Von der hohen Kunst zu leben und zu hoffen

Er hielt zitternd mit versunkenem Blick die Photos in den Händen. Waren das wirklich alles Erinnerungen an das noch nicht ganz vergangene Jahr?
Das letzte Weihnachtsfest mit den Kindern und Enkelkindern und seine Frau strahlend mitten drin. Wie konnte sie sich freuen, wenn andere vor Freude strahlten.
Der Jahreswechsel mit den ehemaligen Kollegen, Tradition seit vielen, vielen Jahren. Die Osterwanderung wie jedes Jahr, der Urlaub in den Bergen. Keiner hatte geahnt, vorausgesehen, dass sie schon wenige Wochen und Monate später für immer Abschied nehmen mussten.
Früher hatte er immer geschmunzelt, wenn die Älteren davon erzählten, wie die Zeit im Alter immer schneller verflöge. Jetzt kann er ein Lied davon singen, wie schnell die Zeit vergeht, gerade, wenn man denkt, dass man noch genügend von ihr zur Verfügung habe, dass sich aber nichts und niemand festhalten lasse.
Die Zeit fragt nicht nach Wünschen und Träumen, sie hat keine Pläne, sie lässt sich nicht gewinnbringend fürs Alter ansparen. Sie schreitet voran, sie vergeht, sie verschwindet und kehrt nicht wieder. Man kann den Gedanken an sie verdrängen, man kann sich im Fluss, im Lauf der Zeit treiben und täuschen lassen und muss doch irgendwann aufwachen und begreifen, dass sie unwiederbringlich vergangen ist.
Mit seinen Kindern kann er über diese Gedanken nicht reden, sie verstehen ihn nicht. Wie denn auch, ging es ihm doch lange Zeit genauso.
Ja, je älter man wird, desto schneller läuft die Zeit, vielleicht weil sie spürbar und vorhersehbar knapper wird. Mit siebzig ist ein großer Teil der Lebenszeit eben bereits vergangen und es bleibt ein kostbarer Rest, eine Zugabe, ein Geschenk oben drauf, oder aber, so fühlt es sich manchmal morgens an, eine Last, die er jetzt allein tragen muss. Mit diesen Gedanken, ganz für sich und ganz bei sich, legte er die Bilder des letzten Jahres wieder bei Seite und seufzte leicht, während Tränen in seine Augen stiegen.

So hoffnungsvoll dieser Sonntag von seinem Namen her klingt, so sehr holt er uns erst einmal auf den Boden der Tatsachen zurück. Da macht er uns keine Illusionen, verbirgt und verheimlicht uns nichts:

(CHOR): Herr, lehre doch mich, / dass ein Ende mit mir haben muss.
und mein Leben ein Ziel hat, / und ich davon muss.

(BARITON SOLO): Siehe, meine Tage sind / einer Hand breit vor Dir,
und mein Leben ist wie nichts vor Dir.

Ich höre die Musik Johannes Brahms förmlich zu diesen Gebetsversen aus Psalm 39 und sei berühren mich, wohl weil dies zu begreifen die hohe Kunst des Lebens ist.
Ein Tag, er kann daher kommen wie eine Ewigkeit, er kann verfliegen wie ein Blatt im Wind, obwohl er immer 24 Stunden a 60 Minuten a 60 Sekunden hat, ganz gleichmäßig und zuverlässig. Aber es fühlt sich nicht jeder Tag gleich an. Wahrscheinlich möchten wir das auch gar nicht. Es ist gut, dass nach Tagen der Trauer, die wir zum Abschiednehmen auch brauchen, wieder Tage voller Leben und auch Tage voller Freude kommen können. Und auch die Freude und Fröhlichkeit halten nicht ewig, sondern wollen heute mit allen Sinnen genossen werden, weil sie sonst auch nichts wert wären.

Manche halten das für eine Grausamkeit des Lebens oder noch schlimmer für eine Grausamkeit Gottes, des Schöpfers, der uns solches zumutet, obwohl er es auch anders könnte und doch besser wissen müsste.
Aber wollen wir das wirklich anders?
Muss unser Leben nicht eingebettet sein in dieses Wechselspiel von Geben und Nehmen, Empfangen und Loslassen, Lachen und Weinen, Hoffen und Bangen, Kommen und Gehen?
Wer lebt als hätte er immer alles, entweder auf einmal oder aber für immer, der lebt womöglich gar nicht wirklich, der hält Augen, Ohren und Sinne für alles und jeden verschlossen, übersieht das Unerwartete, Überraschende, Einmalige und Außergewöhnliche und nie Selbstverständliche.

