Glücklicher Blick auf die Zukunft

Liebe Gemeinde,
wir hören den Predigttext, niedergeschrieben bei Lukas 2, 22-40.

Bei Maria und Josef war wieder Alltag eingekehrt. Die Aufregungen um die Geburt im Stall, die Engelsbotschaft, der Besuch der Hirten, das alles lag nun hinter ihnen.

Bei uns ist das Weihnachtsfest auch vorbei. Religiöser Alltag kehrt wieder ein und ganz normale Gottesdienste. Sie erwarten sicher nichts Besonderes, nichts Spektakuläres an den kommenden Sonntagen. Vielleicht versuchen Sie, nach dem Trubel der Feiertage, wieder etwas Ruhe zu finden. Vielleicht suchen Sie Gott in den leiseren Tönen, die nun zwischen den Jahren zu hören sind.

Maria und Josef erging es ähnlich. Es war an der Zeit nach Jerusalem in den Tempel zu gehen. Dort sollte Jesus Gott geweiht werden. Denn Mose hatte vorgeschrieben: Jede jüdische Familie hatte eine Weihe des Kindes durchzuführen, wenn der erste Sohn geboren wurde. Das war also nichts Besonderes. Und doch waren genau zu diesem Zeitpunkt noch zwei weitere Personen im Tempel anwesend. Simeon, ein alter, greiser Mann, der eine Vorahnung hatte. Er würde erst sterben, wenn er den Messias gesehen hätte. Sowie Hanna eine 84-jährige Witwe, die sich gewohnheitsmäßig im Tempel aufhielt.

Lukas erzählt uns eine sehr anrührende Szene: Simeon nahm den Säugling auf seinen Arm. Er schaute ihm liebevoll in das noch verrunzelte Gesichtchen. Eine solche Szene ist allen bekannt, die schon mal einen Kinderwagen geschoben haben. Alte Menschen fühlen sich in besonderer Weise zu Kindern und speziell zu Säuglingen hingezogen.

Das rührt mich an, wenn ich mir vorstelle: Der alter Mann mit einem Säugling auf dem Arm. Werden und Vergehen so dicht beieinander. Der alte Mann ist im Begriff sich aus dem Leben zu verabschieden. Er stellte die Vergangenheit dar. Der Säugling, ist das pure Werden. Er hat viele tausend Möglichkeiten ins Leben hinein zuwachsen. Er stellt die Zukunft dar. Mit einem liebevollen Blick auf die Zukunft ist es wohl leichter zu sterben.

Simeon war anders als viele alte Menschen. Er ließ die Vergangenheit unbeachtet. Seine Erfolge und Verdienste waren ihm egal. Auch hörten wir keine Verbitterung über das Gewesene. Andere klagen immer nur. Da geht es um Selbstvorwürfe wegen ihrer Versäumnisse. Oder um Fehler die sie anderen nicht vergeben können. Oftmals hadern sie mit dem Schicksal, das ihnen so übel mitgespielt hat. Simeon hätte wohl auch genug Grund so zu sein. Allerdings, „er war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels“, vermerkte Lukas ausdrücklich.

Wie ist das zu verstehen? Er hatte vermutlich, durch die Römer, einiges zu erleiden. Denn die Frommen kamen mit ihnen immer wieder in Konflikte. Er hatte wohl auch die Erfahrung gemacht, dass es denjenigen, die Gott treu sind, keineswegs immer gut geht. Ganz im Gegenteil, die die sich mit den Verhältnissen und den Machthabern arrangierten, lebten bevorteilt.

„Wo bleibt denn der Trost Israels?", wird er wohl öfter gefragt haben. Wann kommt der große Befreier, der Messias, der Israel aufrichten und die Herzen der Heiden Gott zuwenden wird?

Schon lange wartete er vergeblich darauf. Trotzdem war Simeon offen für das Hier und Heute. Er war offen für Gottes Geist. Durch ihn ließ er sich anregen in den Tempel zu gehen. Und so konnte er Jesus sehen, den Erlöser. Auf ihn hatte er so lange gewartet.

Er blickte auf den Säugling und sah die Zukunft. Er war hellsichtig, in diesem Moment. Simeon erkannte mehr, als mit dem bloßen Auge zu sehen war. In diesem Augenblick fand sein Herz Frieden. Seine Sehnsucht war gestillt. Jetzt konnte er in Frieden sterben. Er bemerkte, Gott hält diese Welt in seinen Händen. Gott hat vorgesorgt.

Jetzt brauchte es keinen Kampf und keine Verbissenheit mehr. Jetzt konnte Simeon die Welt loslassen und gelassen gehen. Vielen Menschen fällt das schwer, in Frieden sterben. Der Heiland blieb ihnen verborgen. Sie haben die Geborgenheit in Gott nie erlebt. Trotzdem, auch wir müssen Abschied nehmen, loslassen und einen der vielen Tode sterben.

Unser größtes kirchliches Fest ist vorbei. Wir lassen es hinter uns zurück und somit ein weiteres Jahr unseres Lebens. Haben wir dieses Jahr als sinnvoll erlebt, oder als leere Zeit? Zerrann uns diese Zeit zwischen den Fingern, oder haben wir den Heiland gesehen? Haben wir ab und zu ein Stück Himmel erlebt? Haben wir gespürt, dass Gott uns trägt wenn es finster geworden ist?

