Jesus Christus Wunderkind?

Wir kennen Geburtsgeschichten von Jesus und wir kennen die Geschichten von seiner Taufe als Erwachsener, von seinem Wirken, von seiner Passion, Tod und Auferstehung. Aber es würde uns interessieren, wer war dieser Jesus als Kind, als Jugendlicher, als junger Erwachsener, war er immer schön brav und folgsam, war er aufsässig, rebellisch, ungehorsam. Dafür oder dagegen: immer gibt es gute Gründe. Und doch gibt es nur wenige Geschichten von seiner Kinder- und Jugendzeit, die wahrscheinlich alle späte Projektion sind: So könnte es gewesen sein, haben die Menschen gedacht – und dann fabuliert. Nur eine dieser legendenhaften Geschichten hat es auch in die Bibel geschafft:

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War Jesus ein Wunderkind? Ich glauben, unsere Geschichte will genau das nicht erzählen. Kein Herkules, kein Mozart. Ein Kind an der Grenze zum Jugendlichen. Mit 12 Jahren war man Kind kurz vor dem Erwachsensein, das mit 13 begann. Neugierig auf das Leben, verbunden mit dem Wunsch nach einem eigenen Selbst. So erzählt diese Legende, dass er mit Eltern und vielen anderen Menschen nach Jerusalem zieht, um den Tempel zu besuchen.

Was wurde schon alle hineingeheimnisst in diesen Zug und seine Erlebnisse. Von Eltern, die nicht merken, dass ihr Kind fehlt, von der Selbstbefreiung des Knaben Jesus bis zum ersten Wunder in der Diskussion mit den Gelehrten am Tempel.

Eine Legende, eine Geschichte, die erzählt wird, um die Figur Jesu näher zu ergründen, vielleicht auch um dem Spott der Menschen über den ungebildeten Jesus zu begegnen. Das war für manche schon ein Stein des Anstoßes. Dieser Jesus, Sohn eines Zimmermannes, aus der Provinz. Was wollte der schon Großartiges sagen?

Dagegen wollte die Gemeinde klar stellen. Dieser Jesus war von Anfang an Beides: Kind von Maria und Josef und Gottes Sohn und das war für die, die ihm begegneten auch zu spüren. Dieses Glaubensbekenntnis steht hinter unserer Geschichte und darum lohnt es sich hinzuschauen, was von diesem Kind auf dem Weg nach Jerusalem und auf dem Weg zum jungen Mann erzählt wird.

Zum Passah reisen die Menschen aus Nazareth als große Gruppe nach Jerusalem, um im Tempel anzubieten. Man ist Gruppe, man unterstützt und hilft sich und so fällt auch erst einmal nicht auf, dass Jesus fehlt, aber irgendwann machen die Eltern sich Sorge und finden ihn, wie er im Tempel versucht Antworten auf Lebensfragen zu erhalten und gleichzeitig verblüfft durch seine weisen Fragen und Antworten.

Für die Menschen, die diese Geschichte erzählen war Beides wichtig: Jesus ist ein ganz normaler Mensch – und er ist Gottes Sohn.

Ein ganz normaler Mensch, der sich von seinen Eltern löst und Gottes Sohn, der über den Vater reden will, viel über ihn weiß und noch mehr wissen will und damit Aufsehen erregt. Und damit auch seine Mutter irritiert, die ja eigentlich seit Bethlehem nichts mehr wundern dürfte. Aber auch hier endet die Geschichte wir damals: seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Auch sie muss immer wieder neu lernen, wer dieser Jeus ist, ihr Sohn und doch zum Staunen. Ein Wunder des Herrn.

Das ist der Kern der Botschaft unserer Geschichte. Gott wird wirklich Mensch, er kommt uns nahe, er begibt sich auf unsere Ebene. Er hört auf Menschen, er fragt nach dem Menschen und er versucht den Menschen seinen Willen zu sagen, ohne ihn ihnen aufzuzwingen. Gott selber will durch seinen Sohn ins Gespräch kommen – mit uns. Und wir dürfen uns wundern genauso wie die Gelehrten vor 2000 Jahren.

Wir dürfen fragen, wir dürfen uns wundern, wir dürfen ihn auch mal nicht verstehen und wir dürfen ihm auch widersprechen. All das hält dieser Gott aus, der Mensch geworden ist, um uns zu begegnen. Davon will uns der Evangelist Lukas erzählen mit seiner Geschichte von einem Jugendlichen mit Namen Jesus.

Und darum ist diese Geschichte auch eine Pubertätsgeschichte, weil es so immer wieder vorkommt: Die Eltern müssen das Erwachsenwerden zulassen und darauf vertrauen, dass Gott ihn auch dabei begleitet.

Loyalität gilt ab sofort eben nicht nur den Eltern – und das ist auch gut so. So wie Jesus sich von seinen Eltern abgrenzen muss, wenn er den Willen Gottes wirklich leben will, so müssen Kinder sich immer wieder abgrenzen, vielleicht um den Willen Gottes zu tun, vielleicht auch um ihre Persönlichkeit zu leben. Auf jeden Fall müssen sie aber irgendwann damit beginnen, ihr Tun und Lassen, ihr Denken und Reden selber zu verantworten.

Entfremdung von Kindern und Eltern ist Teil menschlichen Lebens. Die sogenannte ‚Heilige Familie‘ bildet da keine Ausnahme. Manchmal muss ich mir sogar selber fremd werden, um Gott zu begegnen. Das erleben die Gelehrten im Tempel.

Ich muss lernen, erwachsen zu werden, auch religiös, mein Denken, mein Tun selbst zu verantworten und notfalls darüber auch zu streiten, manchmal sogar mit Menschen, die angeblich viel mehr wissen als ich.

Auch darin ist Jesus Vorbild, dem wir nachfolgen können, in dem wir immer aufs Neue diskutieren, wer Gott ist und was dieser Jesus bedeutet für uns – und für die Welt.

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