Lieb sein ist nicht lieben

Jetzt leuchten wieder überall die Lichter.
Ich finde die Lichter schön.
Besonders jetzt im November, wo alles so grau und dunkel ist.
Tagelang, wochenlang keine Sonne. Das drückt auf die Stimmung.
Geht es euch auch so?
Jetzt ist wieder die Zeit der Advents- und Weihnachtsmärkte.
Weihnachtsdekoration in den Schaufenstern der Läden.
Glühwein und Zimtgeruch.
Damit Weihnachtsstimmung aufkommt.
Manchmal habe ich den Eindruck:
Für viele Menschen ist diese Stimmung das Wichtigste.
Überhaupt hat Religion ganz viel mit Stimmungen, mit Gefühlen zu tun.
Dass ich mich geborgen fühle.
Dass ich mich gehalten fühle.
Dass ich Trost und Ermutigung und Frieden empfinde.
Und das ist ja alles nicht so ganz falsch.
Irgendwie gehört das auch dazu.
Aber eben nur dazu.
Dann da ist Jesus und das ganze Neue Testament ganz eindeutig und klar:
Wichtig sind nicht Gefühle und Stimmungen, sondern das praktische Leben.
Der gelebte Alltag.
Unser Gott ist ein Gott, der größten Wert darauf legt, dass er ganz bestimmte Vorstellungen davon hat, wie wir miteinander umzugehen haben. Und das sind nicht nur so unverbindliche Vorschläge, sondern ganz klare Handlungsanweisungen.
Wenn Du ein Christ sein willst, dann lebe christusgemäß.
Paulus schreibt im Römerbrief darüber folgendes:

Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, sei es Steuer oder Zoll, sei es Furcht oder Ehre. Bleibt keinem etwas schuldig! Eine Verpflichtung allerdings könnt ihr nie ein für alle Mal erfüllen: eure Liebe untereinander. Nur wer seinen Nächsten liebt, der hat Gottes Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren!, und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt. Liebt also eure Nächsten, denn ihr wisst doch, dass es Zeit ist, aus aller Gleichgültigkeit aufzuwachen. Unserer endgültigen Erlösung sind wir jetzt näher als zu Beginn unseres Glaubens. Bald ist die Nacht vorüber, und der Tag bricht an. Deshalb wollen wir uns von den finsteren Taten der Nacht trennen und uns stattdessen mit den Waffen des Lichts rüsten. Lasst uns ein gutes Leben führen, so wie es zum hellen Tag passt, ohne Fressgelage und Saufereien, ohne sexuelle Zügellosigkeit und Ausschweifungen, ohne Streit und Eifersucht. Jesus Christus soll der Herr eures Lebens sein.

Bleibt niemanden etwas schuldig!
Für die meisten Menschen, die ich so kenne, ist das sonnenklar.
Wenn jemand etwas für mich tut, dann revanchiere ich mich.
Du hast mir die Winterreifen montiert, dafür backe ich dir einen Kuchen.
Wenn ich etwas geschenkt bekomme, dann gibt es ein möglichst gleichwertiges Gegengeschenk.
Und im Großen und Ganzen leben ja die meisten Menschen nach diesem Motto.
Gut – manche haben keine Probleme damit, andere auszunützen. Aber wer so lebt, der macht sich keine Freunde.
Und dann gibt es auch Menschen, die es gelernt haben, sich beschenken zu lassen, ohne diesen Gegengeschenkautomatismus anzuwerfen.
Das ist eine hohe Kunst: Sich beschenken zu lassen – ohne Gegengabe.
In der Schuld zu bleiben sozusagen.
Das ist nicht einfach.
Und ähnlich in der Schuld bleiben wir – sagt Paulus – im Gebiet der Liebe.
Eine Verpflichtung allerdings könnt ihr nie ein für alle Mal erfüllen: eure Liebe untereinander. Nur wer seinen Nächsten liebt, der hat Gottes Gesetz erfüllt.
Das klingt einfach. Ist es aber leider oft nicht.

