Hosianna – Hilf uns doch, Herr!

Liebe Gemeinde,

Hosianna: Jeder weiß, was dieses Wort bedeutet, aber kaum einer weiß, was es wörtlich übersetzt heißt. „Hosianna“ kennen wir als Jubelruf: Die Engel jubeln so bei Jesus Geburt. Wir jubeln so bei manchen Kirchenliedern, die wir gerade im Advent singen. Und die Menschen in unserem Predigtabschnitt jubeln so über Jesus. Hosianna! Sie und wir meinen damit: Wir freuen uns, wir jubeln, wir sind glücklich.
Eigentlich aber heißt „Hosianna“ übersetzt: „Hilf doch!“
Hilf doch – für mich hört sich das nicht so jubelnd, freudig, glücklich an. Sondern eher bittend, flehend, unglücklich. Ich will etwas von Gott, er soll mir doch helfen. Gott soll mir helfen in schweren Zeiten, in Niederlagen, in Problemen: Hosianna! Gott, hilf doch!

Damals, wenige Tage vor seinem Tod, hielt sich Jesus kurz vor Jerusalem auf. Ich denke, er wusste, was auf ihn zukommt. Aber er ist diesem schweren Gang nicht ausgewichen. Vielleicht hätte er Hosianna zu Gott schreien müssen, Hilf doch! „Hilf mir doch, Gott, dass ich dieses Schicksal nicht erleiden muss. Hilf mir doch, dass ich weiterleben kann! Hilf mir einfach!“
Ich hätte das wahrscheinlich getan, aus lauter Angst um mein Leben. Jesus hat es nicht getan, er hat alles auf sich zukommen lassen und ist aktiv seinen schweren Weg gegangen. Der begann schon einige Kilometer vor Jerusalem. Alles scheint noch in Butter zu sein, alles in Ordnung. Die Menschen sind freundlich zu Jesus, wie könnte sich das ändern?
Im Nachhinein wissen wir, wie schnell es sich ändern kann. Jesus zieht jedenfalls nach Jerusalem, er will dort das Passahfest feiern. Doch er reist nicht einfach so, sondern er reitet. Dabei hat er noch nicht einmal ein eigenes Reittier. Er eignet sich einfach eines an. Und schon das mutet seltsam an. Denn er schickt zwei Jünger los und sagt ihnen: „Im nächsten Dorf werdet ihr eine Eselin finden. Die bindet los und bringt sie zu mir!“
Erstaunlich: Woher weiß Jesus, dass dort ein Esel, genauer noch: Eine Eselin zu finden ist? Und noch erstaunlicher: Er sieht einen Einwand voraus und entkräftet ihn gleich: „Wenn euch jemand fragt, dann sagt: Der Herr bedarf ihrer!“

Man kann so oder so über diese Geschehnisse von damals denken. Ich glaube, dass Jesus einfach sehr bekannt war. Es war bekannt, dass er nahe von Jerusalem war. Es waren seine Taten und Predigten bekannt. Jesus war beliebt. Und als der Besitzer des Esels die Worte „Der Herr bedarf ihrer!“ hört, da weiß er, dass damit Jesus gemeint ist. Das ist der Herr. Und es ist keine Frage, dass der die Eselin bekommt. Denn er bedarf ja ihrer. Der Besitzer sagt nichts mehr und lässt die Jünger mit der Eselin, die ja immerhin einen Wert darstellte, dahinziehen.
Warum so umständlich, könnte man nun fragen: Weil alles vom Propheten Sacharja vorausgesagt wurde. Nun erfüllt sich die Prophezeiung, dass der König der Könige kommen wird.
Jeder im Volk kennt diese Prophezeiung. Und sie sind begeistert, dass sie sich nun – nach Jahrhunderten – endlich in Jesus erfüllt: Der Messias ist da. Er wird alle Feinde besiegen, alle Menschen werden sich zu Gott bekehren, und das Himmelreich wird anbrechen. So hat es der Prophet Sacharja und auch andere Propheten vorhergesagt, und das wissen die Menschen in Israel.
Sie jubeln, sie rufen Hosianna, sie legen Tücher auf den Weg, den Jesus entlang reitet. Sie begrüßen ihn wie einen König, der er ja auch ist.

Hosianna – Hilf doch! Was steckt alles in diesem machtvollen Ruf drin. „Hilf uns doch“ – die Menschen jubeln dem Messias zu und erflehen gleichzeitig seine Hilfe, die ihr Leben ganz gewiss verändern soll. „Hilf uns doch“ – sie sind sicher, dass nun etwas ganz Neues, etwas Großartiges anbrechen wird.
Aber im Hosianna steckt noch etwas anderes drin. Ich höre auch den Spott der Feine Jesu heraus: „Hosianna – hilf dir doch selbst“ – das ruft einen Tag später die gaffende Menschenmenge zum gekreuzigten Jesus und meint damit, dass er doch seine Macht benutzen soll, um vom Kreuz herunter zu steigen.
Nahe liegen beide Rufe zusammen: Das Hosianna und das „Kreuzige ihn“, das die Menschenmenge nur einen Tag später Pontius Pilatus entgegen brüllt.

Hosianna auch heute. Wie die Menschen damals warten wir auf den Herrn. Wir leben im Advent auf Weihnachten hin, also darauf, dass Jesus geboren wird. Damals wie heute warten wir auf die Erlösung, die uns der Messias, der Christus bringen soll. Wir rufen – vor allem jetzt im Advent – „Hosianna“. Und meinen damit: Wir freuen uns. Wir jubeln. Wir sind glücklich über die bevorstehende Ankunft unseres Herrn Jesus Christus, unseres Messias.
Und sagen zugleich: „Hilf uns, Herr!“ Denn wir wissen, dass wir auf Hilfe angewiesen sind. Wir schaffen es nicht, ohne Hilfe unser Leben zu leben. Wir brauchen Gott, um bestehen zu können. Darum: „Hilf uns, Hosianna, Herr.“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

drucken