Diese Art der Hoffnung

Der Tod, liebe Gemeinde, kommt nicht immer erwartet, er kommt nicht immer als ein Freund. Plötzlich und schrecklich wie eine entfesselte Naturgewalt, wie eine Lawine, die das Aussehen der Landschaft, über die sie hinwegrollt, nachhaltig verändern kann, genauso kommt er bisweilen, der Tod. Wie ein Erdbeben, der den Boden auf dem man gerade noch sicher und fest stand schwer zum Schwanken bringt und die, die es trifft taumeln lässt.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich viel Trauer gesehen, erlebt und gespürt, viel Schmerz – im Beruf und privat. Der Schmerz der Hinterbliebenen war dabei oft so groß, manchmal unbeschreiblich. Manchmal war es kaum auszuhalten, zu groß war die Liebe, zu stark die Verbindung, zu plötzlich der Tod. Manche Menschen waren so voller Trauer, Leid und Verzweiflung, dass der Strom der Tränen schier nie enden wollte. Andere wiederum waren wie erstarrt. Funktionierten. Viele konnten nicht schlafen, nicht am Tag und auch nicht in der Nacht. Alltägliches fiel manchen schwer. Einige haben so getan, als sei alles normal, andere waren voller Wut und Zorn.

In den letzten Monaten hat die Hersfelder Kantorei ein Requiem geprobt, Mahler, Reger, Brahms. Letzten Sonntag kamen die einzelnen Stücke zur Aufführung. Beim Hören im Konzert hatte ich immer wieder die einzelnen Menschen aus den verschiedenen Trauergesprächen vor Augen und ich dachte an die Hinterbliebenen. In dieser Musik lag eine Menge Trost und Verständnis. Die Musik strotzte nur so von echtem Mitgefühl und war voller Hoffnung. Die Art Hoffnung, die immer noch auf einen rettenden und erlösenden Gott wartet. Die Art Hoffnung, die in Gottes Wort Kraft und halt findet.

Sicher. Nicht alle finden halt in diesen Aussagen. Das gilt nicht nur für unsere Zeit, das galt auch für die Menschen, die kurz nach Jesu Tod auf die Wiederkunft des Herrn gewartet haben. Neben all den Fragen nach dem Warum und dem Wieso und dem Wann mischte und mischt sich auch immer die Frage nach dem Wo: Wo ist denn nun euer Gott? In all der Bedrängnis und der Hoffnungslosigkeit. In all dem Leid und der Ungerechtigkeit.

Enttäuschungen und Vertröstungen, Abschiede ohne Rückkehr, Träume, die zerplatzen wie Seifenblasen. Was gerade noch gut und richtig und schön war, ist auf einmal kaputt. Es braucht nicht viel, dass ein Menschenleben aus dem Gleichgewicht bringt, es nachhaltig erschüttern kann. Und dann taumelt man. Haltlos und orientierungslos auf der Suche nach Stützen. Vielleicht blind vor Trauer, so stolpert man durch Stunden, Tage und Wochen. Ein „es wird schon wieder!“ ist keine Hilfe, wohl aber eine Missachtung der traurigen Lage! In solchen hilflosen Worthülsen liegt kein Trost. Und auch keine Annahme.

Nein, Vertröstung bringt einen nicht weiter. Unsicherheit macht sich breit und mit ihr kommen die Spötter. Wo ist denn dein Gott? Kein Tag vergeht ohne neue Katastrophen, seien es die Kleinen oder die Großen. Dazu wächst das Empfinden, das man die Großen laufen lässt und die Kleinen hängt. Die Mächtigen dieser Erde kommen davon, die, die sich für eine andere, gerechtere Welt einsetzen, kommen in die Burnout-Klinik.

In dieses Gefühl, in diese Zeit hinein, spricht der Petrusbrief seinen Trost und verspricht einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und noch mehr. Der Schreiber sagt, dass Gott auf uns wartet. Er sucht uns sogar. Er ist da. Wartend, geduldig, suchend. Und das bedeutet, dass wir Gefundene sind, nicht verloren oder alleine „Im Gegenteil. […] Auf jeder Bahn findet Gott uns […] auf jedem noch so krummen Weg, auch in der verzweifeltsen Ecke, in die wir uns verkrochen haben mögen.“ (Vgl.: A. Rinn: Ewigkeitssonntag, in: Lesepredigten, Textreihe VI, 2. Bd., Leipzig 2014, S. 171). Und ja, seine Worte spenden Trost! Und ja, seine Worte haben eine längere Lebensdauer, als die vielen Lichtlein, die jetzt wieder, viel zu früh, allerorten aufgehangen werden. Bis Weihnachten ist der Glanz der kleinen Lämpchen längst verbraucht.

Aber an Tagen wie diesen braucht es mehr. Keinen flüchtigen Trost und auch kein Ende der Schonzeit. Es braucht mehr. Es braucht die Zusage Gottes, dass eben nicht umherirren, alleine, in Raum und Zeit, unverstanden, sondern, dass wir getragen werden. Es braucht genau diese Art der Hoffnung. Vielmehr noch, eine Hoffnung, die zur Gewissheit wird. Wenn Tod und Sterben in ein Leben Einzug halten, muss etwas dazukommen, dass uns in bedrohlichen und ängstlichen Situationen Schutz bietet. Gottes Wort ist dieser Schutzraum.

Und das ist seine Art des Trostes und die „zeichnet sich dadurch aus, dass ein Mensch im Innersten gestärkt wird, trotz äußerlicher Kraftlosigkeit; dass er sich gehalten weiß, auch entgegen dem äußeren Schein.“ (Vgl.: W. Huber: Predigt am Ewigkeitssonntag über Offenbarung 21,1-7, 21. November 2004, Gedächtniskirche zu Speyer).

Allerdings scheint die Zeitdauer, das Warten auf Besserung, dabei der größte Feind der Hoffnung, das größte Problem zu sein. Aber es gilt zu warten! Nicht untätig. Sicher: „Wir dürfen uns ausstrecken nach dem Himmel, der da kommen wird, miteinander die Freude darüber teilen, dass wir Gefundene sind und einander trösten über die Wunden unseres Lebens. Wir dürfen das, was wir an Mitteln haben, einsetzen für die Menschen, die leiden. […] Wir können uns und anderen guttun. Wir können uns gegenseitig stärken.“ (Vgl.: A. Rinn: A.a.O.; S. 173).

Enttäuschungen und Vertröstungen, Abschiede ohne Rückkehr, Träume, die zerplatzen wie Seifenblasen. Was gerade noch gut und richtig und schön war, ist auf einmal kaputt. Es braucht nicht viel, dass ein Menschenleben aus dem Gleichgewicht bringt, es nachhaltig erschüttern kann. Und dann taumelt man. Haltlos und orientierungslos auf der Suche nach Stützen. Vielleicht blind vor Trauer, so stolpert man durch Stunden, Tage und Wochen.

In diesen Momenten mag man denken und es mag sich anfühlen, als fühlen „als ob wir verloren wären in den kleinen und großen Katastrophen dieser Welt. Doch der, vor dem tausend Jahre wie ein Tag sind und ein Tag wie tausend Jahre, er hat sich auf die Suche nach uns gemacht, und er hat uns gefunden.“ (Ebd.)
AMEN!

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