Kommen und Gehen

Liebe Gemeinde,
als am Vormittag des 15. Juli diesen Jahres unsere Fußballhelden mit dem fetten Goldpokal aus Brasilien zurückgekehrt sind, da sind sie nicht auf einem unscheinbaren Rollfeld in Saarbrücken oder bei Bielefeld gelandet. Ihre Ankunft hat sich nicht am Rand vollzogen, nicht in der Provinz, nicht abseits und nicht „j.w.d.“, nicht unbemerkt und nicht unerkannt. Nein, der Siegerflieger ist mitten über Berlin geflogen – und wenn es gegangen wäre, wäre er auch noch dort, mitten drin gelandet. Wenn Champions ankommen, dann muss es krachen und dann lässt man es krachen. Mitten in der Metropole, mitten im Zentrum der Macht. Genauso wie schon immer nach wirklichen oder vermeintlichen militärischen Siegen Militärparaden auf den einschlägigen Prachtstraßen der Mächte dieser Welt stattgefunden haben. Und zwar am Tag, am Mittag, wenn es am hellsten ist, wenn man sehen kann und gesehen wird, wenn alles im besten Licht erscheint. Jesus, der Retter der Welt, der Gottessohn, der Heiland und Messias – er ist nicht einmal in Bielefeld, sondern in Bethlehem geboren. Und schon gar nicht am Tag. Jesus kam in die Welt in einer abgelegenen römischen Provinz. Und dort wiederum in einem abseitigen, öden Kaff. Und in diesem Kaff wiederum in einem Stall. Dort, wo kein Mensch normalerweise die Nacht verbringt. Und dort ist auch kein Mensch – außer Maria, Josef und dem neugeborenen Kind. Doch es werden gleich Menschen da sein. Nicht der Bürgermeister und seine Gemeinderäte, nicht die Schriftgelehrten oder die Honoratioren von Bethlehem – nicht jene, die sich so schrecklich wichtig fühlen. Die Hirten werden kommen. Fast jedes Weihnachten hört man es, dass sie ganz verwegene Typen waren. Solche, denen man ungern bei Nacht begegnete. Typen, die kein Ansehen und kein Vermögen hatten, deren gesellschaftliche Anerkennung unterirdisch war. Genau und gerade sie werden exklusiv informiert. Das ist natürlich kein Zufall. Diese Hirten sind Gottes VIPs, Gottes Very Important People. Menschen wie ihnen wendet Gott sich vorrangig zu. Menschen, die keine Perspektive, keine Hoffnung, keinen Mut mehr haben, die auf der Schattenseite stehen, wo alles immer knapp, unbefriedigend und drittklassig ist. Genau die haben Gott ganz dicht, ganz vehement und ganz intensiv auf ihrer Seite. Die Hirten bleiben im Evangelium namenlos. Wir wissen nicht, wer sie waren und wie sie vorher waren. Wir wissen auch nicht, wie ihr Leben weitergeht. Aber wir erfahren eindrücklich, wie sie mit der himmlischen Engelsbotschaft umgehen. Was diese Botschaft mit ihnen macht und sie mit ihr. Die Verben (früher: „Tunwörter“) sind in diesem Zusammenhang sehr vielsagend. Über die Hirten heißt es (in der „Hoffnung für alle“): sie beschließen, sie gehen, wollen sehen, machen sich sofort auf den Weg, finden, sehen, sie erzählen, kehren um und loben und danken Gott. Das sind lauter ganz klare, aktive Verben, die uns deutlich machen: die Hirten waren sortiert. Sie erscheinen uns hier wie Aktivisten, wie Macher und Pragmatiker, Männer der Tat. Und sie sind hellwach. Hellwach in der dunklen Nacht.
Wann, liebe Gemeinde, werden wir zu hellwachen Machern und Pragmatikern? Wann werden wir zu Männern und Frauen der Tat? Wenn es um unsere Kinder geht? Ihre Ausbildung? Ihre Zukunft? Oder um unsere Beziehung? Um unsere Karriere? Um unsere Zukunft, unsere gesicherte Existenz? Um unser Recht? Geht es dabei irgendwann auch um unseren Glauben, unsere Religion? Spielt Religion eine Rolle, wenn es um unser Leben und um unsere Zukunft geht, wenn es um die Basics unseres Lebens geht, wenn unser Denken und Tun von dem ausgehen, was uns elementar erscheint? Hat die Weihnachtsbotschaft – (zumindest) an Weihnachten – überhaupt eine reelle Chance neben all dem Trubel, den Geschenken, den familiären und verwandtschaftlichen Verpflichtungen? Kann die Weihnachtsbotschaft auch uns herumreißen, wie sie die Hirten herumgerissen hat und aus rauen, wilden Naturburschen, fromme, gottesfürchtige Männer gemacht hat? Hat die Weihnachtsbotschaft bei uns die Chance auf Auswirkungen? Die Nacht der Hirten damals ist völlig anders zu Ende gegangen als sie angefangen hat. Das liegt natürlich daran, dass vor ihren Augen der Himmel aufgegangen ist. Sie erleben exklusiv und einmalig das Urweihnachten. Bei uns ist das anders. Wir feiern je nach dem schon zum x-ten Mal Weihnachten. Wir haben uns daran gewöhnt. Weihnachten ist zur Gewohnheit geworden. Einer Gewohnheit, die sich im schlechteren Fall auf das Genießen vieler freier Tage beschränkt, und auf die Bewältigung zahlloser Festessen und das Durchstehen diverser Familienfeiern. Auf das Kaufen und Bekommen von Gaben und Geschenken. Oder aber auch auf das Durchstehen von ganz vielen wehmütigen Stunden, in denen die vielen Erinnerungen an früher, als man selbst noch Kind war oder als die eigenen Kinder klein waren, einfach nicht weggeknipst werden können. Und im besseren Fall haben wir uns an Weihnachten gewöhnt als das Datum, das uns deutlich macht: Gott hat eingegriffen. Gott ist in unsere Welt gekommen. Gott hat die Initiative ergriffen. Die plötzlich so aktiven und umtriebigen Hirten sind ein Reflex des aktiv geworden Gottes, der sich entschieden hat: Ich überlasse diese Welt und diese Menschen nicht sich selbst. Ich gehe zu ihnen und zeige ihnen, dass ich da bin, dass ich sie lieb habe, dass sie zu mir gehören und dass ich das Äußerste für sie gebe und tue.
