Flucht nach Ägypten

Liebe Gemeinde,


Weihnachten ist geprägt von den Themen Frieden, Familie und Liebe. Wir beschenken uns mehr oder weniger reichlich, es wird gekocht und gebacken und dekoriert. Adventskalender, Adventskranz, Weihnachtsbaum – nicht wegzudenken. Perfekte Deko, reichlich leckeres Essen, wunderbare Geschenke und alle kommen Weihnachten nach Hause. Für die Kleinen kommt der Weihnachtsmann.

Für viele Menschen heute verbinden sich damit schöne Erinnerungen an die eigene Kindheit, an die Zeit als die eigenen Kinder oder Enkel oder Patenkinder klein waren.

Leider schleichen sich auch Erinnerungen an Stress, Hetze enttäuschte Erwartungen und Einsamkeit ein.

Vielleicht sind manche Enttäuschungen vorprogrammiert, weil sich unser Weihnachten weit von dem Geschehen in Bethlehem entfernt hat. Es ist zu einer süßen Idylle geworden, die sich im wirklichen Leben nur begrenzt realisieren lässt und Menschen überfordert.

In Bethlehem im Stall waren nur Maria und Josef mit ihrem neugeborenen Kind. Eigentlich waren sie in Nazareth Zuhause. Eine Volkszählung hatte sie gezwungen nach Bethlehem zu gehen. Leider war die Stadt völlig überfüllt, so dass sie mit einem Stall als Unterkunft vorlieb nehmen mussten. Sie hätten die Geburt ihres Kindes sicher lieber Zuhause in den eigenen vier Wänden erlebt. Ich denke, sie waren trotzdem glücklich: Mutter und Kind haben die Geburt gut überstanden. Wer wäre da nicht glücklich?!

Zu Besuch kommen unerwartet völlig fremde Menschen: die Hirten und einige Zeit später, die Weisen aus dem Morgenland. Maria kann sie nicht bewirten. Im Gegenteil – die Fremden bringen drei Geschenke. Geschenke wie für ein Königskind. Essen kann man das allerdings nicht: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Durch diese Besucher erfahren sie mehr über die Zukunft ihres Sohnes. Schon zuvor wussten sie: es ist ein Gotteskind, das eine ganz besondere Aufgabe haben würde. Dieses Kind würde nicht nur ihr Kind sein. Irgendwann würde ihr Sohn sie verlassen, um den Auftrag Gottes zu erfüllen. Und nun waren den Hirten so gar Engel erschienen!

Allerdings droht zunächst Gefahr: Die Weisen aus dem Morgenland waren irrtümlich zu König Herodes gegangen und hatten ihn nach dem Königskind gefragt. Nun fürchtet der König um seinen Thron und seine Macht und will den Konkurrenten ausschalten bevor er gefährlich werden kann.

In Bethlehem können sie also nicht bleiben. Da wird Herodes mit Sicherheit seine Gewalttaten beginnen. Zurück nach Nazareth – zu gefährlich, zu viele Leute wissen nun wer sie sind und wo sie herkommen. Da bleibt ihnen nur die Flucht.

Auf unbestimmte Zeit, nur mit dem Notwendigsten ausgerüstet müssen sie in ein fremdes Land fliehen. So wie die meisten Flüchtlinge führt sie ihr Weg in das Nachbarland: Ägypten. Es wird nicht berichtet, wie sie dort aufgenommen wurden.

Fremde, Flüchtlinge, Vertriebene, Evakuierte, Ausgebombte, Menschen die sich vor Krieg, Gewalt oder Hunger in Sicherheit bringen wollen, hat es in der Geschichte immer wieder gegeben, wird es immer wieder geben.

Ich denke an die Hugenotten, die ihres Glaubens wegen in Frankreich um ihr Leben fürchten mussten und hier in Hessen Aufnahme fanden. Aber es war eine Entscheidung der Obrigkeit – die Bevölkerung war weniger begeistert: die Franzosen bekamen zwar Land, aber meist das, was keiner haben wollte.

Oder die Menschen, die während des 2. Weltkrieges aus den zerstörten Städten auf das Land verteilt wurden – sie wurde nicht nur mit offenen Armen aufgenommen: Fremde, die hochdeutsch sprachen, die oft buchstäblich nichts hatten, nach den Bombenangriffen. Man musste sein Haus mit ihnen teilen, sie vielleicht sogar mit durchfüttern. Das war für beide Seiten schwer.

Und dann nach dem Krieg kam es noch dicker: 12 Millionen Flüchtlinge, Vertrieben und Heimatlose aus den Ostgebieten ( Schlesien, Ostpreußen …) mussten irgendwie trotz der zerstörten Städte und Häuser untergebracht werden. Wieder ging es nur über Zwangseinquartierung. Viele mussten über Jahre in behelfsmäßigen Lagern leben. Dann kamen Evangelische in Gebiete mit katholischer Bevölkerung und umgekehrt. Es waren mittellose Fremde mit einer „falschen“ Religion und seltsamen Dialekten. Wenn man Zeitzeugenberichte hört oder im Fernsehen sieht, dann wird klar: das ging alles andere als reibungslos. Willkommenskultur – weit gefehlt.

Aber mit der Zeit wurde es besser. Die Arbeitskräfte wurden gebraucht. Die Arbeit half die schrecklichen Erlebnisse von Krieg und Flucht zu vergessen oder zumindest zu verdrängen. Die Unterschiede glichen sich an. Jeder wollte sich etwas aufbauen. Wie immer war es für die Jüngeren oft leichter sich einzuleben, die Älteren trauerten um die verlorene Heimat.

Und immer wieder gab es auch Erfahrungen von Hilfe, Verständnis, Mitmenschlichkeit und christlicher Nächstenliebe.

Was davon werden Maria, Josef und Jesus erlebt haben?

In Ägypten waren sie die Fremden, die anders sprachen, die anders glaubten und andere Gerichte kochten, andere Traditionen hatten. Sie hatten kein Land, kein Vieh, kein Haus. Aber Josef hatte einen Beruf: Zimmermann.

Ob er gleich Arbeit fand? Oder ob man ihm vorwarf, den Einheimischen die Arbeit wegzunehmen?

Ob noch mehr Familien vor Herodes flüchteten? Fühlten sich die Ägypter von zuviel Juden bedroht?

Das alles wird in der Bibel nicht berichtet. Aber wir hören daraus, dass Jesus dieses Schicksal geteilt hat: fliehen zu müssen, fremd zu sein, anders zu sein.

Und wir wissen etwas über sein späteres Leben als Erwachsener. Sein Rat für das Leben heißt nicht etwa: mir hat auch keiner geholfen, sollen die sehen, wie sie klar kommen.

Nein! Er hat uns ins Taufbuch geschrieben: „Behandele andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.“ Und er sagte: „Was ihr einem von diesen Geringen getan habt, das ist, als hättet ihr es für mich getan.“

Wer das tut – der trägt etwas zum Frieden in der Welt bei. Wer so handelt, der macht etwas von der Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar. Wer sich davon berühren lässt, der trägt bei zur Mitmenschlichkeit auf Erden.

So verstanden ist Weihnachten wirklich geprägt von Frieden, Liebe und Familie. Wir sind Kinder der großen Familie Gottes, Gott ist unser Vater und Jesus Christus ist unser Bruder, der an Weihnachten Geburtstag feiert.

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

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