Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden

Liebe Gemeinde am Heiligabend!

Dieses zu Ende gehende Jahr 2014 war ein ganz besonderes Gedenkjahr. Viel Aufmerksamkeit nahm dabei das 100jährige Gedenken an den Ausbruch des 1.Weltkrieges ein. Zeitschriften und Zeitungen waren voll mit Berichten und mit Erzählungen von jungen Männern, die sich am Anfang abenteuerlustig und enthusiastisch von zuhause aufmachten und am Ende verstört nach Hause kamen. Mit Bildern von modernen Waffen, von Panzern, Flugzeugen, Maschinengewehren und U-Booten, die dabei erstmalig zum Einsatz kamen. Vor allem aber war es die unfassbare Zahl von 17 Millionen Menschen, die bei diesem Weltkrieg das Leben verloren, und die wie ein Ausrufezeichen über allen Artikeln stand. Der 1.Weltkrieg – die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts!

Heute am heiligen Abend vor 100 Jahren ist aber noch etwas passiert. Inmitten des 1.Weltkrieges. Es war in Flandern. Deutsche Soldaten, die noch im Sommer dachten, sich nur auf einen kurzen Feldzug einlassen zu müssen, haben erbittertes Schlachtenschlagen hinter sich. In eisigen Schlammlöchern hocken die Soldaten Tag für Tag, Nacht für Nacht. Fürchterliches Artilleriegedröhn und das Trommeln der neuen Maschinengewehre lassen ihre Seelen schon seit Wochen erzittern. In einem kleinen Frontabschnitt liegen Deutsche und Engländer in nur 50 Metern Entfernung voneinander in Stellung. Zwischen den feindlichen Linien, im Niemandsland, befinden sich die Gefallenen, teils mit Schnee bedeckt. Der Morgen des 24. Dezembers ist ein klarer Tag. Der ständige Schneefall hat aufgehört. Auf einmal tritt eine unwirkliche Stille ein. Kein Laut ist mehr zu hören. Plötzlich gehen auf beiden Seiten hinter den Wällen Schilder hoch. „Frohe Weihnachten“ steht drauf und „Merry Christmas“. Erste mutige Männer rufen den Gegner an, ihre Gefallenen bergen zu wollen. Es wird nicht geschossen, als sie unbewaffnet ins Niemandsland vorgehen. Sie beerdigen die Toten und dann beginnen die Soldaten mit einander zu sprechen. Sie tauschen Geschenke aus. 
Tabak gegen englischen Plumpudding, britischer Schokoladenkuchen gegen bayerisches Bier. Um neun Uhr Abends zünden sie die Kerzen auf ihren Tannenbäumen an, und mehr als zweihundert Kehlen singen auf einmal stille Nacht, heilige Nacht bzw. silent night, holy night. Ein Brite schreibt später seiner Frau: „Stell dir vor. Während du zu Hause deinen Truthahn gegessen hast, plauderte ich da draußen mit den Männern, die ich ein paar Stunden zuvor noch zu töten versucht hatte.“

Das, liebe Gemeinde, was ich hier erzähle, das ist wirklich passiert (und in den vergangenen Tagen war davon in der einen oder anderen Zeitung zu lesen). Es ist als das Weihnachtswunder von 1914 in unsere Geschichte eingegangen. Aber wie kam es dazu? Wie kann es sein, dass Feinde, die sich zuvor erbittert bekämpft haben, auf einmal miteinander Weihnachten feiern und Stille Nacht zusammen singen? Dass sie aus ihren Schützengräben herauskommen, Merry Chrismas rufen und Geschenke austauschen? Was ist (um Himmels willen) hier passiert?

Offenbar hat das, was da einst vor etwa 2000 Jahren geschehen ist und von dem uns die Weihnachtsgeschichte des Lukas auch heute erzählt, eine Dimension, eine Wirkung, eine Strahlkraft, die sich tief in die Herzen der Menschen gesetzt hat. Die Botschaft der Engel, dass der Heiland geboren ist, ihr Lobgesang: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens sind Worte, ist eine Ansage, die hineingerufen wird in unsere dunkle Welt und die auf einmal etwas zum Leuchten bringt. Ein Leuchten, das so hell ist und so glänzend, dass es nicht ohne Wirkung auf uns bleibt. An Weihnachten bricht quasi etwas Himmlisches ein in unsere irdische Welt. Etwas Heiliges berührt unsere unheile Erde und unsere menschliche Heillosigkeit. Himmel und Erde, Gott und Mensch kommen sich auf einmal ganz nah.

