Und wir werden ihn sehen …

Der Pulverdampf hat sich gelegt, die Schlacht ist geschlagen. Die Kühlschränke leerer, die Gürtel weiter: Wohl dem, der Hosenträger hat. Das Gedrängel in den Geschäften und die Un­ruhe an den Kassen hat geendet, jedenfalls für ein paar Tage, ehe die Umtauschschlacht los geht. Die Unruhe in den Häusern, die Vorbereitung auf das Fest, Reibereien und das alles: Vergan­genheit. Hoffentlich. Die Plätze in den Heiligabend-Gottesdiensten wurden gefunden: Keiner musste draußen blei­ben wie damals die Heilige Familie. Kirchdienerinnen, Kirchdiener, Organistinnen und Organisten, Pfarrerinnen und Pfarrer holen tief Luft, bevor es im neuen Jahr weiter geht. Viele Gäste sind wieder abgereist, der Abwasch ist auch erledigt.

Alle Jahre wieder …

Jetzt ist Zeit, noch einmal in Ruhe auf das zu schauen, was uns da geschehen ist – nicht mit dem Fest, sondern mit dem Gott, der Mensch geworden ist: Unser Gott. Dazu ein nachweihnachtlicher Text. Davon gibt es ja zwei. Nach der einen Überlieferung ist das Kind Jesus mit Maria und Josef auf der Flucht vor den Soldaten des Herodes. Der will ihm den Garaus machen: Noch ein König? Kommt nicht in Frage: Der muss weg. Soldaten erhalten ihre Befehle, schwärmen aus, das Schwert in der Hand. Und da ist der Bote Gottes, sagt Josef: "Nimm das Kind und seine Mutter." – Und Jesus Flücht­lingskind. Auf dem Weg in die Sicherheit, nach Ägypten, so, wie ich Woche für Woche Flüchtlingskinder aus Syrien und einige ihrer Eltern in Kehl treffe.

Ja: Unser Herr ist Asylant, Flüchtlingskind wie Hunderttausende. (Und manchmal frage ich mich: Wäre Jesus heute Mensch unter uns Menschen: Wo würde er wohl das Christfest feiern: Bei Ihnen oder mir zu Hause oder in einem der Flüchtlingslager im Libanon oder in der Türkei oder in einer Sammelunterkunft hier? Auf einem Boot auf dem Weg übers Mittelmeer? Bei seinen geringsten Schwestern und Brüdern? Und wo gehören wir hin, wenn wir nicht unser, sondern Sein Christfest feiern wollen?)

Doch die andere Überlieferung enthebt uns zunächst von derlei Gedanken, die bei Lukas. Nach der ist Jesus mit seinen Eltern in Jerusalem im Tem­pel. Er soll beschnitten, Gott dargebracht werden: Alles Erstgeborene gehört Gott. Dort im Tempel treffen sie, Maria, Josef und Jesus auf Simeon und auf Hanna. Ich lese aus Lukas 2:

[TEXT]

[Zwischenspiel EG 20]

Simeon hat eine Vision. Er hat eine ganz große innere Gewissheit, schon lange: "Da kommt noch was. Nein: Wer. Gott kommt. Der Messias. Und ich werde ihn noch sehen." So alt er ist – das hält ihn auf den Beinen: Er hat noch etwas vor sich. Und dann ist es so weit. Die Hoffnung erfüllt sich.

Macht mich fragen: Welche Vision haben Sie? Welche Hoffnung auf Gott? – Der Advent, die Zeit des Wartens auf die Wiederkunft Jesu, ist noch nicht zu Ende. Noch ist Gnadenzeit und wir leben der Wiederkunft Jesu entgegen. Wie fest ist das in Ihrem, meinem Leben verankert? In einem Lied höre ich "Keine weiß wann, keiner weiß wo – doch alle werden ihn sehn." Alle. Sie. Ich. Advent: Er kommt und vollendet Sein Reich. Ihr Lieben: Auch nach Weihnach­ten haben wir etwas vor uns, dass größer ist als alles, was wir uns von Weihnachten erhoffen können – denn das liegt hinter uns, auch wenn es – alle Jahre wieder – auf uns zu kommt.