Das fängt schon mal damit an: Wer ist denn bitte schön mein Nächster?
Als Vikar hatte ich einmal einen Abend zum Thema Judentum organisiert, und da kam auch eine Referentin der jüdischen Kultusgemeinde in München.
Und sie sprach auch über die Nächstenliebe. Eine Zuhörerin sagte dann bei der Diskussion: „Das muss mir doch mein Herz zeigen, wer mein Nächster ist.“ Und die Referentin sagte ganz platt und klar: Die jüdische Tradition sagt: Wer mir am nächsten ist, ist mein Nächster. Der, oder die, den mir Gott in mein Leben gestellt hat.
In meine Familie, als Nachbarn, als Kollegen, als Mensch, der mir zufällig begegnet.
Der ist mein Nächster.

Und das mit der Liebe ist auch nicht so einfach.
Viele halten „lieb sein“ für Liebe.
Ist aber nicht so.
Liebe muss manchmal ganz schön hart sein.
Liebe kann auch weh tun.
Mir hat geholfen, besser zu verstehen, was Liebe ist, dass es im griechischen gleich 3 unterschiedliche Worte für Liebe gibt.

Da gibt es eros. Das ist eine begehrende Liebe, die von etwas angezogen wird und sagt: Das will ich gerne für mich haben. Das zieht mich so unwahrscheinlich und unwiderstehlich an. Das Fremdwort Erotik kommt von dieser eros-Liebe. Eros ist aber auch wenn ich sage: Ich liebe Erdbeerkuchen.
Eros sagt: Ich liebe dich, weil ich dich begehre, weil ich davon viel habe, mir viel davon verspreche. Ich will dich haben.

Dann gibt es Philia, die freundschaftliche, partnerschaftliche Liebe. Wir verstehen uns gut, wir haben viel gemeinsam, wir ergänzen uns gut, eine Hand wäscht die Andere, wir geben einander ganz viel – das ist Philia. Ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe.
Philia sagt: Ich liebe dich, weil es uns beiden gut tut. Weil ich und du viel davon haben.

Aber Paulus schreibt nicht von Eros, und er schreibt nicht von Philia.
Er verwendet das dritte Wort der griechischen Sprache für Liebe:
Er schreibt von Agape.

Agape, das ist die schenkende Liebe. Die nicht auf sich selber schaut, sondern auf den Anderen. Die das Wohl des Anderen im Blick hat und sich dafür einsetzt.
Agape hat darum erst mal gar nichts mit lieb sein oder mit liebevollen Gefühlen zu tun, sondern mit Einstellungen und Verhaltensweisen, bei denen man die Not und das Wohl der anderen im Blick hat.
Agape sagt: Ich liebe dich, und darum will ich Dir Gutes tun. Egal, ob du es verdienst oder nicht, und egal, ob ich was davon habe.

Darum schreibt Paulus auch davon, dass wir immerzu schuldig sind, zu lieben.
Denn bei der Liebe ist dieses Aufrechnen, dieses wie du mir so ich dir aufgehoben.
Liebe hat mit Hingabe zu tun. Hingabe an den Nächsten.
Wer so liebt, der gibt dem Nächsten auch nicht das, was er haben will, sondern das, was er braucht, was ihm gut tut.

Eltern lieben ihre Kinder nicht, wenn sie ihnen alles geben, alles erlauben. Denn das schadet den Kindern.
Eltern lieben ihre Kinder, wenn sie ihnen heilsame Grenzen geben und ihnen das geben, was ihnen gut tut.

Freunde liebe einander nicht, wenn sie tatenlos und stumm zuschauen, wie der andere einen großen Fehler macht.
Freunde lieben einander, wenn sie einander hinterfragen und sich dem anderen in den Weg stellen.

Wenn ein Arzt eine Wunde behandelt, ist er auch nicht lieb, sondern seine Behandlung kann sehr schmerzhaft sein.
Aber sie hilft. Und darum ist es Liebe.

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.
Es gibt Böses, das ist sanft und weich.
Und es gibt Liebe, die kann hart und schmerzhaft sein.

