Auch du bist würdig und wert, dass Gott für dich sein Bestes gibt

Liebe Gemeinde!

I.) Einige Familien feiern in diesem Jahr ein ganz besonderes Weihnachtsfest. Denn ihr Leben ist in den letzten Monaten ein völlig anderes geworden. Die Tage haben seit einiger Zeit einen neuen Takt und stille Nächte sind jetzt eher die Ausnahme als die Regel. Obwohl es ja noch gar nicht so lange her ist, müssen die jungen Eltern sich richtig anstrengen, um sich noch daran zu erinnern, wie es eigentlich vor der Geburt ihres Kindes war. Als man sich nur schnell selber anziehen musste, wenn man aus dem Haus gehen wollte. Als man sich abends noch spontan überlegen konnte, ob man Freunde besucht oder ins Kino geht. Als man zumindest am Wochenende noch ausschlafen konnte – all das sind nun Erinnerungen an eine scheinbar längst vergangene Zeit.

Trotzdem sind sich alle Elternpaare einig, die ich bei den Taufgesprächen im Laufe des Jahres getroffen habe: Nein – um keinen Preis der Welt würden wir dieses neue Leben mit unserem Kind wieder eintauschen. „Denn mit unserer kleinen Tochter“, so sagt ein Vater, „ist so viel Neues und Schönes in unser Leben gekommen: überschäumende Energie, unverstellte Freude, ansteckendes Lachen, staunendes Entdecken und eine neue Art zärtlicher Berührung.“ „Durch unseren Sohn“, so sagt die Mutter eines anderen Kindes, „lernen wir uns auch selber noch einmal neu kennen: Wir erfahren auf eine ganz neue Art und Weise, was Liebe ist. Mit ihm erlauben wir uns auch selber wieder Kind zu sein, zu spielen, zu toben und irgendwelchen Unsinn zu machen. Und wie spannend ist es für mich meinen Mann in der Rolle als Vater noch einmal ganz anders zu erleben.“

Ein Paar hat mir erzählt, dass sie heute zum ersten Mal nicht bei ihren Eltern feiern, sondern als Familie zu dritt den Heiligen Abend verbringen wollen. In die Kirche werden sie nicht gehen, sondern zu Hause am Weihnachtsbaum ein oder zwei Lieder singen und für sich die Geschichte von dem Kind lesen, das in der Heiligen Nacht geboren wurde. Vielleicht haben sie es gerade jetzt getan und ihr kleiner Sohn ist dabei eingeschlafen und atmet jetzt ruhig auf dem Schoß seiner Mutter. Ich vermute, seine Eltern haben die alten Worte der Weihnachtsgeschichte heute anders gehört als in all den vergangenen Jahren. Haben sich näher dran gefühlt an der Geschichte von Maria und Josef und dem Kind in der Krippe. Weil sie selber das Wunder erfahren haben, wie ein Kind ihr Leben verändert hat. „In diesem Jahr“, so sagte mir die junge Mutter, „brauchen wir eigentlich keine Geschenke. Wir haben unser Geschenk schon bekommen.“

II.) Doch diese lebendigen Geschenke des Himmels sind rar geworden in unserem Land. Und immer weniger Paare machen diese unvergleichliche Erfahrung, wie es ist, wenn ein Kind ihr Leben verändert.

Wenige Tage vor Weihnachten sind gerade neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes veröffentlich worden, die noch einmal belegen, dass immer weniger Kinder in Deutschland geboren werden. Viele Gründe werden dafür genannt. Die durchschnittliche Geburtenrate in unserem Land ist im Laufe der Jahre immer weiter gesunken und liegt jetzt noch bei 1,36 Kindern pro Frau. Hinzu kommt, dass ja schon seit Ende der 60ger Jahren die Zahl der Geburten rückläufig war und die Jahrgangsstärken der potentiellen Eltern nach und nach immer kleiner geworden sind. Die meisten Paare binden sich spät und schieben ihren Kinderwunsch lange auf. Durchschnittlich sind die Mütter und erst recht die Väter bei der Geburt ihres ersten Kindes schon über 30 Jahre alt.

Hinter den nackten Zahlen stehen junge Menschen, die ihr Leben planen und gestalten. Wenn man sie fragt, sagen die meisten schon, dass sie irgendwann eine Familie gründen wollen. Aber es gibt ja auch noch vielen anderen Optionen, die den ihnen heute offen stehen: Ausbildung, Studium und Beruf, oft verbunden der Möglichkeit zu längeren Auslandsaufenthalten. Kann man es ihnen verübeln, diese Chancen nutzen zu wollen? Und natürlich wissen sie auch, dass in der Wirtschaft größtmögliche Flexibilität von den Mitarbeitern erwartet wird. Auch sonst fehlt es in unserem so wohlhabenden Land an vielem, um Beruf und Familie tatsächlich gut miteinander vereinbaren zu können. Gerade in unserer Stadt können Familien mit Kindern kaum noch eine bezahlbare Wohnung finden und es nach wie vor mangelt an Krippen- und Kindergartenplätzen.

