Geduld ist keine Tugend (Erprobung Reihe III)

Jakobus 5, 7-8 (9-11)
Erprobung der III. Perikopenreihe. Jak 5,7-8 ist um 9-11 erweitert.

Liebe Gemeinde,

(längere Pause)

Wie denken sie über Geduld? Ergebnisse einer kleinen Umfrage: Geduld? Fremdwort für mich. Geduld? Ja, muss ich viel haben. Geduld? Eine Qual. Geduld? Ach Gott.

Befragt man die Lebenshilfe-Literatur zu unserem Thema, erhält man fast durchweg diese Antwort: Geduld ist eine sehr, sehr löbliche gute Tugend. „Alles kommt zu dem von selbst, der warten kann“. So fasst ein amerikanischer Psychologe seine sich über lange Jahre erstreckenden Untersuchungen zusammen. Kinder, die früh Geduld erlernt haben, sind später als Erwachsene erfolgreicher im Leben. Geduld ist ein Kennzeichen kluger, erfolgreicher Menschen.

Geduld, so sagen selbst die Ökonomen, ist auch wirtschaftlich gesehen vernünftig. Wer zu „temporärem Konsumverzicht“ fähig ist, kann sich am Ende – nicht mehr – sondern Besseres leisten. Freilich, die Werbung geht andere Wege: Sie appelliert an unsere Ungeduld. Wer will, der kriegt: Jetzt, gleich, sofort, auf Kredit. Geduldig wartet man hinter den Kassen auf die Ungeduldigen. Sie werden kommen. Nur Geduld!

Wir kürzen uns den Weg ab. Ehe ich aus unzähligen Büchern oder Internetseiten zitiere, greifen wir lieber zur Bibel. Dort ist vor langer Zeit schon aufgeschrieben, was moderne Autoren bestätigen:
Buch der Sprüche, Kapitel 14, Vers 29: Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist, offenbart seine Torheit.

Ach so, darum geht es? Sollen die einen jetzt innerlich beschämt feststellen: Danke, Herr Pfarrer, das hab ich heute Morgen noch gebraucht, dass sie mich für dumm und töricht erklären. Wer gut abschneidet, schaut vielleicht mit leichtem Grinsen zum Banknachbarn. Wenn es der Ehemann ist, fühlt er sich jetzt doppelt unwohl. Das soll nicht sein. Wir sind nicht im Ethik-Unterricht, wo es um gute oder böse Tugenden geht. Das fehlte noch, dass wir jetzt „Geduldspiele“ machen, um bessere Menschen zu werden. Jakobus hat Geduld nicht als Tugend im Blick.

Wenn es nicht um Geduld als Tugend geht, worum geht es dann?

Um in unseren Gedanken voran zukommen steigen wir in ein Auto. Fahren auf die Autobahn. Und was erleben wir dort? Baustellen, immer wieder Baustellen. Haben sie auch schon diese neue Art von Baustellen durchfahren? Rechts an der Seite steht ein Schild: Noch 14 Kilometer. Und auf dem Schild ist ein „Smiley“ mit herunter gezogenem Mund zu sehen. Das nächste Schild zeigt nochmals das gleiche Bild, nur weniger Kilometer. Je näher man aber dem Baustellenende kommt, umso freundlicher grinst der „Smiley“. Und auf dem letzten Schild mit der Aufschrift „Gute Weiterfahrt“, lacht uns das Strichmännchen- Gesicht an. Wer die Baustelle bei Melkendorf durchfahren hat, kennt die Ampel und den daneben installierten Sekundenzähler.

Komisch, nicht wahr, auf einmal ist Warten nur noch halb so schlimm. Weil da jemand ist, der uns mit diesen Zeichen zu verstehen gibt: Ich weiß um deine Ungeduld.

Jemand der krank ist und leidet erhält am meisten Trost, wenn jemand neben ihm steht, der sein Elend sieht und nicht leugnet oder gar straft mit Sätzen wie „Jetzt reiß dich mal zusammen.“

Im Römerbrief schreibt Paulus: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ (Rö 12, 15). Die netten Schilder in der Autobahnbaustelle folgen dieser Einsicht. „Die Baustelle dauert ja ewig“ hat man gerade noch hinterm Lenkrad aufgestöhnt. Aber diese kleinen Zeichen am Straßenrand geben Mut: Nicht ewig, sondern nur 14 Kilometer. Meine Ungeduld wird wahrgenommen. Sie wird nicht getadelt. Die Schilder hat jemand angebracht, der um die Mühsal weiß, die eine Baustelle dem eiligen Menschen auferlegt.

Jakobus fordert Geduld nicht als Tugend. Er ermutigt zur Geduld, die im Glauben gründet. Gott zählt mit mir die Tage meiner Trauer. Schaut doch auf Hiob, schreibt Jakobus seiner Gemeinde: Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer. So seid nun geduldig, liebe Brüder (und Schwestern), bis zum Kommen des Herrn. Gott weiß um das Ende der Baustelle. Er sieht euer Leid in dieser Welt. Er hört euer Weinen und Klagen.

