Zwei Kalender

Liebe Gemeinde,

Zwei Kalender
Das Kirchenjahr endet in zwei, das kalendarische dauert gut vier Wochen länger.
Wenn das weltliche Jahr ausläuft, hat im Kirchenkalender der Advent schon seine Zeit. Er verkündet in der noch zunehmenden Dunkelheit der Tage die Ankunft Gottes.

Unsere Lebensjahre, das, was wir noch zu erwarten haben, werden Jahr um Jahr weniger. Und Paulus setzt seine Gewissheit dagegen:
Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

Irgendjemand anders wird den Tag unseres Todes im Kalender notieren. Die Endlichkeit ist unser aller Schicksal, aus dem es kein Entrinnen gibt. So sehr man sich auch sorgt, es liegt nicht in unserer Macht, das zu ändern.

Der Kalender Gottes führt über unsere irdische Zeit hinaus. Leben hat ein Ende und Leben hat ein Ziel. Diese Unterscheidung mag uns fremd erscheinen. Aber genau davon handelt unser biblischer Text.

Der weltliche Kalender kennt Anfang und Ende. Der Kalender Gottes führt in eine unbegrenzte Zukunft.

Das Ende lässt uns seufzen
Vom Ende wissen wir. Mal mehr, mal weniger stark prägt dieses Wissen unser alltägliches Empfinden. Füllt uns einen Tag mit Angst. Und an den meisten Tagen denken wir nicht daran. Niemand kann in ständiger Todes furcht leben.

Beides fügt uns Schaden zu: Wenn wir mit offenen Augen in die grelle Sonne blicken, zerstört sie unser Augenlicht. Wenn wir mit offenen Augen nur den Tod sehen, verdirbt er unsere Seele und unser Gemüt.

Wir seufzen, wir sind beschwert, wir leiden, sagt Paulus, unter der Endlichkeit. Hier leben wir in Zelten – so müsste man statt Hütte – richtig übersetzen. Wer zeltend einen Sturm erlebt hat, weiß nur zu gut, wie schnell man auf einmal jeden Schutz vor dem Unbill des Wetters und des Lebens verlieren kann.

Es muss ja nicht gleich wegfliegen. Aber als ich vor etlichen Jahren mit Konfirmanden zum Zelten unterwegs war, floss auf einmal der Regen in breitem Strom durch das heftig hin und hergeworfene Wigwam. Mir war das jedenfalls Anlass genug, mich künftig von allem fern zu halten, was mit Camping zu tun hat.

Vor Sturm und Wind mag mir ein festes Haus besseren Schutz geben. Doch selbst wenn wir uns Häuser aus stabilsten Mauern errichteten, so kommt doch der Tag, an dem andere uns heraustragen.

Wir seufzen, sagt Paulus, weil wir vom Ende wissen. Und er fügt hinzu: Wir als glaubende Menschen sehnen uns nach dem Ziel: Damit das Sterbliche verschlungen werde vom Leben.

Ende und Ziel sind nicht identisch
Dazu sind wir bereitet, fährt Paulus fort, dazu sind wir bestimmt: Dass unser Leben ein Ziel hat in Gott.
Dieses Ziel liegt jenseits des irdischen Kalenders. Dieses Ziel ist im Kalender Gottes notiert, jenseits all unserer Begriffe von Zeit und Vergänglichkeit.
„Ach ja, “ mögen viele nun denken und empfinden, „wenn man das nur glauben könnte!“
„Wir wissen es doch“, schreibt Paulus. Wir fragen uns: „Fühle ich es?“ „Bestimmt mich dieses Gefühl: Mein Leben findet sein Ziel in Gott?“

Es gibt keinen Beweis, keine Sicherheit. Mancher, der dem Tode nahe war, hat zwar, zurückgekehrt ins Leben, von Licht und Stimmen erzählt, doch die Skepsis siegt: Solche Nahtoderfahrungen spielen sich im erlöschenden Geist ab, sind körperlich hervorgerufene Einbildungen. Nein, es gibt keinen Beweis, es gibt keinen Beleg, kein überzeugendes Argument.

Paulus sieht es genauso: Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

Zum Kalender Gottes greifen
Und dann legt Paulus den irdischen Kalender beiseite. Ob wir Lust haben ihm darin zu folgen?

Wir sind getrost, wir besitzen die Kühnheit, die Frechheit, wir sind dreist, wie haben eine andere Zuversicht, wir leben unser Leben über das Ende hinaus unserem Ziel entgegen.

Paulus bringt keine depressive Todessehnsucht zur Sprache, wenn er sagt: Wir haben Lust, wir ziehen es vor, unsere Heimat in Gott und nicht im Grab zu wissen. Wir glauben an das Ziel, nicht an das Ende.

„Ach, wenn ich das nur könnte“, höre ich den einen und die andere denken.