Hinzu kommt nach meinem Eindruck noch, dass sich bei vielen jungen Leute ihnen der Gedanke festgesetzt hat, dass man erst jeder Hinsicht abgesichert sein muss, bevor ein Kind kommen darf. Erst die Ausbildung, dann die ersten Jahre im Beruf, dann vielleicht die Hochzeit und möglichst eine Eigentumswohnung oder gleich ein eigenes Haus. Und wenn dann alles eingerichtet ist, dann darf endlich Leben ins Kinderzimmer kommen. Hoffentlich, so kann man ihnen nur wünschen, ist es dafür dann noch nicht zu spät. Dass es durchaus auch anders herum geht, davon könnten viele der Älteren eine Menge erzählen.

So ist es diese Mischung aus gesellschaftlichen Entwicklungen persönlichen Entscheidungen und individuellem Schicksal, die am Ende dazu führt, dass unserem Land nichts so sehr fehlt wie Kinder. Und sie fehlen gerade auch zu Weihnachten in vielen Familien, in Lebensgeschichten von Männern und Frauen, die gewollt oder ungewollt kinderlos geblieben sind oder in den Geschichten der Älteren, für die sich die Hoffnung auf Enkelkinder sich noch nicht erfüllt hat.

III.) Doch am Heiligen Abend machen wir uns ja alle auf, um einem Kind zu begegnen. Jenem Kind, das in dieser Nacht auch in unser Leben kommen will. Lassen wir doch ruhig für einen Moment alles hinter uns was uns hier noch hält, damit wir den Weg zum Stall und an die Krippe finden. Dabei schließen wir uns all den anderen an, die ebenfalls glauben, ahnen oder doch zumindest hoffen, dass dieses Kind auch für sie geboren wird und dass seine Ankunft auch unseren Blick auf die Welt und auf uns selbst verändern kann. So haben es jedenfalls schon viele erlebt, die sich vor uns auf den Weg gemacht haben, um das Kind zu finden.

Zuallererst jene Menschen, von denen die Weihnachtsgeschichte erzählt: Maria und Josef, die Hirten und die Könige. Sie alle erkennen an der Krippe, was sie vorher nicht ahnten: nämlich wie viel sie Gott wert sind.

Zuerst sehen wir Maria und Josef noch allein im Stall. Ein schon etwas älterer Mann und seine noch sehr junge Verlobte – zwei die irgendwie gar nicht so richtig wissen, in was für eine Geschichte sie da geraten sind und auf welchen Wegen sie von Gott geführt werden. Als das Kind zur Welt kommt sind Maria und Josef auf sich allein gestellt. In der Stunde der Angst und der Schmerzen steht er ihr zur Seite bis das Kind seinen ersten Schrei tut. Bieten können bieten ihrem kleinen Kind nicht viel. Kein warmes Haus, kein weiches Bett, nur ein notdürftiges Dach über dem Kopf, ein paar Windeln und einen Futtertrog, in den sie es legen, außerdem etwas Wärme und Geborgenheit in der kalten Nacht.

So wird in dieser Nacht aus einem durchreisenden Paar die Heilige Familie. Nicht aus Versehen, sondern weil Gott es genau so will. Genau so ist es Gott recht. Er verachtet diejenigen nicht, die nur das Nötigste haben, sondern vertraut sein Bestes, seinen Sohn, ihren Händen an. Ja – ihr beide Maria und Josef, ihr seid würdig und wert Vater und Mutter für mein Kind zu sein.

Nach einiger Zeit kommen die Hirten von den Feldern dazu. Sie haben unter den Leuten keinen guten Ruf. Man sagt den Hirten nach, sie wären faul und würden stehlen. Und doch sind gerade sie die ersten, die von den Engeln die gute Botschaft hören dürfen: Siehe ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden. Die Hirten eilen in den Stall und an die Krippe, sehen das Kind und tragen dann die Botschaft von seiner Geburt hinaus zu den Menschen.

So werden in dieser Nacht die Verachteten zu Freudenboten. Nicht aus Versehen, sondern weil Gott es so will. Ja – ihr Hirten seid würdig und wert, aller Welt die Freudenbotschaft zu bringen.

Schließlich werden auch die drei Weisen aus fernen Ländern vom dem hellen Stern zum Kind in der Krippe geführt. Ob sie nun Könige, Gelehrte oder Sterndeuter waren – auf jeden Fall hatten sie hohes Ansehen in ihren Völkern und waren es gewohnt als hohe Gäste in Palästen ein- und auszugehen. In dieser Nacht lernen Sie nun, vor einem kleinen Kind in einem armen Stall niederzuknien und es anzubeten. Und empfinden das nicht als Erniedrigung. Denn sie erkennen in dem kleinen Kind den wahren Herrn ihres Lebens, den König, der aller Welt und auch ihnen den Frieden bringt.