Christliche Geduld ist eine Kraft, die nicht in uns, sondern in Gott gründet. Geduld, die im Glauben gründet, straft nicht unsere Ungeduld als böse Eigenschaft. Geduld, die im Glauben gründet, mag uns helfen, unsere Ungeduld zu ertragen.

In einem Gedankenspiel könnten wir uns ja einmal in den Himmel begeben. Wahrscheinlich würden wir Gott sehen, wie er mit großer Sorge und doch mit unendlicher Liebe auf uns herabschaut. Paulus weiß Gott mit uns. Er nennt Gott den „Gott der Geduld“ (Rö 15,5). Gott verliert seinen Weg nicht aus den Augen. Und wir?

Ein altes Sprichwort sagt: Die Liebe hat zwei Töchter: die Güte und die Geduld. Darauf kommen wir zum Schluss gleich noch zu sprechen.

Zuvor aber muss auch dies gesagt werden: Geduld ist dort fehl am Platz wo es nichts zu dulden gibt. Das sind all die schlimmen Dinge, die uns im Leben quälen. Sagte ich Dinge? Manchmal sind es andere Menschen. Geduld ist dort fehl am Platz, wo Krieg herrscht, wo Menschen gequält, missbraucht, unterdrückt und ausgebeutet werden. Geduld ist dort fehl am Platz, wo Unrecht herrscht.

Mir ist mal vor vielen Jahren eine Frau begegnet, die aus der Kirche ausgetreten war. Ein Pfarrer hatte ihr geraten, nachdem sie sich bei ihm wegen ihres gewalttägigen Mannes ausgesprochen hatte, ihr Ehejoch in Geduld zu ertragen. Schließlich sei die Ehe ein Sakrament und es würde Gott wohl gefallen, wenn sie ihr Schicksal in Demut ertrüge.

Später dann habe sie jemand anders getroffen, der ging mit ihr nach Haus und konfrontierte den Mann mit seiner üblen Veranlagung. Gewalt ist nicht zu dulden, hielt er ihm entgegen. „Aber danach hat es mich viel Geduld gekostet und meinen Mann auch, einen Weg in die Zukunft zu finden. Daran hatten wir beide geglaubt. Das Ziel, das wir fest im Herzen hatten, gab uns Geduld.“ So schloss sie ihre Erzählung.

Die Liebe hat zwei Töchter: die Güte und die Geduld.
Wer mit Kindern zu tun hat, die schwierig sind, der weiß doch auch: Mit Gewalt, mit Schlägen, mit Drohungen und Strafen – sollte man je so gehandelt haben – ist alles nur schlimmer geworden. Eine Wendung hin zum Guten gab es erst, als Geduld, viel Geduld und viel Liebe Raum bekamen. Weil jemand daran glaubte, dass am Ende der Baustelle freie Fahrt kommen wird. Weil jemand das gute Bild trotz all der Dunkelheit und trotz allen Nebels sehen konnte.

Gott will nicht, dass jemand verloren werde. Gott hat Geduld mit euch, so heißt es im 2. Petrusbrief (3,9).

All die vielen Kriege, die auf dieser Welt herrschen dürfen wir nicht dulden. All das viele Unrecht, dass Menschen angetan wird, dürfen wir nicht dulden. Und man möchte manchmal einfach nur dreinschlagen. Und doch wissen wir: Wer Frieden herbeiführen will, braucht Geduld, viel Geduld um das, was nicht zu dulden ist, geduldig zu überwinden.

Truman Capote, ein amerikanischer Schriftsteller hat es auf den Punkt gebracht:
Der Jammer mit der Menschheit ist, dass die Klugen feige, die Tapferen dumm und die Fähigen ungeduldig sind. Das Ideal wäre der tapfere Kluge mit der nötigen Geduld.

Heute feiern wir den 2. Advent. Dieser Sonntag richtet unsere Herzen auf die Zukunft aus, hin zum Kommen des Herrn. Wahrscheinlich wirkt es für viele Menschen heute eher befremdlich oder arg fromm, so zu denken, so zu glauben: Jesus wird wiederkommen.

Am Ende der Baustelle unserer Welt, am Ende unseres bruchstückhaften Lebens steht sein Reich des Friedens. Dies zu glauben mag uns helfen, den Tod zu bewältigen. Dieser Glaube mag uns aber vielmehr auch die Kraft geben, im Leben mit uns und mit anderen geduldig zu sein. Geduld ist keine Tugend. Geduld ist eine Schwester der Liebe Gottes, die uns hilft zu leben. Gott weiß um unsere Not. Wer weiß, dass am Ende der Baustelle die Fahrt weitergeht, wird seltsamerweise geduldiger.

Wie sagt Paulus so schön:
Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (Röm 5, 3ff).
Amen

drucken