Wie auch immer wir beschreiben wollen, was sich da an Weihnachten ereignet: in den englischen und deutschen Soldaten am Heiligabend vor 100 Jahren dort in den Schützengräben in Flandern, tief in ihrem Inneren, da wird etwas wachgerufen, da steigt eine Ahnung auf, da kommt eine Erinnerung hoch, ein sich bewusst und gewahr werden: wir sind doch mehr als nur Soldaten, die dem Befehlen zum Schießen gehorchen. Wir sind, wir können doch mehr als anderen nur mit Gewalt und Hass und Feindseligkeit zu begegnen. An diesem Heiligabend da werden sie auf einmal von etwas anderem bestimmt. Da greift etwas in ihnen Raum, da werden sie ergriffen von dem, was sie nach ihrer eigentlichen Bestimmung fragen lässt, nach dem, was ihr Menschsein denn im Tiefsten ausmacht, nach dem, wie jeder von ihnen eigentlich im Letzten von Gott gemeint und gedacht ist.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seines Wohlgefallens, bei den Menschen, die er liebt. In dem Kind, das geboren wird, in Jesus Christus, wird diese Weihnachtsbotschaft konkret, wird sie deutlich, bekommt sie ein Gesicht und Hand und Fuß. In dem Kind kommt Gott selbst zur Welt. In dem Kind schafft Gott einen Neuanfang. Das Kind, das in der heiligen Nacht geboren wird, es ist wie ein Zeichen, das deutlich macht: Ihr seid von Gott nicht vergessen und verlassen. Das Kind, das in der heiligen Nacht geboren wird, es ist ein Zeichen dafür, dass etwas Neues beginnt, dass ein neuer Anfang gemacht wird, dass neues Leben möglich ist. Dass wir Menschen nicht so bleiben müssen, wie wir sind. Das Kind, das in der heiligen Nacht geboren wird, ist Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen. Liebe, die auch uns ergreifen und unsere Herzen bewegen und erfüllen will.

Eine – wie auch letztlich immer geartete – Erinnerung daran wird es gewesen sein an jenem Heiligabend 1914, die in den englischen und deutschen Soldaten aufgestiegen ist. Sie hat dieses Wunder vollbracht, dass die Männer ihre Schützengräben verließen, aufeinander zugegangen sind und sich Frohe Weihnachten gewünscht haben. Von einem Weihnachtswunder ist die Rede. Ja, darüber staunen wir, darüber wundern wir uns, dass so etwas möglich ist inmitten des Krieges.

Gleichwohl wissen wir: mit diesem Wunder war nach 2 Tagen Schluss. Da hatte das Wunder ein Ende, da erinnerten sich die Befehlshaber und Offiziere wieder daran, dass doch eigentlich Krieg war und dass die freundschaftlichen Begegnungen und die Verbundenheit, die sich zwischen den Männern einstellte, nicht sein dürfen. Nach 2 Tagen war Schluss mit Weihnachten. Da kehrte die harte Realität zurück, da hatte die Waffenruhe ein Ende, da herrschte wieder Krieg und die Männer schossen aufeinander.

Doch, liebe Gemeinde am Heiligabend: Kennen wir das im übertragenen Sinn nicht auch von uns und unseren Weihnachtsfeiern? Da kommen wir zusammen mit unseren Wunsch nach Harmonie, nach Eintracht und Einigkeit und manchmal braucht es nur ein falsches Wort, zwei schreiende Kinder oder eine verkohlte Gans und der Weihnachtsfrieden ist dahin. Da wünschen wir uns frohe Weihnachten und vielleicht nur 2 Stunden später liegen wir uns schon wieder in den Haaren.