So werden in dieser Nacht aus den Suchenden solche, die ihr Heil gefunden haben. Nicht aus Versehen, sondern weil Gott es so wollte und sie nach der langen Reise mit vielen Irrwegen schließlich in den Stall und an die Krippe geführt hat. Ja- auch ihr Weisen und Könige aus aller Herren Länder, auch ihr seid würdig und wert, das Kind zu finden: Nicht weil ihr so klug und so mächtig seid, sondern weil ihr die Sehnsucht in euch habt, den zu finden, der allen Völkern und eurer Seele den Frieden bringt.

IV.) Nach ihnen stehen auch wir nun im Stall angekommen und dürfen in die Krippe sehen. Da liegt das Kind vor uns, auch für uns geboren, auch für mich und für dich in diese Welt gekommen. Nicht aus Versehen, sondern weil Gott es so wollte. Denn an der Krippe sollen auch ich und du von neuem erfahren können, wie viel wir Gott wert ist.

Denn auch du bist ja oft am Zweifeln und weißt manchmal gar nicht genau, wo du eigentlich stehst in deinem Leben. Weil du ja auch immer wieder merkst, dass du nicht allen Ansprüchen gerecht werden kannst, die an dich herangetragen werden und an denen du dich selber misst. Zum Beispiel du da hinten, aus der 12. Klasse, du musst bald dein Abi schreiben, aber dich treibt schon die Angst um, dass du, so sehr du dich auch bemühst magst, den NC für dein Traumstudienfach doch nicht erreichen wirst. Und Du hier vorne, dir macht es zu schaffen, dass du jetzt, mit knapp 60 Jahren immer deutlicher spürst, dass du bei der Arbeit mehr so einfach gut mithalten kannst mit den jüngeren Kollegen. Und du da oben, du bist im letzten Jahr durch eine schwere Krankheit aus der Bahn geworfen worden und es fällt dir noch immer schwer, nun wieder Tritt zu fassen im normalen Leben. Du da im Mittelblock du versuchst es ja immer allen recht zu machen. Machst immer ein freundliches Gesicht, aber keiner ahnt, wie leer und erschöpft du dich oft fühlst. Und du da auf der rechten Seite spürst noch immer eine große Lücke in deinem Leben, seit deine Frau gestorben ist, gerade jetzt zu Weihnachten und weißt noch nicht, wie es für dich alleine weitergehen soll. Euch alle beschäftigt die Frage, die auch wir anderen uns immer wieder stellen: Was bin ich, was ist mein Leben wert, wenn den Maßstäben nicht gerecht werden kann, an denen ich mich messe und von anderen gemessen werde.

Magst Du der Antwort trauen, die dir am Heiligen Abend gegeben wird, wenn du dem Kind in der Krippe gegen überstehst? Die Antwort ist: Ja – auch du bist würdig und wert, dass Gott für dich sein Bestes gibt. Das Kind in der Krippe ist auch dir ins Leben gelegt. Es ist das Zeichen der Liebe Gottes, die dich hält und trägt. Nimm dieses Kind auch als das deine an, lass dich von seiner Liebe anstecken, nimm es in dein Leben und trage auch es nach Weihnachten in deinem Herzen in die Welt.

V.) Wo ein Kind zur Welt kommt, bekommen Menschen damals und heute einen neuen Blick auf die Welt und auf sich selbst.

Wir sind nicht mehr dieselben sagen die Eltern, die heute mit ihrem kleinen Sohn heute zum ersten Mal Weihnachten zu Hause feiern. Wir sind dankbar für dieses neue Leben als Familie mit allen Erfahrungen, die dazugehören. Aber wir spüren auch die große Verantwortung für den kleinen Menschen, der uns anvertraut und so ganz und gar auf uns angewiesen ist. Durch unseren kleinen Sohn ist uns auf neue Weise deutlich geworden, wie sehr wir gebraucht werden und dass es wirklich auf uns beide ankommt. Deshalb gehen wir auch achtsamer mit uns um. Fahren mit dem Auto lieber etwas langsamer und gehen nicht mehr bei Rot über die Straße. Bei allem was wir tun, planen wir jetzt einfach mehr Zeit ein und spüren, dass es für unseren Sohn gut ist, wenn wir nicht ständig hektisch hin- und her rennen. Und uns tut das auch gut.

Vielleicht können ja auch wir an diesem Heiligen Abend sagen: Wir sind nicht mehr dieselben. Denn wir haben das Kind gefunden und nehmen von der Krippe in unseren Herzen mit nach Hause. Vielleicht finden auch wir mit dem Kind im Herzen zu einem neuen Lebensgefühl, wissen uns gehalten, getragen, verbunden, wertgeschätzt und geliebt von Gott, der in der Heiligen Nacht für uns sein Bestes gegeben hat.
Wer einmal Vater oder Mutter geworden ist, bleibt es ein Leben lang. Und so werden auch wir für immer diejenigen bleiben, denen Gott sein Kind ins Leben gelegt hat.

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