Nur der Glaube erkennt die Wahrheit

»Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon;
und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig
und wartete auf den Trost Israels,
und der Heilige Geist war mit ihm.
Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist,
er solle den Tod nicht sehen,
er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.
Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel.

Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten,
um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz,
da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:
Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
den du bereitet hast vor allen Völkern,
ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.

Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das,
was von ihm gesagt wurde.

Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter:
Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel
und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird –
und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -,
damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

Und es war eine Prophetin, Hanna,
eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt.
Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt,
nachdem sie geheiratet hatte,
und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre;
die wich nicht vom Tempel
und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.
Die trat auch hinzu zu derselben Stunde
und pries Gott und redete von ihm zu allen,
die auf die Erlösung Jerusalems warteten.«

Wie mag es wohl weiter gegangen sein in jener Heiligen Nacht?
Ehrlich gesagt: Wir wissen es nicht so genau,
denn Matthäus und Lukas unterscheiden sich
in ihren Erzählungen über die Geburt Jesu deutlich.

Nach Matthäus kamen in jener Nacht die Sterndeuter aus dem Morgenlande
mit ihren Geschenken, um vor dem Kind anzubeten.
Und noch in der Nacht brach die Heilige Familie auf,
um vor Herodes nach Ägypten zu flüchten.

Lukas berichtet davon nicht.
Nach seiner Schilderung kamen keine Sterndeuter,
sondern Hirten auf Geheiß eines Engels,
der sie zu dem Kind in der Krippe geschickt hatte.
Lukas weiß auch nichts von einer Flucht nach Ägypten.

In seinem Evangelium geht es nach der Weihnachtsgeschichte so weiter:
Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren,
brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen,
wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn:
»Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht,
soll dem Herrn geheiligt heißen«,
und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn:
»ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben«.

Und dann folgt die Begegnung mit Simeon und Hanna,
unser heutiger Predigttext.

Zwei unterschiedliche Erzählungen bei Matthäus und Lukas,
die sich nicht wirklich miteinander in Verbindung bringen lassen.
Und die beiden anderen Evangelien, Markus und Johannes,
berichtet überhaupt nicht von der Geburt Jesu.

Wir sehen: Die Evangelien sind keine historischen Berichterstattungen,
sondern ihre Verfasser bringen das,
was sie von Jesus in Erfahrung bringen konnten,
in eine deutende Handlung.
Und das erst etliche Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung!
Natürlich sind in den Evangelien auch historischen Erinnerungen enthalten,
aber die Evangelien an sich sind keine historischen Berichte
im Sinne der Geschichtswissenschaft.
Sondern sie sind religiöse Texte, die aus der jeweiligen Sicht beschreiben,
was und wer Jesus für uns und für diese Welt ist.
Alle Worte und Begegnungen Jesu in den einzelnen Evangelien
müssen vor diesem Bedeutungshintergrund
betrachtet und verstanden werden.

Was sich tatsächlich zugetragen hat, ist von sekundärer Bedeutung.
Denn die Historizität Jesu an sich,
also dass er tatsächlich gelebt hat,
für uns gestorben und auferstanden ist,
dass in ihm Gott selbst erkennbar geworden ist
in seinen Worten und in den Wundern, die er gewirkt hat,
das stand für die Evangelisten ohnehin fest.

Aber was bedeutet es für uns, dass er der Messias, der Christus ist,
der für uns geboren wurde, der für uns gelebt und gelitten hat?
Das darzulegen ist das Anliegen der Evangelisten.
Und das beschreiben und deuten sie unterschiedlich,
und zwar für unterschiedliche Situationen und Gemeinden,
die sie vor Augen haben.

Für Lukas und die Leser seines Evangeliums war es offensichtlich wichtig,
dass auch die Heilige Familie
sich an die kultischen Vorschriften des jüdischen Glaubens gehalten hat.
Darum erzählt er von der Beschneidung Jesu
und seiner Darstellung im Tempel.
Jesus steht also ganz in der jüdischen Tradition.
Er unterscheidet sich in diesem Punkt
nicht von allen anderen jüdischen Knaben.

