Es begab sich aber zu der Zeit

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus
Es begab sich aber zu der Zeit – die alten Worte aus der Lutherübersetzung locken jedes Jahr unzählige Menschen in die Kirchen und Gotteshäuser. So beginnt die Weihnachtsgeschichte. Mancher kann sie sogar auswendig: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Josef, aus Galliläa, mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger………
Ich kenne diese Geschichte seit Kindertagen, so wurde sie bei uns am Heiligabend vorgelesen und sie signalisierte immer wieder: Jetzt beginnt etwas ganz besonderes, etwas, was es das ganze Jahr so nicht gibt. „Es begab sich aber zu der Zeit“ – das war ein Stück Verheißung auf die Freude, die auf dem Gabentisch unter einer Decke lag.

Es geht wohl uns allen so, dass wir mit der Weihnachtsgeschichte viele Gefühle verbinden. Da sind Erinnerungen an früher, an Mutter und Vater und an eine Kindheit, die lange zurück liegt. Immer wieder ist der Lichterzauber des Weihnachtsbaumes in den dunkelsten Tagen des Jahres am Heiligabend etwas besonderes. Da sind Erinnerungen an die eigenen Kinder, als sie noch klein waren und das ganze für ein märchenhaftes Wunder hielten.
Aber da sind natürlich auch schwere Erfahrungen: Weihnachten ist die Einsamkeit immer am größten und die Trauer um Menschen, die wir verloren haben, auch. Ich glaube, Weihnachten sind wir uns selbst und unseren Sehnsüchten am allernächsten.

„Es begab sich aber zu der Zeit“ – das sind Worte, in denen eine immense Kraft steckt. Das ist nicht nur eine alte Geschichte, die sentimentale Gefühle weckt, mit dieser Geschichte verbinden sich andere und manche, die an ein Wunder grenzen.

Ich will Ihnen eine dieser Geschichten erzählen:
Es war Winter geworden an der Westfront im Jahre 1914. Deutsche, französische und schottische Soldaten lieferten sich einen erbitterten Stellungskrieg. In den Schützengräben wurde gefroren und gestorben und der anfangs so freudig begrüßte Krieg erwies sich als bitter, grausam und sinnlos.
Es nahte das Weihnachtsfest im Jahre 1914. Der Kaiser versorgte die Front persönlich mit deutschem Bier und Weihnachtsbäumen – eine Farce, wie es schien. Wer wollte schon angesichts von Krieg und Gewalt die Geschichte vom Kind in der Krippe hören? Alle Soldaten waren in Gedanken zu Hause. Ihnen allen gingen Gedanken und Erinnerungen nach: Sie träumten von der Wärme in den Häusern, von der Liebe derer, die ihnen anvertraut waren, von Geborgenheit und vom Frieden. Sie erinnerten sich an die Zeit, in der sie noch nicht wussten, wie grausam das Leben sein kann.
Am Heiligen Abend 1914 war es relativ still an den Fronten. In den Schützengräben wurde ein bisschen gefeiert, so gut es eben ging angesichts der Umstände. Die Franzosen tranken Champagner, die Schotten Wisky und die Deutschen tranken Bier. Ab und zu fiel ein Schuß in die kalte Nacht, aber sonst war Ruhe. Da ertönte aus dem schottischen Lager eine Melodie, die Dudelsäcke erwachten und die Soldaten stimmten mit ein in ein Lied, das von der Sehnsucht nach zu Hause erzählte. Ergriffenheit legte sich über die ganze Front, über die verfeindeten Heere. Die Stille danach war voll Gesang. Da ertönte ein Lied aus dem deutschen Lager: „Oh du fröhliche“ sang einer mit lauter, kräftiger Stimme. Und dann nahm er sich einen der kaiserlichen Weihnachtsbäume und ging hinaus auf´s Schlachtfeld, ohne Waffen, nur mit Mut und dem Willen zum Frieden. In den Schützengräben wurden die Waffen bereits auf den Mann angelegt, Befehl ist Befehl und Krieg ist Krieg. Aber niemand schoss. Statt dessen wurde der Gesang immer lauter. Das Lied ist in allen Sprachen bekannt, die Soldaten in den Schützengräben stimmten mit ein. Da traten die Befehlshaber der Divisionen hervor, ganz langsam, sehr zögerlich und voller Angst. „Lasst uns“ begann einer „lasst uns einen Waffenstillstand vereinbaren. Nur heute Nacht.“ Und so geschah es.
Aus den Schützengräben kamen die Soldaten. Sie teilten Champagner, Whisky und Bier, spielten Karten und tauschten sich mit aus mit dem wenigen, was sie aus den Sprachen der anderen können. Danke, thank you und merci, Fröhliche Weihnachten, merry christmas, joyeux noel. Namen wurden ausgetauscht und Bilder gezeigt: Das ist meine Verlobte, cést ma mere, this is my little daughter. Briefe wurden mitgegeben, die Feldpost funktionierte auf keiner Seite richtig.
Und dann, gegen Mitternacht, wurde auf freiem Feld die Messe gefeiert. Ein Priester las die Weihnachtsgeschichte: Es begab sich aber zu der Zeit, And it came to pass in those days, Or il arriva, en ces jours-là – Deutsche, Franzosen und Schotten feierten Gottesdienst. Sie hörten die alte Geschichte vom Kind in der Krippe und von den Engeln, die es den Hirten verkündigen, die Geschichte von Maria und Josef. Diese Geschichte, in der soviel Liebe ist, dass es einem warm ums Herz wird, auch bei Minus 8 Grad. Sie hörten die Geschichte der Liebe Gottes in einer Umgebung von Hass und Gewalt. Der Gegensatz konnte nicht größer sein – die Erfahrung auch nicht.
„Sie kamen zum Altar wie zu einem Feuer“ erzählte nachher der Priester. „Sie kamen alle, auch die, denen Religion sonst nichts bedeutet, sie kamen, um sich zu wärmen.“