Ich wünsche mir, dass es immer auch anders weitergeht, dass meine Trauer wieder verwandelt wird, dass meine Freude nicht oberflächlich wird, sondern sich vertieft, bewährt, mehr ist als nur ein Rausch, der mir hilft, alles um ich herum zu vergessen. Ich möchte auch in meinen Tränen ebenso wie in meinem Lachen spüren, wie lebendig alles in mir ist und wie mich auch die Krisen und Schmerzen, die Abschiede und die Trauer den Wert und die Kostbarkeit des Augenblicks schätzen und lieben lehren, zu leben so als hätte ich im nächsten Augenblick schon nicht mehr, aber eben in diesem noch ganz und gar.
Das ist ein Geschenk und Gott ist der Geber.
Das ist die liebevolle, aufmerksamem werbende, immer wieder hoffnungsvolle Geduld Gottes nicht nur mit mir – die braucht er wahrhaft, weil ich diese Weisheit meine ganzes Leben lang immer neu lernen muss.
Es ist vor allem seine Geduld für mich, weil sie mir heute diesen Tag und morgen womöglich wiederum einen neuen Tag nicht nur zumutet, sondern zutraut und schenkt, um es anders besser oder genauso intensiv, vor allem aber lebendig zu erleben und zu machen.
Ich lebe, Gott sei Dank, nicht nur gestern und nicht erst morgen, sondern heute und das aus lauter Güte und als ein wunderbares Geschenk.

Die Bilder in den Händen haben alle solche Augenblicke eingefangen und festgehalten. Erinnerungen an erfülltes und erlebtes Leben mit Menschen auf meinem Weg an Orten, die ich durchschreiten durfte.
Was für ein Glück und im Schmerz der Erinnerung und der Trauer über den Verlust, spüre ich aber auch noch einmal den Wert dieses Geschenkes, der Zeit und des Lebens der von uns Geliebten. Da wird jede Träne kostbar, die heute an den Gräbern und damit für das eigene und um das andere Leben geweint wird.
Dafür muss sich keiner schämen und darin sind wir uns alle heute ganz nah, wenn die Schritte in die Kirche und auf den Friedhof gelenkt werden.
Es ist alles Zeit, Tag für Tag, im Angesicht der Ewigkeit.
Es ist alles Geduld, Tag für Tag, im Fluss der Zeit, die mich unterwegs hin und her treibt.
Ja, wir sind unterwegs zu einem großen Ziel, das Ewigkeit heißt.
Deswegen trägt dieser Sonntag nicht nur seinen volkstümlichen Namen Totensonntag völlig zu recht, sondern auch seinen über alles hinausgreifenden Namen Ewigkeitssonntag.
Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
Ich weiß wohl, dass hier alle Worte, aber auch Bilder letztlich versagen müssen, um das zu beschreiben und zu benennen, was wir erhoffen.
Mit dem Tod möge die Sonne nicht endgültig untergehen.
Mit dem Tod möge nicht das letzte Wort gesprochen worden sein, dass womöglich unversöhnlich klang.
Mit dem Tod mögen nicht alle Bilder im Dunkel versinken und alle Klänge und Töne erlöschen.
Mit dem Tod mögen nicht alle Namen in Vergessenheit geraten und alle Lebensgeschichten unerzählt bleiben.
Nein, all das möge eine Heimat und ein Bleiberecht finden: einen neuen Himmel und eine neue Erde und allen möge damit Gerechtigkeit widerfahren und ihr Leben zu seinem Recht kommen. Das wünsche ich mir nicht nur fromm, sondern dass erhoffe und erwarte ich, von niemand anderem als von Gott, weil er sein Wort, seine Verheißung, seinen einen Sohn darauf gegeben hat: Jesus Christus. Er ist Gottes Wort, Gottes Versprechen, Gottes Leben, er ist mein neuer Himmel und neue Erde, er ist unser Anrecht auf Ewigkeit. In ihm sind alle unsere Toten geborgen, getröstet, der Ewigkeit versprochen. Gott sei Dank heute und alle Tage bis in Ewigkeit. Amen

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