Für das Leben leben
Zu den eigenartigen Erfahrungen der Trauer gehört es, das sie eigenartig leichter zu tragen ist, wenn man von jemandem Abschied nehmen muss, der sein Leben für das Leben eingesetzt hat. Eine Mutter, die ihren Kindern viel gegeben hat, ein Ehepartner, mit dem man die Lebensfülle geteilt hat, einen Menschen, von dem viel Gutes ausging, den kann man allem Schmerz der Trauer zum Trotz leichter loslassen, als jemanden, mit dem man bis in den letzten Tag hinein im Streit lag. Der Verlust schmerzt und doch ruht im Herzen eine tiefe Dankbarkeit. Wer dem Leben dienend gelebt hat, den tragen wir in einer oft unbewussten Ahnung zu Grabe: In diesem Leben liegt etwas, das über den Tod hinaus weist: Liebe. Dieser Überschuss an Liebe weist über das Leben hinaus.
Wir haben eine Anzahlung auf das Leben in Gott, sagt Paulus: Den Geist Gottes. Und das ist Liebe.

Und Paulus fragt uns: Welcher Ehrgeiz ruht in deinem Herzen? Lebst du nur für dich? Kennst du nur dich und deine Wünsche, dein Besitz, deine Lust, deine Pläne?

Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.

Nach welchem Kalender lebe ich? Kennt mein Kalender nur meine Zeit, meine Tage, meine Reisen, meine Interessen, meinen Vorteil und meine Wünsche.

„Ach“, ich soll mich wohl für andere einsetzen? „Ach“, sollte ich etwa mal was Gutes tun für andere?
Das hat Paulus wohl im Sinne, dass es uns daran erinnert: Prüfe dein Leben im Licht des zu dir kommenden Gottes.

Der Tag des Gerichts
Das nimmt alles ein schlimmes Ende, klagen ältere Menschen gerne. Nicht wenige empfinden Wut und Zorn über die Zustände der Jugend und der Gesellschaft im Allgemeinen. Tägliche Nachrichten halten die Wut warm und stets dem Siedepunkt nahe.
Und doch weiß man: Ich bin es, der sich dem Weltende Schritt um Schritt nähert. Die Welt aber wird bestehen.

„Und was hast du dafür getan“, wird Gott uns dann fragen.

Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

Dieser Tag wird sein, wenn alle Kalender auf Erden erloschen sind. Ach je, eben war es noch so tröstlich. Und jetzt das: Weltuntergang und Weltgericht.

Beide Themen kommen in unserem Glaubensleben kaum vor. Weltgerichtsängste haben wir Evangelischen doch mit der Reformation im Mittelalter gelassen.

Tatsächlich befasst sich die zeitgenössische Theologie kaum mit diesen Themen. Andere tun es umso intensiver.

Im Internet kann man eine Liste aufschlagen mit Liedern, die Weltende und Weltgericht thematisieren. Es sind 306 Lieder aus den letzten vier Jahrzehnten. Ältere unter uns haben vielleicht noch „Eve of destruction“ im Ohr, ein Protestsong, wie man es damals nannte. Whitney Houston singt in der ersten Strophe ihrer Ballade „My love is you love“ ebenfalls vom „Judgement day“ und die Hardrock-Band „U.D.O“ singt – nein schreit – vom Endgericht: Dir fliegt dereinst auch noch das Wort des endzeitlichen Richters um die Ohren. Hier kaufen wir das Recht. Korruption, wohin man schaut. Aber vor ihm erlahmt jeder Widerstand. Da kannst du nichts mehr raushandeln. Wir wissen nicht, was Recht ist. Aber ER weiß es. („The arbiter).

Schaut man in die Filmwelt hinein, findet man ähnlich viele Filme, die das Weltende, den Weltuntergang zum Thema haben. „Noah“ im biblischen Gewand, „Die Wolke“ bezogen auf eine Atomkatastrophe, „Jesus liebt mich“ im Stil einer deutschen Komödie.

Und allen Liedern und allen Filmen ist eine zentrale Aussage gemeinsam: Was die Welt rettet sind Liebe und Gerechtigkeit. Was die Welt rettet, sind Selbstlosigkeit und Mut, am Leben festzuhalten, obgleich der Tod übermächtig geworden ist.

Gerettet wird die Welt von denen, die den Kalender Gottes im Herzen haben. Es liegt an jedem selbst sich zu prüfen: Gehöre ich dazu?

Der Tag des Gerichts steht natürlich in einer Spannung zum Glauben daran, dass Christus uns erlöst hat und dass er im Gericht unser Fürsprecher sein wird.

Diese Spannung können und sollen wir aber nicht auflösen.

Es mag ja sein, das der eine oder andere diesen Tag als Befreiung erlebt: Endlich, endlich wird meine Ichsucht von mir genommen. Endlich hören meine Lebenslügen auf. Endlich darf Wahrheit sein, und die macht mich frei.

Das Sterbliche ist verschlungen vom Leben. Ich bin angekommen im Kalender Gottes. Ich darf den Advent Gottes erleben, obgleich ich danach weder lebte noch daran glaubte.

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