Diese Geschichte erzählt von der Kraft dieses Festes, von der Kraft dieser Worte, von der Liebe Gottes, die in einem Kind beginnt. Er erzählt von Versöhnung, die in der Kraft Gottes möglich ist. „Sie kamen zum Altar, wie zu einem Feuer, sie kamen, um sich zu wärmen.“

Das ist Weihnachten. Es ist das Fest, an dem wir Wärme suchen. Das Fest, an dem wir uns an Wärme erinnern. Es ist auch das Fest, an dem wir Wärme schmerzlich vermissen. Um Wärme geht es vielen, wir geben sie und wir nehmen sie und wir wissen, wir müssen davon manchmal lange zehren.

Dass die Liebe und Wärme Gottes handfeste Folgen haben kann, zeigt mir das Weihnachtsfest im Jahre 1914, heute vor hundert Jahren. An mehreren Stellen der Front wurde die Waffen niedergelegt und der Befehlsgehorsam verweigert. Die Soldaten wurden für ihren Ungehorsam hart bestraft, aber sie haben diese Begegnung über den Schützengräben nie vergessen. Da ist etwas, was größer ist, als Menschenhass und Menschengewalt. Da ist der Mensch selber, der viel mehr kann und viel mehr ist als Hass und Gewalt. Da ist ein Wort, ein Fest, das dieses Gute im Menschen zum Vorschein bringen kann.

„Es begab sich aber zu der Zeit“ – diese wunderschönen, verheißungsvollen Worte gehören nicht zu einem Märchen, sondern zu einer Geschichte, die vor 2000 Jahren begann. Sie gehören nicht nur in unsere Erinnerung, sondern in unser Leben. Sie dürfen nicht nach dem Fest mit den Geschenkpapierbergen entsorgt oder mit dem Schmuck verpackt werden, sondern sie wollen etwas ausrichten und etwas verändern. Sie können etwas verändern, sie können das Gute im Menschen zum Vorschein bringen. Mit ihnen beginnt die Geschichte der Liebe Gottes, wie sie sich in Jesus gezeigt hat. Mit ihnen beginnt Wärme, Liebe und Versöhnung auch unter uns. Amen

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