Was aber bedeutet das, dass es so ist, dass dieser Weihnachtsfriede so fragil ist und oft so schnell wieder verpufft? Dass er nicht von Dauer ist, ja, dass wir Menschen uns so schwer damit tun? Wir sehnen uns nach Frieden und oft und immer wieder werden wir enttäuscht, erfüllt sich unsere Sehnsucht nicht und nicht zuletzt deshalb wünscht sich mancher nach den 2 einhalb Tagen verordneter Auszeit wieder die Normalität herbei mit geöffneten Geschäften und der Betriebsamkeit des Alltags auf den Straßen und in den Häusern.

Wenn der erhoffte Friede nicht einkehrt, dann ist manchmal die Enttäuschung groß. Aus solcher Enttäuschung heraus könnte mancher dafür plädieren, es doch mit Weihnachten einfach sein zu lassen.

Es mit Weihnachten einfach zu lassen – wäre das nicht eine Option?

Doch Hand aufs Herz, liebe Gemeinde am Heiligabend: Gliche solch ein Entschluss nicht letztlich einem Menschen, der sagt und sich vornimmt: ich werde mich nie verlieben! Ich werde mich nie einem anderen hingeben aus Liebe! Das werde ich niemals tun! Deshalb nicht, weil ich nicht verletzt werden will, weil ich Angst habe, zurückgewiesen zu werden.

Ja, das ist wohl wahr: wer liebt, wer sich liebend einem anderen hingibt, der geht ein Risiko ein. Das Risiko, dass diese Liebe nicht erwidert wird. Gott hat dieses Risiko auf sich genommen. Er hat es riskiert und schenkt sich uns aus Liebe zu uns Menschen in seinem Sohn Jesus Christus. Mit dem Kind, dessen Geburt wir heute feiern, hält sich Gott selber uns liebend entgegen. Und dieser Christus ist es, der uns deutlich macht: auch wenn du es nur 2 Tage schaffst mit dem Frieden oder nur 2 Stunden oder vielleicht auch nur 2 Minuten. Ich gebe dich nicht auf. Ich halte an dir fest. Meine Liebe zu dir bleibt. Lass dir meine Liebe gefallen. Lass dich tragen von ihr. Lass dich von ihr bewegen. Trau ihr etwas zu. Wer dieser Liebe Gottes in sich Raum gibt, der kann seinen Schützengraben verlassen, der kann aus seinem Versteck kommen, aus seinem Hinterhalt, der zielt nicht länger mit der Waffe auf den anderen, sondern reicht ihm die Hand. Und wenn er danach auch wieder in seinen Schützengraben gehen mag, ist die Erinnerung da an das, was sein Herz erwärmt, die Erinnerung daran, was das Leben schön und wertvoll und liebenswert macht. Und diese Erinnerung, diese Erfahrung der Liebe ist es, die ihn, die uns wieder und wieder herauslocken will und noch einmal und noch einmal.

Weihnachten erzählt uns von dem, was uns zu Menschen macht, was unser Menschsein ausmacht, wenn Gott kommt, wenn sein Licht in unsere Herzen dringt, wenn seine Liebe uns berührt.

Mit einem Kuriosum möchte ich schließen: Wussten Sie, liebe Heiligabendgemeinde, dass es mittlerweile 1 Million Erasmuskinder gibt? Was ein Erasmuskind ist? Das sind die Kinder, deren Eltern sich während eines Studienaufenthaltes im europäischen Ausland kennen- und lieben gelernt haben. Eine Millionen Erasmusbabys seit 1987 sind geboren worden. Ihre Großväter und Urgroßväter sind sich vielleicht noch auf den Schlachtfeldern des 1. und 2.Weltkrieges begegnet und haben sich gegenseitig bekämpft und erschossen. Das ist vorbei. Das ist Vergangenheit. Und auch wenn es in unserem heutigen Europa manches gibt, was uns Sorgen bereitet, was uns verunsichern mag und uns aufhorchen lässt, das grausame Wüten von damals hat ein Ende gefunden. Sich das bewusst zu machen und zu sehen, was an Positivem und Erfreulichem gewachsen ist zwischen den ehemals verfeindeten Menschen – das tut in einem Gedenkjahr wie diesem gut.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens – sangen die Engel in der Heiligen Nacht. Wir haben allen Grund in diesen weihnachtlichen Lobgesang mit einzustimmen. Gott sei Dank!

Und der Friede Gottes der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, er bewahren unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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