Dass er aber schon bei seiner Geburt – und acht Tage später im Tempel –
nicht nur ein ganz normales jüdisches Kind,
sondern dass dieses Kind der verheißene Messias ist,
das will Lukas uns vor Augen führen.
Hier in der Begegnung mit Simeon und Hanna.
Zwei alte, gottesfürchtige Menschen,
denen der Heilige Geist die Wahrheit über dieses Kind geoffenbart hat.
Sie verkünden uns – und den erstaunten Eltern –
wer dieses Kind in Wahrheit ist.

Es ist eine berührende Geschichte:
Simeon, ein alter Mann, der in enger Verbindung mit Gott lebt,
er hat von Gott ein Wort erhalten, dass er nicht sterben werde,
ehe er den Messias mit eigenen Augen gesehen habe.

Ich stelle mit diesen tiefgläubigen Mann vor,
wie er durch das Lesen oder Hören der biblischen Schriften
sehnsüchtig auf den verheißenen Messias wartet.
Wie er die Zeichen der Zeit deutet.
Wie er angesichts der römischen Besatzung
Gott in den Ohren liegt, er möge doch endlich
seinen Friedensbringer schicken.

Und ich stelle mir vor, wie Gott seine Gebete erhört,
weil sie ihm zu Herzen gehen.
Und wie er ihm schließlich durch den Heiligen Geist
diese Verheißung zukommen lässt,
dass es nicht mehr lange dauern wird, bis der Messias kommt.
Ja, dass er ihn mit eigenen Augen sehen wird.

Ich weiß nicht, wie lange er warten musste.
Vielleicht war ihm sein Leben auch schon beschwerlich geworden.
Aber auf diese Begegnung mit dem Herrn hat er noch gewartet.
Und dann ist es so weit!
Der Heilige Geist führt ihn zum Tempel,
wo er mit Maria und Josef und dem Kind zusammentrifft.
Und er nimmt das Kind in seine Arme, pries Gott und sagte:
Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
den du bereitet hast vor allen Völkern,
ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.

Aus dem Munde dieses alten Mannes erfahren wir also:
Dieses Kindlein namens Jesus ist und bringt das Heil,
nicht nur für das jüdische, sondern für alle Völker.
Er ist das Licht, das die Nationen erleuchtet. Das Licht der Welt.
Maria und Josef aber waren erstaunt, als sie Simeon so reden hörten.

Dass wir in diesem Kind, in dem Menschenskind Jesus,
den Messias, den Sohn Gottes erkennen können,
das muss uns der Heilige Geist eröffnen.
Und es muss uns verkündet werden.

Ohne, dass uns Gott selbst die Augen öffnet – wie dem Simeon –
können wir nicht begreifen, wer dieses Kind für uns ist.
Da können wir vielleicht Weihnachten feiern,
aber die Begegnung mit dem Kind in der Krippe
wird dann nicht zu einer Begegnung mit dem lebendigen Gott,
der geboren wurde, um dir das Heil zu bringen.

Nur im Glauben können wir tiefer schauen
und erkennen, was Gott hier für uns vollbringt.
Wer diesen Glauben nicht hat,
wird an diesem Kind, wird an Jesus Anstoß nehmen.
An ihm scheiden sich die Geister – auch davon spricht Simeon bereits.
Und er deutet auch schon den Leidensweg an, der diesem Kind bevorsteht,
und die seelischen Schmerzen, die seine Mutter dadurch erleiden wird.

Und die andere war eine Prophetin namens Hanna.
Eine alte Witwe, die nur sieben Jahre verheiratet war,
und die ihr ganzes restliches Leben Gott geweiht hatte.

Auch sie erkennt durch den Heiligen Geist,
was und wer dieses Kind ist,
das da von Maria und Josef in den Tempel gebracht wurde.
Und auch sie fängt sofort an, Gott zu danken und ihn zu preisen
und allen, die auf die Erlösung warten, von diesem Kind zu erzählen.
Wie zuvor auch schon die Hirten.
Auch sie breiteten das Wort aus, nachdem sie zurückgekehrt waren.

Daran, also, können wir ermessen,
ob es bei uns wirklich Weihnachten geworden ist,
ob wir in dem Kind in der Krippe wirklich Gott begegnet sind:
Wenn wir von dieser Begegnung so ergriffen sind,
dass wir anfangen, Gott zu loben und zu preisen
und den Menschen zu erzählen, wer dieses Kind namens Jesus für uns ist.

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