Simeon: »Gott hat dieses Kind dazu auser­wählt, die Israeliten vor die Entscheidung zu stellen: An ihm wird sich entscheiden, ob man zu Fall kommt oder gerettet wird. Viele werden sich ihm wider­setzen 35 und so ihre geheimsten Gedanken offen legen. Der Schmerz darüber wird dir wie ein Schwert durchs Herz dringen.«

Ein Kind, ein Mann, an dem sich die Geister scheiden. Total. So total wie nur irgend denkbar. Verachtet und bis aufs Blut und ans Kreuz verfolgt von den einen, geliebt von den An­deren. Und noch eine weitere Dimension von Unterscheidung: Verehrt – und damit auf die Distanz gebracht, dass er einem nichts mehr anhaben kann – und ignoriert von den Meis­ten. Und wenn Er dann zu den Geringsten unter seinen Geschwistern steht, ein durch und durch politischer Messias. – Ob Pegida das merkt? Und die vielen, die – wieder einmal – nichts sagend mitlaufen? Nicht nur in Dres­den? Dieser Messias fordert heraus, polari­siert.

An ihm wird sich entscheiden, ob man zu Fall kommt oder gerettet wird. Viele werden sich ihm wider­setzen und so ihre geheim­sten Gedanken offen legen. So Simeon.

Ja. Und wo stehe ich? Und wo stehen Sie? Und: Woran kann Er das ablesen? Was sind diese geheimsten Gedanken, die Ihm offenbar sind?

Sie merken: Er beunruhigt. Das Kind bewegt, beunruhigt, fordert heraus: Und das noch bevor es zum Mann heran gewachsen ist: Den Simeon, den Herodes … Sie, mich. Ihn kennen hat Konsequenzen. So – oder so: An ihm wird sich entscheiden, ob man zu Fall kommt oder gerettet wird.

Und dann ist da von Schmerzen die Rede: Maria ist gemeint, sie zuerst, auch wenn Er uns Schmerzen zufügt – den Schmerz der Entschei­dung, der Schmerz, Position beziehen zu müs­sen, kein Hü und Hott mehr, son­dern eine klare Position: Wer ist mein Herr? Ist Er’s wirklich? So, wie Martin Luther, der sagt, er müsse täglich in Seine Taufe zurück kriechen – weil er sich sonst zu weit von dem entfernt, was doch Sein Ursprung und Ziel ist.

Ich verstehe jetzt deutlicher, was gemeint ist mit dem Lied "Mit Ernst, o Menschen­kinder, das Herz in Euch bestellt. Es kommt das Heil der Sünder, der wunderbare Held. Den Gott aus Gnad allein der Welt zum Licht und Leben versprochen hat zu geben bei allen kehren ein."

Aber zunächst der Schmerz der Maria. Haben Sie da auch das Bild vor Augen: Maria, die am Kreuz mit erleben muss, wie ihr Kind zu Tode gebracht wird? Die hilflos zusieht – ohne zu verstehen zuerst -, dass der da am Kreuz, das Kind, nun Mann geworden, am Kreuz die Suppe auslöffelt, die Generationen von Menschen, am Ende auch wir, uns mit unserer Art zu leben eingebrockt haben?

Der Jesus, der Mann geworden herausfordert. Damals, heute. Der polarisiert: Für oder gegen Gott. Und der am Ende alle Menschenschuld aus der Welt trägt. – Das alles sieht Simeon. Sieht Er’s wirklich? Hat ihm Gottes Geist die Augen fürs Ganze geöffnet. In jedem Fall: Auch wenn er – wie wir – im Stall nicht dabei war: Er hat genug gesehen: Nun kann ich in Frieden wieder aus dieser Welt gehen. Meine Augen haben Deine Rettung gesehen – den Messias.

Gäbe uns Gott doch auch solche geöffneten Augen, Augen, die noch nach der Weihnacht den Retter sehen und den Advent, der weiter geht. Bis Er kommt. Gnadenzeit. Amen? – Nicht ganz. Bliebe noch Hanna. Sie trat hinzu und begann ebenfalls, Gott zu loben. Allen, die auf die Befreiung Jerusalems warteten, erzählte sie von diesem Kind. Hanna sagt nicht viel, kein prophetisches Wort. Hanna handelt: Sie lobt Gott. und weil, was sie erlebt hat, so wunderbar ist, erzählt sie allen weiter.

Ob das jetzt auch unsere Aufgabe ist? Gott loben und weitersagen, was da passiert ist, was das bedeutet – und dass, Weihnachten hin, Weih­nachten her – der Advent bleibt? Bis Er kommt … und die Welt zurecht bringt … und Sie und mich. Und wir werden Ihn sehen. Gott sei Dank.

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