Unser heutiger Text, den wir fast nur im Zusammenhang mit dem beschaulichen Weihnachtsgeschehen kennen, ist gar nicht so ruhig und beschaulich, wie viele Weihnachtsportkarten es nahelegen mit weiten, weißen Winterlandschaften, tiefer Ruhe und seligem Frieden. Da ist kein „still ruht der See“, sondern eigentlich richtig „Action“. Ein heftiges Kommen und Gehen: Maria und Josef kommen nach Bethlehem und verlassen es nach ein paar Tagen wieder. Die Engel auf dem Feld kommen zu den Hirten bei Bethlehem und kehren nicht lange später wieder zurück in den Himmel. Und dann die Hirten. Zwischen ihrem „Kommt wir gehen nach Bethlehem“ und dem Fazit: „Schließlich kehrten die Hirten zu ihren Herden zurück“ findet unser Text, findet Weihnachten statt. Kommen und Gehen – dazwischen findet auch unser Leben statt.
Es gibt von Samuel Becket ein Theaterstück mit dem Titel „Kommen und Gehen“. Das Stück ist extrem kurz und hat im Original nur 121 Wörter(!). Darin sitzen drei ähnlich gekleidete Frauen unbestimmten Alters still und von Dunkelheit umgeben eng nebeneinander auf einer Bank. Sie heißen Mei, Su und Lo und sind Freundinnen seit Kindertagen. So wie jetzt haben sie bereits auf dem Schulhof zusammengesessen, als sie noch gemeinsam den Unterricht von Fräulein Weels besucht haben. Die drei Figuren tragen dunkle Hüte unbestimmter Form mit Rändern, die breit genug sind, um die Gesichter zu beschatten und sie sind in bunte, aber mit der Zeit verblichene Mäntel gehüllt, sodass sie wie drei verblühte Blumen wirken. Nach kurzer Zeit steht die in der Mitte sitzende Mei auf und verlässt die Bühne. Sobald sie außer Hörweite ist, wird Su von Lo gefragt, was sie von Meis Aussehen halte. Su antwortet: „Wie gewöhnlich, meine ich.“ Dann rutscht Lo in die Mitte, um Su, für die Zuschauer unhörbar, ein Geheimnis zuzuflüstern. Su entfährt ein schockiertes „Oh!“, Lo verlangt von ihr Verschwiegenheit, indem sie ihr den Finger auf die Lippen legt. Als Mei zurückkehrt, nimmt sie Los alten Platz ein. Das gleiche Spiel wiederholt sich zweimal mit fast identischen Dialogen und Reaktionen, bis schließlich Mei wieder in der Mitte sitzt. Auf diese Weise haben alle drei Frauen einmal den mittleren Platz besetzt und alle werden in ein anscheinend erschreckendes Geheimnis über je eine der anderen eingeweiht. Es sieht so aus, als wären das jeweils extrem schlimme Geheimnisse, die zumindest lebensbedrohend – wenn nicht gar lebensbeendend sind. – „Kommen und Gehen“ von Beckett ist ein Drama, das das Schicksal menschlicher Sterblichkeit, die Todesverfallenheit aufnimmt. Es ist nüchtern, sachlich, melancholisch, schicksalsergeben. Keine Hoffnung, keine Wendung, keine Hoffnung auf Wendung: Kommen und Gehen.
Weihnachten, liebe Gemeinde, ist für uns dagegen Hoffnung und Wendung und Hoffnung auf Wendung. Gottes Kommen hat alle Voraussetzungen grundlegend verändert. Maria und Josef kehren ganz anders nach Nazareth zurück, als sie es verlassen haben. Die Hirten kehren als andere Menschen zu ihren Tieren zurück. Weihnachten gibt der Zeit, unserer Zeit ein neues Vorzeichen, eine völlig andere, unfassbare Qualität. Weihnachten lädt uns ein, zwischen unserem Kommen auf und unserem Gehen aus dieser Welt anders zu leben. Nämlich aus Gottes Nähe zu leben und zu lieben. Uns selbst und die Menschen in unserem Umfeld. Und auch Tiere und Pflanzen. Die ganze gute Schöpfung und den Schöpfer selbst, der an Weihnachten gekommen ist und der nicht mehr geht, der bei uns bleibt – für immer, bis ganz zum Schluss.

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