert zu sein scheint und dabei allzu leicht auf leichte Antworten hereinfällt. Wäre es nicht angebrachter, die Zeit, die manche abends auf irgendwelchen deutschen Straßen zubringen, um gegen eine vermeintliche Islamisierung unseres Landes zu demonstrieren, besser damit zu verbringen, sich um andere zu kümmern, diese anderen kennen zu lernen? Auch und gerade die Fremden? Sie bleiben sonst immer fremd.

Mit Martins Augen betrachtet würde ich sagen wer also Flüchtlingen, die hierher, in unser Land, kommen nicht hilft, der verrät Christus. Der ist demnach nicht wachsam, der ist nur falsch alarmiert. Ganz so, als stelle man seinen Wecker falsch ein und steht darum zur absolut falschen Zeit auf.

Jesus kennt diese Gefahr. Er spricht deshalb vom Dieb in der Nacht, der einfach kommt, zu einer ungewissen Stunde. Das ist die Kehrseite der Medaille, denn ein Einbruch ins Haus bringt Unordnung und die „Reichtümer, die es hütet, werden aus ihm herausgetragen.“ (Vgl.: F. Hiddemann: Altjahresabend, in: Er ist unser Friede. Lesepredigten, Textreihe I, Bd.1, Leipzig 2014, S. 65). Der Rückzugsort wird zerstört, das Eigenheim beschädigt, das vertraute Heim kommt einem danach seltsam unvertraut vor: Verletzlich und nicht mehr ganz so sicher. All das geschieht, wenn die Eigentümer nicht aufpassen. Es gilt darum wachsam zu sein in beide Richtungen. Denn auch der Herr, der nachts oder tags oder abends ungefragt eindringt, „will erwartet sein und will abgewehrt sein.“ (Ebd.)

Ist Jesus also in unserer Welt ein bisschen so wie der Schnee, den wir zu Weihnachten fallen sehen wollen? Dem man anscheinend nur im Traum begegnet so wie Martin, der Schuhmacher und dann den ganzen Tag auf ihn wartet, aber scheinbar nichts passiert? Mit dem man nicht mehr wirklich rechnet?

Das Verhalten des Schuhmachers ist eine Lebenshaltung. Sie zeigt, dass es gilt wachsam zu sein. Martin ahnt, dass er in der Gegenwart Gottes lebt und er stellt uns durch sein Verhalten die Frage, wie „wir Gottes Gegenwart nicht verlieren!“ (Ebd.)

„Die Lenden umgürtet, die brennenden Lichter in der Hand, auf den Herrn wartend, der jeden Moment kommen kann. Das ist eine Haltung. Mit der wir ins neue Jahr gehen können. Es ist eine Haltung, die uns lehrt, dass Aufbrüche zum Leben gehören und plötzliche Besuche, Träume auch und Eingebungen.“ (Ebd.)

Wir warten doch auf einen freundlichen Herrn, der sich mit uns, den ehemaligen Knechten, an einen Tisch setzen will, uns bewirten will, uns diesen will. Warum sollten wir dann unfreundlich in das neue Jahr gehen? Was hier geschieht, liebe Schwestern und Brüder, ist der perfekte Rollentausch. Nicht zeitlich begrenzt und vergänglich wie der draußen liegende Schnee. Denn „wenn der Herr aller Herren als Knecht arbeitet und gern als Knecht arbeitet, damit die Knechte Herren werden können, dann ist es mit dem alten Gegensatz von Herr und Knecht für immer vorbei“ (Vgl.: E. Jüngel: Predigt zum Totensonntag, in: Geistesgegenwart, München 1974, S. 65ff.)
Es bleibt also dabei: Ohne Christus, bleibt alles beim Alten. Das Haus der Welt bleibt leer und „das Haus der Welt ist nicht in Ordnung, es fehlt ihm der sichtbare Mittelpunkt, solange Christus nicht erschienen ist.“ (Vgl. K. Reblin, in: Predigtstudien, Perikopenreihe I, Stuttgart 1984, S. 83). Ohne Jesus wird das neue Jahr so, wie das Vergangene war und Zukunft bedeutet eigentlich „nur weiter so“, also wie vorher auch. Aber mit Christus kann das neue Jahr ein „Jahr des Herrn“ werden. (Vgl. K. Reblin, a.a.O.) Und das, liebe Schwestern und Brüder, ist wirklich etwas ganz anders. Etwas Neues!
Amen!

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