Es geschieht… heute , hier und jetzt!

Als die Kinder noch klein waren, liebten sie diese Augenblicke ganz besonders. Im Dunkel des Abends brannte nur die Leselampe. Sie saßen zusammengerückt ganz eng beieinander und lauschten der vertrauten, dunklen, aber warmen Stimme. Und sie kannten, so oft hatten sie die Geschichten gehört, jedes Wort: es war einmal vor langer, langer Zeit… das Tor zu einer bunten Welt der Bilder und der Träume tat sich ganz weit auf. Wehe der Vorleser wagte zu kürzen, dann erhob sich lauter Protest. Wehe der Vorleser veränderte die vertrauten Worte, dann erschall es sofort: das steht dort aber nicht.
In dieser Welt waren sie zu Hause wohl nie wieder fühlten sie sich so unbeschwert und voraussetzungslos glücklich wie in diesen Kindertagen.
Ich denke, mit Weihnachten ist es ganz ähnlich.
Da sind die vertrauten Worte seit Kindertagen und weil wir sie oft gehört haben, wecken sie in uns das gute Gefühl zu Hause, geborgen, noch einmal für einen Augenblick Kind zu sein.
Wehe der Vorleser wagt eine Verkürzung.
Wehe der Vorleser verändert die vertrauten Worte.
Es soll so klingen wie immer, so, als ob es nie anders gedacht und gemeint war: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging
An vielen Orten erzählen jedes Jahr andere Krippenspiele diese Geschichte. Aber manchmal ist es auch damit wie mit den alten Worten: seit Generationen ist darauf Verlass, dass die gleichen Rollen mit den selben Worten berichten, was einst geschah: damit es wirklich Weihnachten werden kann.
Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Stunde am Abend im Schein des kleinen Lichtes in der Erinnerung der Kinder und diesem Abend.
Das Weihnachtsevangelium beginnt gerade nicht wie alle Märchen beginnen „ es war einmal vor langer Zeit…“ in einem Land, das nur die Phantasie bereisen kann, sondern er beginnt wie ein Chronist, der Ort und Zeit genau kennt. Er erzählt nicht eine Gutenachtgeschichte, wobei auch Märchen oft alles andere als nur einfach gute oder belanglose Geschichten sind. Er nennt Zeit und Ort beim Namen, Daten in unserer Geschichte, nicht in einem unbekannten Land und dies vor wirklich langer Zeit, sondern so als ob es jetzt und hier geschieht. Sichtbar nicht nur für Kinder und Träumer, sondern offensichtlich für jedermann muss er von dieser Nacht erzählen. Das Wunder und das Geheimnis, dass Gott Mensch wird, geschieht hier und heute mitten unter uns und an allen andern Orten dieses großen, wunderbaren und so zerbrechlichen Planeten, der uns Heimat und Zuhause ist, in Zeit und Raum, von Menschen erfahren und bezeugt. Sie sind nicht bestellt, nicht herbeigeredet oder herbeigeschrieben, ihre Wege haben einfach das Wunder von Bethlehem gekreuzt, so wie Weihnachten mit großer Regelmäßigkeit Jahr für Jahr einfach und ungefragt unseren Alltag unterbricht.
Weihnachtszeit ist dieses zu Ende gehende Jahr 2014. Und spätestens in ein paar Tage wird das Urteil feststehen: ein gutes Jahr… oder es kann nur besser werden…. vielleicht auch: reden wir nicht drüber… Auf jeden Fall war es wie es war, letztlich wie viele andere Jahre zuvor auch. Wir haben Glück erlebt, Gott sei Dank, uns ist manches erspart geblieben, wir sind bewahrt oder uns ist geholfen worden und es sind unzählige Tränen geflossen, weil uns Krankheiten, Kriege, Konflikte und unglaubliche Gewalt begegnet sind. Wir erleben in den Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, die Ungerechtigkeit in den Verhältnisse dieser Welt und was Menschen Menschen antun können, manchmal sogar im Namen Gottes, wir spüren Ängste vor der Zukunft, vor Unbekanntem oder Unbekannten in uns aufsteigen und sind in der Gefahr, wieder die darunter leiden zu lassen, die sich am wenigsten wehren können. Weder Brot für die Welt, noch Misereor oder Sternentaleraktionen können dies einfach ungeschehen machen. So ist es ehrlich und nüchtern nicht nur in der Zeit,in der vom Kaiser Augustus ein Gebot ausging, sondern auch in unserer Zeit, in der Menschen auf der Suche nach Frieden und Geborgenheit, nach Sicherheit und Gerechtigkeit unterwegs sind fernab der Orte ihrer Kindheit und ihrer Familien. Sie stehen an unseren Außengrenzen , und gerade so halten oder rufen sie auch die Erinnerung wach, wie sehr diese Welt sich immer noch nach einem menschlichen Angesicht sehnt. Sie sind nicht nur Montags oder Mittwochs, sondern alle Tage auf den Straßen der armen in die reichere Welt, weil sie den Glauben an die Menschlichkeit noch nicht verloren haben, sie müssen nicht rufen: wir sind das Volk, weil Gott sich schon beim ersten Mal dem Hirtenvolk dazu bekannt hat: euch, denen keiner es zugetraut oder zugebilligt hätte, ist heute der Heiland geboren.