Das alte Jahr ist im Vergehen, das Neue steht kurz bevor. Beides dicht beieinander, so wie der Alte und der Säugling. Jetzt brauchen wir die Hellsichtigkeit des Simeon! Denn es gilt, mehr zu sehen als vor Augen ist!

Maria und Josef wunderten sich sehr über das, was der alte Mann da sagte. Dann wird Simeon deutlicher, was Weihnachten jenseits der Glitzerreklame, der Weihnachtsbäume, der Geschenke und Duftkerzen bedeutet. „Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“

Der Heiland brachte eine große Hoffnung in diese Welt! Allerdings brachte er keine große Harmonie. An Weihnachten hätten wir das so gerne. Nein, ihm wurde und wird widersprochen, durch ihn kamen und kommen etliche zu Fall.

Unser Heiland fand auch als Erwachsener „keinen Raum in der Herberge". Die weltlichen Mächte waren gegen ihn und vernichten den Menschen. So sagte Simeon zu Maria, als er ihr prophezeite: „Auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen.“ Damit war verschlüsselt die Rede vom Kreuz.

Weihnachten, die Geburt des Heilandes, war und ist eine sehr zweischneidige Sache. Matthäus erzählt, dass der Neugeborene sofort durch Herodes verfolgt wurde. Um seine Macht zu schützen ließ er den bekannten Kindermord durchführen. Daraus resultierte die Flucht der jungen Familie ins ägyptische Asyl. Dies gehört auch zur Realität von Weihnachten. Nur ist dies sehr unpassend für unsere Bedürfnisse nach Harmonie und Heil sein.

Wir haben das Fest hinter uns und wenden uns dem kommenden Alltag des neuen Jahres zu. Doch ein wichtiger Aspekt bleibt: Wo Jesus in unserer Mitte zur Welt kommt, wird er von Anfang an verfolgt. Wenn der Glaube in uns entsteht wird er auch sofort angefochten und bedroht. Die große Hoffnung auf das Licht in der Finsternis, ist in unserem Alltag bedroht. Wir müssen sie beschützen wie den neu geborenen Säugling.

Wenn wir unseren Glauben leben, hoffen wir auf Sympathie und die Akzeptanz des Umfeldes. Tatsächlich erleben wir aber Fall und Aufstehen, Entweder – Oder sowie Annahme oder Ablehnung. Wo wir Zeichen des Glaubens setzen, da wird uns widersprochen. Weihnachten bedeutet also: ein Licht ist in uns entzündet, wird aber andauernd von Finsternis bedroht. Eine Hoffnung ist uns gegeben. Dadurch sind wir gewiss, sie wird sich einst gegen das Gespött durchsetzen.

Ein Kind ist geboren, ein Sohn ist uns gegeben. Wir werden ihn gut beschützen müssen, damit nicht die Herodes und seine Nachfolger ihm das Leben nehmen. Achtsam müssen wir sein mit unserem Glauben.

Zum Glück werden wir dabei unterstützt! Gott hat Josef seinen Engel geschickt ihn zu warnen und das Neugeborene zu schützen. Über unserem Leben steht die Zusage von Jesus an Petrus: „Simon, Simon, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre." (Lk 22,31-32) Der, dessen Verheißung wir leben, der beschützt uns!

Bedenken wir noch einen Moment die Prophetin Hanna! Auch sie war ein ungewöhnlicher Mensch! Sie war nur sieben Jahre verheiratet, dann verwitwet. Welches schwere Schicksal mag sie wohl in der damaligen Gesellschaft gehabt haben? Jahrzehntelang allein leben und wenig geachtet – allenfalls wegen ihrer religiösen Begabung.

Warum hatte sie nicht wieder geheiratet in so jungen Jahren? Jedenfalls war sie kein verbittertes und böses altes Weib geworden. Sie war wie Simeon ein offener Mensch geblieben, offen für das Hier und Heute. Offen für die Zukunft, die sie wie Simeon von Gott erhoffte. Fasten und Beten, Tag und Nacht, das war ihr Lebensinhalt. Dennoch war sie weder dumpf und gleichgültig geworden. In ihrer religiösen Routine war sie offen, etwas Neues von Gott zu erwarten. Darin kann sie für uns ein Vorbild sein.

Wie auch unsere Gottesdienstbesuche eine gute Gewohnheit sind. Trotzdem ist es wichtig immer wieder neu hinzuhören. Neu die Dinge des Glaubens zu betrachten. Offen zu sein für das, was mir Gott vielleicht gerade heute sagen will. Unserem Glauben ist es abträglich wenn wir meinen, alles schon zu kennen. Und gar nicht mehr richtig hinhören.

Hanna hatte sich die Offenheit für Gott bewahrt, durch Jahrzehnte religiösen Alltages hindurch! Nun war sie ein anderer Charakter als der introvertierte Simeon. Hanna können wir als erste Evangelistin bezeichnen. Allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten, erzählte sie von Jesus. Sie breitete die freudige Nachricht aus.

Ich meine, wir brauchen beide Gestalten in uns. Den Simeon, der seinen inneren Frieden gefunden hatte und loslassen konnte. Er war nun ein Mensch mit innerem Gleichgewicht. Und eine Hanna, die gerne weitergab, was sie empfangen hatte. Sie lobte Gott und teilte mit anderen Menschen ihre Hoffnung.

Nach innen gestärkt und nach außen Jesus verkündigend, so lasst uns froh und mutig ins neue Jahr gehen. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrer Frank Schaber in Karlsruhe.)

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