Die Macht der Worte

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.
Kurz vor Weihnachten 2008 lief in den Kinos ein Film an, um den viel Wirbel gemacht wurde, Sie haben bestimmt davon gehört. Dabei geht es um einen Buchbinder und seine Tochter. Beide lieben Bücher. Sie fühlen die in den Worten steckende Seele der Dinge und lassen sich dankbar forttreiben in andere Welten, ferne Länder und die unglaublichsten Geschichten. Doch plötzlich sind sie selber Teil einer solchen Erzählung. Als der Buchbinder eines Tages seiner Familie aus jenem verhängnisvollen Buch vorliest, da entspringen der Geschichte Wesen aus Fleisch und Blut. Ein erbitterter Kampf entbrennt, in dessen Mitte ein geschriebenes Wort steht: Tintenherz.

Ganz anders erzählt die Bibel von Gestalt werdenden Worten. Ich lese Ihnen den Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht im Evangelium des Johannes im ersten Kapitel:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Das war das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt kannte es nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Ich denke an Tintenherz und seine fleischgewordenen Wörter. Im Film tragen sie noch die Buchstaben im Gesicht, aus denen sie geworden sind. Da ist der Bösewicht Capricorn, mit seinen blassen Augen und seinem unbedingten Willen zur Macht. Da ist Flachnase, sein etwas dämlicher Diener, und Basta, ein übler Gesell, der vor keiner Gewalttat zurückschreckt. Sie alle sind schwarz gekleidet, ihr Reich ist die Finsternis, das absolut Böse. Sie drängen sich in das Leben des Buchbinders Mo und seiner Tochter Meggie, bedrohen ihr Leben und ihre Freiheit. Tintenherz ist ein Bestseller – Millionen Menschen, Erwachsene und Kinder ließen sich anrühren von dieser Geschichte.

In Tintenherz haben Menschen Macht, aus Worten Wesen zu machen. Was zunächst spannend und reizvoll scheint, erweist sich schnell als eine Gabe des Schreckens. Nie wieder liest Mo der kleinen Meggie etwas vor. Er hat Angst vor dem Leben, das aus den Buchstaben steigen will. Er kann nicht kontrollieren, was er erschafft. Die Gabe ist zu groß für ihn, er will sie nicht haben, und er fürchtet sie wie den Tod.
Tintenherz ist ein modernes Märchen, eine Geschichte aus der Fantasie entsprungen, die mit unserer Wirklichkeit zum Glück nichts gemein hat.
Nur Gott kann aus Worten Leben werden lassen, so erzählt es die Bibel. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.“ Allein das Wort Gottes hat Schöpferkraft. Es schafft aus dem Nichts Unvergängliches. Kein Menschenwort ist ihm gleich. Am Anfang war das Wort – so beginnt Johannes sein Evangelium. In Gottes Schöpferwort, so Johannes, war bereits die Geburt Jesu enthalten. Anfang und Ende, Himmel und Erde, alles, was webt und lebt, ist von diesem Wort umfasst.

Am Anfang war das Wort – in epischen Worten beginnt das Evangelium, das sich so sehr von den anderen unterscheidet. Das „Wort“ meint bei Johannes viel mehr als eine Buchstabenfolge. Es meint das göttliche Wort, den Schöpfungsgedanken, das Wesen allen Lebens. Das Wort ward Fleisch, Gott selber manifestiert sich, wird Mensch. Vielleicht könnte man auch sagen „Euch ist heute der Heiland geboren“ – aber Johannes will mehr. Was zu Weihnachten geschieht, ist ein Wunder. Aber es gehört nicht zu den Aufsehen erregenden, spektakulären Mirakeln, mit denen das Kind später berühmt werden soll. Es ist ein stilles, leises und sehr tiefgehendes Geschehen.

Passt der Film Tintenherz zur Weihnachtszeit? Tintenherz setzt, wenn auch ins Gegenteil verkehrt, ins Bild, was wir hören: Aus dem gesprochenen Wort werden Wesen aus Fleisch und Blut. Ein ungeheuerliches, ein unheimliches Geschehen. Nun ist das Weihnachtsgeschehen ja nicht unheimlich. Ganz im Gegenteil. Es ist vertraut, voller Erinnerungen. Das Weihnachtsfest lässt selbst Finsterlinge weich werden, bringt Waffen zur Ruhe, Fassaden beginnen zu bröckeln. Es ist ein ganz anderes Wort, was hier Fleisch wird. Es ist das Wort des lebendigen Gottes, „voller Gnade und Wahrheit“. Was wir spüren, was wir erleben, ist ein Abglanz des Wunders von Bethlehem: Wir erleuchten unsere Fenster und Städte, wir erzählen von Besinnlichkeit und Güte. Wir träumen von einer besseren Welt. Und die Heilige Nacht ist und bleibt – sollen die Spötter doch ihren Spaß haben – etwas Besonderes und etwas Wunderbares. Sie atmet den Hauch des Göttlichen. Gott ist nahe. In dieser Nacht kann sich kaum jemand seiner Gegenwart entziehen. Das Wort wird Fleisch, Gott wird Mensch. Jesus ist geboren. Er wird als Erwachsener auf Märkten und Plätzen vom nahen Himmelreich predigen. Er wird sich besonders um die Armen und die Schwachen kümmern. Das fleischgewordene Wort Gottes wird den Menschen voller Liebe und Erbarmen begegnen. Niemand wird ihn korrumpieren können, weil er für diese Liebe sogar den Tod auf sich nimmt, den Tod am Kreuz.

„Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen“ – so steht es in der Bibel, so lesen wir das Leben Jesu. Unsere Wirklichkeit liest sich anders: Kurz nach dem Fest wird die Weihnachtsbeleuchtung eilig herabgerissen. In den Familien beginnen oft noch am Heiligen Abend die Streitigkeiten. Der Alltag kommt und mit ihm die Finsternis, die danach noch schlimmer scheint. Mit Geballer und Getön rollt die Silvesternacht heran, die so ganz anders ist als die Heilige Nacht. Die Finsternis greift nach dem Licht: Wer schon einmal ernsthaft auf den Spuren Jesu gegangen ist, kennt die Erfahrung: Güte wird ausgenutzt, Freundlichkeit verlacht, Milde bestraft – es ist schwer, auf dem Weg des Lichts zu bleiben. Verbitterung und Enttäuschung werfen lange Schatten.
Mo und Meggie erleben schlimme Dinge in Capricorns finsterem Reich. Sie werden gequält, getrennt und eingesperrt. Es kommt soweit, dass Meggie vor sich selbst erschrickt: Ihr Hass auf Capricorn ist so groß, dass sie ihm einen bitteren und grausamen Tod wünscht. Das ist der Moment, wo die Finsternis nach ihr greift. So fühlt sich das an, wenn das Böse nach der unsterblichen Seele langt. Aber: Die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Meggie und Mo werden nicht schuldig in ihrem Kampf gegen das Böse. Sie bleiben untadelig, so wie auch Jesus untadelig blieb. Er ist ein Vorbild für uns, ein Licht in dunkler Zeit.

„Es wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Mir ist, als stünde ich dagegen auf der anderen Seite dieser Geschichte, als wäre ich Zuschauerin in einem Film, obwohl ich Teil davon sein sollte. Diese Größe, diese unmittelbare Präsenz des Göttlichen gibt mein Glaube nicht her. „Wir sahen seine Herrlichkeit“ ……. ich fühle, was Johannes meint. Ich erinnere mich an den Tannenbaum meiner Kinderzeit. Er wurde vor uns geheimgehalten. Wir sahen ihn zum ersten Mal in voller Pracht am Heiligen Abend. Lange Stunden des Wartens gingen diesem Moment voraus. Dann endlich die Heimkehr des Vaters, das Festessen in der Küche. Das Tischgebet zur Feier des Tages. Und noch einmal endlos langes Warten, die Zeit, die, wie ich heute weiß, der Vater brauchte, um die Kerzen am Baum zu entzünden. Wie die Orgelpfeifen bauten wir vier Mädchen uns vor dem Weihnachtszimmer auf, die Jüngste durfte die Tür öffnen. Es war doch bloß eine geschmückte Tanne, oftmals war sie nicht einmal wirklich schön. Und trotzdem: Worte reichen nicht, um das Gefühl von uns Kindern beim Anblick des Baumes zu beschreiben.

Johannes hat Jesus vermutlich selber nicht gekannt. Sein Evangelium entsteht gut 40 Jahre nach Jesu Tod. „Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“, so beginnt dieses Evangelium. Es scheint, als habe der Autor mit jedem Buchstaben seines Prologs gerungen hat. Für die Größe dessen, was er beschreiben will, gibt es keine Worte. Das Leben Jesu, er will es nur andeuten und zugleich bündeln: „Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Und schließlich fasst er in dem einen Satz zusammen, was ihn bewegt: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Und ich denke: Wie stark muss der Glanz des historischen Jesus von Nazareth gewesen sein, dass Menschen Jahre nach seinem Tod so von ihm erzählen!

Mich rühren diese Worte an. Sie bergen in sich die Größe dessen, was sie beschreiben. Ich kann dazu kaum Stellung nehmen, finde meinen Platz in diesen Worten nicht, kann nicht sagen, ob ich sie richtig oder falsch, angemessen oder abgehoben finde. Aber ich stehe davor wie das Kind vor dem geschmückten Baum. Ich fühle beim Hören und Lesen einen Abglanz von dem, was Johannes in Worte fassen will. Die Herrlichkeit Gottes ist unbeschreiblich, in Jesus ist sie Gestalt geworden. Das johanneische Gefühl unbändiger Freude darüber können wir in den herrlichen Momenten unseres Lebens nachempfinden. Aber eines Tages – das ist uns versprochen – am Ende unserer Zeit, werden wir Gottes Herrlichkeit schauen und endlich Teil sein von ihm.
Amen

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