Es gibt nicht nur die Feigheit vor dem Feind.
Es gibt auch die Feigheit vor dem Freund, die Feigheit vor dem Nächsten.
Dem ich nicht die harte Liebe zumute, sondern lieber lieb tue, weil ich Angst habe, die Beziehung zu gefährden.

Aber auf lange Sicht geht das nicht.
Es geht einfach nicht.
Weil da keine Wahrhaftigkeit drin ist.
Und alles, was auf einer Lüge aufbaut, bricht irgendwann zusammen.
Also:
Nicht lieb sein, sondern lieben.

Und Paulus schreibt:
Dazu braucht ihr die Waffen des Lichts.
Die Waffen des Lichts:
Damit sind keine Laserschwerter oder so was gemeint, sondern das Licht, das Dinge an den Tag bringt.
In einem Lied heißt es:

Wir schauen der Wahrheit ins Auge stellen uns in den Licht
Wir halten dort aus durch Gnade denn du verdammst uns nicht.
Du kennst unsere toten Winkel, siehst unsren blinden Fleck
Berührst unsere Wunden Punkte, nimmst unsere Ängste weg
Jesus dein Licht scheint voll Gnade und Wahrheit
Jesus dein Licht scheint in unsere Dunkelheit
Jesus durchdring uns mit Gnade und Wahrheit
Jesus komm bring uns ins Licht.
(Wenn ich so gut Gitarre spielen könnte wie mein Kollege, dann würde ich das Lied jetzt vorspielen und vorsingen. Weil ich das aber nicht kann, bleibt euch das erspart…)

Eine gute Testfrage für mein Leben ist immer:
Kann ich offen darüber reden, was ich jetzt tue – oder muss ich es verheimlichen?
Offen drüber reden können – das ist ein guter Test.

Jemand anders hat mal als Testfrage vorgeschlagen: Kann ich das, was ich jetzt mache, auch öffentlich machen?
Wenn ja, dann ist es gut. Wenn nicht, dann ist was faul daran.
Ich halte das für keine gute Testfrage, denn es gibt viele Dinge, die ich nicht öffentlich machen möchte, aber über die ich jederzeit öffentlich reden kann.
Wenn z.B. ein Ehepaar miteinander Sex hat, dann kann man gut darüber reden, weil Sexualität ein Geschenk Gottes für Eheleute ist, woran sie ihre Freude haben sollen. Aber eben nicht in der Öffentlichkeit, sondern im Schutzraum des Privaten.

Und dann schreibt Paulus noch:
Bald ist die Nacht vorüber, und der Tag bricht an. Deshalb wollen wir uns von den finsteren Taten der Nacht trennen und uns stattdessen mit den Waffen des Lichts rüsten. Lasst uns ein gutes Leben führen, so wie es zum hellen Tag passt, ohne Fressgelage und Saufereien, ohne sexuelle Zügellosigkeit und Ausschweifungen, ohne Streit und Eifersucht. Jesus Christus soll der Herr eures Lebens sein.

Es gibt einfach Dinge und Verhaltensweisen im Leben, die passen nicht zu dem, wie sich Gott das Leben der Menschen vorstellt, und wie er es haben möchte.
Das ist ganz klar.
Und genauso klar ist: Das kommt nicht von selber.
Sondern da ist eine klare Willensentscheidung gefragt.
Manchmal eine klare Trennung von dem, was nicht christusgemäß in meinem Leben ist.
Ein für alle Mal – und jeden Tag wieder neu.
Auf den Entschluss kommt es an, auf den Versuch.
Nicht auf den Erfolg, denn wir werden immer wieder hinfallen und versagen.
Auf den Versuch kommt es an.
Auf den Willen, nicht in der Lüge leben zu wollen, sondern im Licht der Wahrheit.
Denn dieses Licht der göttlichen Wahrheit befreit.
Denn Jesus befreit. Und er hilft, anders zu werden.
Das ist die Botschaft des Evangeliums.
Trenne dich von der Lüge, nimmt die Waffen des Lichts.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Versuche es. Will es.
Ich, Jesus, ich helfe dir dabei.
Und wenn es dir wieder einmal nicht gelingt.
Macht nix.
Dann fangen wir halt wieder von vorne an.

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