Sie hören von der großen Freude, die allem, nicht nur einem Volke, widerfahren soll. Schon vom ersten Augenblick an war klar, dass diese Nacht nicht allein wenigen Priviligierten, Wohlhabenden, vom Leben und vom Glück Bevorzugten gehört, sondern allen: Kranken, Einsamen, Traurigen, Hungernden ebenso wie Glücklichen, Liebenden, Zufriedenen und Erfolgreichen. Nur manche tun sich schwerer, sich auf dieses Wunder und Geheimnis einzulassen, dass nicht mehr und nicht weniger sagt als: Gott wird Mensch, mitten in dieser unserer Alltagswelt, mitten in unserer Zeit an unseren Lebensorten.
Dieses Kind, in dem wir jedes Kind dieser Welt entdecken können, ist das menschliche Antlitz, mit dem Gott sich zeigt und das er dieser Welt gerne geben möchte. Und das Gesicht dieser Welt wandelt sich freundlich mit jedem Tag, an dem Menschlichkeit und Lebensfreude Raum und Zeit bekommen, an jedem Tag, an dem dieses Kind also in unserem Leben und Alltag Wohnung nehmen darf , Herberge findet und wir ihm Gehör schenken. Der Friede, den Gott verheißt, erschallt mit Engelstönen vom Himmel und erklingt mit Jauchzen aus seligen Menschenherzen.
Aber er fällt nicht vom Himmel.
Auch er will wie ein Kind wachsen, er muss behütet, umsorgt, gepflegt und beschützt werden, wenn er groß werden soll.
Und er ist kein Märchen, kein Wunschtraum aus dem Land der Phantasie, sondern ein Kind unserer Zeit, unserer Tage und unserer Herzen: Frieden in unseren Herzen, Häusern und Familien, in unseren Dörfern und Städten, in unseren Ländern und Kontinenten, rund um unsere Welt , in der alle Menschen zu dem einen Volk Gottes werden dürfen, dem heute große Freude verkündet wird, weil Christus geboren, weil Gott zur Welt gekommen ist. Wir sind nicht mehr allein.
Das Leben verliert den Anschein des Zufälligen, Beliebigen und Grausamen. Es zeigt sich nun als ein Geschenk, aus der sich verlierenden Zeit in die Ewigkeit gehoben.
Gott wird Mensch.
Und dem Menschen verspricht sich Gottes Ewigkeit.
Weihnachten ist eine große Sache, die im Kleinen anfängt.
Weihnachten feiern wir mit frohem Herzen in unseren Familien und Häusern, aber es will die ganze Welt verändern.
Gott ist dir und mir menschgeworden, in allem ganz nah, und will für die ganze Welt Frieden und Freude. Auch wenn keiner von uns allein dafür einstehen kann, anfangen können wir alle damit, wenn wir am Ende der Geschichte heute und hier wieder umkehren in unser Leben und Gott mit unsren Herzen, aber auch mit unseren menschenfreundlichen Taten imd Händen loben und preisen für alles, was wir gesehen und gehört haben.
Das schenke uns Gott, so sei es für uns alle gesegnete Weihnachten voller Freude und in Frieden. Denn eines ist anders seit diesem Tag: Gott ist Mensch geworden

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