Menschliche Nähe in Gottes Nähe

(Vorbemerkung: Predigttext wird nicht verlesen, sondern per CD in der Mitte eingespielt)

Liebe Gemeinde,
Nähe ist etwas ganz Wichtiges für die Meisten von uns. Wir sehnen uns nach Nähe, nach Wärme und Geborgenheit. Wir haben gerne Menschen um uns herum. Wir brauchen es, uns geliebt zu fühlen. Wir wollen gerne hören: „Du, ich mag Dich!“ oder sogar: „Du, ich liebe Dich!“

Der Kaiser Friedrich II. wollte in einem Experiment die Ursprache der Menschen herausfinden. Dazu ließ er mehrere neugeborene Kinder isolieren. Sie durften kein menschliches Wort hören. 2 Wärterinnen umsorgten sie, und es fehlte ihnen an nichts Materiellen. Nur Zuwendung durch Wörter, durch die Sprache fehlte. Und genau daran sind alle Kinder gestorben.

Zuwendung und Nähe möchte also jeder Mensch. Das war schon damals bei Maria so. Sie hat erfahren, dass sie schwanger ist. Diese Situation ist für sie bestimmt nicht einfach. Bestimmt hat es scheele Blicke oder das eine oder andere geflüsterte Wort gegen sie gegeben. Das tut weh. Da wünscht man sich, da wünscht sich Maria jemanden, der einfach nur da ist, der ihr wohltuende Nähe schenkt. Sie kennt so jemanden: Ihre Kusine Elisabeth. Die ist liebevoll und mitfühlend, denn sie kennt es aus eigener Anschauung. Elisabeth ist nämlich schon alt, und sie hat immer noch kein Kind bekommen. „Eine Strafe Gottes“, murmeln die Menschen um sie herum. „Die hat bestimmt sich gegen Gott versündigt, deshalb hat er ihren Schoß verschlossen!“
Doch dann wird Elisabeth in hohen Alter doch noch schwanger, und wieder lästern die Menschen: „Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, die muss sich mit dem Teufel verbündet haben!“ Und: „Es ist eine Sünde, wenn man so alt noch schwanger wird!“ – so sagen die Menschen um sie herum.
Zu dieser Frau, zu ihrer Kusine Elisabeth will die junge Maria gehen, denn sie weiß: „Bei ihr muss ich mir nichts anhören, keine Schadenfreude oder Lästereien. Hier darf ich mich fallen lassen und einfach ich sein!“
Es war bestimmt keine leichte Situation für beide Frauen. Beide sind schwanger, und beiden Schwangerschaften haftet etwas Anrüchiges an: Bei Maria ist das Kind angeblich vom Heiligen Geist, und bei Elisabeth ist der Mann seit der Schwangerschaft verstummt.
Maria macht sich auf den Weg. Sie findet, was sie sich wünscht: Nähe. Denn Elisabeth schließt sie freudig in die Arme. Sie spürt ihr Kind in ihrem Bau vor Freude hüpfen, und sie verleiht ihrer Freude Ausdruck: „Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib!“
Maria hat sich nicht getäuscht: Bei Elisabeth ist sie gut aufgehoben. Sie fühlt ihre Nähe, ihre uneigennützige Freude, ihre Wärme und Geborgenheit. Sie fühlt sie so stark, dass sie jetzt ihrerseits ihren Emotionen Luft verschaffen muss. Und sie singt ein Lied, das wir jetzt hören:

(CD Feiern und Loben, Vol.2, Track 6: „Meine Seele erhebt den Herrn“; 4:08)

In der Wärme und Geborgenheit, die Elisabeth ihr gibt, spürt sie die Wärme und Geborgenheit, die ihr Gott schenkt. Gott gibt nicht etwa den Lästerern und Neidern recht, die über Frauen wie Maria und Elisabeth den Stab brechen. Vielmehr merkt Maria, dass er auf der Seite der Schwachen steht. Maria zählt auf:
– Gott erhebt die Niedrigen.
– Die Hungrigen füllt er mit Gütern.
– Er hilft seinem Diener Israel auf.
– Seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht.
Und zugleich stellt sie fest, dass die anderen, die, denen es jetzt schon gut geht, dass die von ihm mit fester Hand gepackt werden:
– Er zerstreut, die arrogant sind in ihres Herzens Sinn.
– Er stößt die Gewaltigen von Thron.
– Er lässt die Reichen leer ausgehen.

In der warmen Begrüßung Elisabeths merkt Maria, dass sie zu denen gehört, die Gott aufrichtet. Sie singt: „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd gesehen und hat große Dinge an mir getan.“
Ja, Maria hat Gott dazu auserwählt, Mutter von unserem Erlöser Jesus Christus zu werden. Sie spielt eine tragende Rolle in Gottes Plan für uns Menschen. Sie spürt nicht nur die Nähe von Elisabeth, sondern erst recht die Nähe Gottes. Er schenkt ihr Wärme und Geborgenheit, bei ihm fühlt sie sich wohl.

Wir, die wir heute Gottesdienst feiern, sind nicht so auserwählt worden wie Maria. Wir werden nicht die Eltern des Messias sein. Aber dennoch sind wir auserwählt. Wir können die Nähe und Wärme Gottes spüren in unserem Leben:
Denn in der Taufe hat er zu uns JA gesagt. Keine Voraussetzung mussten wir dazu erfüllen. Wir mussten nicht unseren Glauben beweisen; es wurde auch nicht darauf geachtet, ob wir ehelich oder nichtehelich geboren sind. Gott hat in der Taufe mit jedem von uns einfach einen Bund geschlossen. In diesem Bund verpflichtet er sich, bei uns zu sein, uns zu begleiten, uns Wärme und Nähe zu schenken.
Maria singt: „Seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten!“ Ja, wer Gott „fürchtet“, also ihn ehrt, der wird Barmherzigkeit empfangen. Und wer Gott glaubt, wird Nähe erfahren in dieser Welt: Nähe, die ihm in anderen Menschen geschenkt wird.
Und wer Gott annimmt und den Bund mit ihm bestätigt, der wird selbst Nähe schenken und Gottes Nähe weitergeben wollen: Denn in jedem anderen Menschen sehen wir dann den Gott, den wir ehren und dessen Nähe und Wärme und Barmherzigkeit wir erwidern wollen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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