Ein offener Brief an alle

Tief aus der Erinnerung steigen Bilder und Gefühle auf….
Die Familie lebte soweit voneinander entfernt, dass man nicht eben einmal spontan zum Kaffeetrinken vorbeigehen oder klingeln konnte,ob sie nicht mitwollten. Also blieb nichts anderes als das Telefon, das es bei uns immer gab, oft am Sonntag abend, um zu erzählen, was es neues gibt. Manchmal war aber auch das keine Möglichkeit, denn Gespräche z.B. nach Übersee waren unglaublich teuer. Oder aber es gab nur wenige Telefone im Ort und die konnte man nicht ständig beanspruchen, nur in wirklichen wichtigen Fällen, und auch dann war die Verbindung mit drüben ein mühsames Unterfangen.
Also wurden Briefe geschrieben: auf extra dünnem leichtem Papier, wenn sie mit Luftpost auf die Reise gehen sollten rund um den Globus, oder auf extra schönem Briefpapier, wenn der Anlass und Adressat ein besonderer war. Wir als Kinder mussten dann alles immer einmal vorschreiben, damit im Vorfeld auf Fehler geachtet werden konnte, ehe wir dann mit Hilfslinien den Brief an den Onkel, die Tante, den Cousin oder die Cousine in Schönschrift ins Reine schrieben. Und noch heute im Zeitalter der digitalen Nachrichten gehe ich erwartungsvoll an den Briefkasten in der Hoffnung nicht nur Werbung oder Rechnungen darin zu finden, sondern Zeichen der Verbundenheit, Gedanken, die ich in Händen halten, Erinnerungsstücke, die ich aufbewahren kann, einen Brief ! Vielleicht ist das altmodisch, aber schön ist es dennoch zum Geburtstag eine Karte, zu Weihnachten einen Rundbrief oder aus dem Urlaub einen Gruß bekommen zu haben unabhängig von den Nachrichten und Bildern bei Facebook, die ich auch einstelle.
Einen Brief schreibe ich nicht mal eben so hin, die Worte wäge ich vielmehr in aller Ruhe ab, ringe mit ihnen, lasse Gedanken ihren Lauf, die ich mit anderen teilen möchte und weiß, sie können wieder und wieder gelesen werden und bleiben eine Verbindung untereinander über Raum und Zeit hinweg – auch wenn ich ehrlicherweise bis heute kein großer Briefeschreiber, nur ein großer Briefeerwarter mehr bin!
Ihr seid unser Brief, sagt der Apostel Paulus, unser Empfehlungsschreiben, und hält seine Gemeinde denen entgegen, die sich mit ihren Empfehlungen auf andere, höhere Autoritäten berufen und meinem Ihrem Auftreten und ihren Positionen damit Nachdruck verleihen zu können. Sie sagen nicht nur: andere sagen das auch, andere sehen das genauso wie wir. Sie konstatieren: wir dürfen mit der Autorität im Namen der anderen reden.
Ob das bei uns noch Eindruck machen würde, weiß ich nicht, auch wenn Worte herausragender Persönlichkeiten ein besonderes Gewicht haben. Sicher gibt es auch religiöse Popstars, Persönlichkeiten, die die Massen bewegen und auf Kirchentagen Messehallen füllen.
Aber jetzt sollen wir ein Brief, ein Buch sein, in dem andere lesen können mit einer Botschaft, die wichtig ist und lohnt. Ein Brief, geschrieben als Empfehlung und als Einladung von wem für wen?
Ein anderes Bild für das, was heute mit Sicherheit funktioniert:
Auf dem Felsen steht ein junger Mann mit durchtrainiertem, muskulösem Oberkörper und er stürzt sich mutig und sportlich mit einem Kopfsprung ins Meer, taucht in das klare Wasser ein, durchzieht es mit einigen wenigen Schwimmzügen, ehe er wieder auftaucht und lässig aus dem Wasser steigt. Werbung für einen Duft und das Bild des Felsenspringers verstehen alle. Dieser Duft steht für diese Form von Sportlichkeit und Männlichkeit. Das funktioniert für die weiblichen Schönheitsideale ganz genauso und befriedigt unsere Sehnsucht, ein bisschen so zu sein und zu wirken, wenigstens indem wir so duften…
Denn Menschen sprechen auch durch ihre Erscheinung und durch ihre Auftreten eine Sprache, sie erzählen von Selbstbewusstsein und Erfolg in der Art, wie sich bewegen , anderen zuwenden, oder aber können ihre Unsicherheit und Nervosität überhaupt nicht verbergen. Wir verstehen Körpersprache intutitiv, können sie lesen und interpretieren. Wir können Menschen in die Augen schauen und manchmal einen Blick in das Innere eines Menschen erhaschen.
Paulus sagt: Menschen lesen in euch, sie nehmen wahr, wie ihr auftretet und miteinander umgeht.
Ihr seid eine Botschaft, die intuitiv verstanden werden kann.
Und er meint damit nicht die Spuren, die das Leben an uns und in uns hinterlässt, die ich ja nicht verbergen kann. Die Spuren eines arbeitsreichen, harten Lebens, die Spuren unendlicher Trauer und langer durchweinter Nächte, auch nicht die Glücksmomente, die sich unauslöschlich eingebrannt haben wie der erste Kuss der ersten großen Liebe, oder die erste Berührung des eigenen Kindes nach der Geburt, das Ja vor dem Altar oder das Diplom in den Händen.
Er meint vielmehr das, was mich getragen hat in den Augenblicken der Verzweiflung ohne aufzugeben, er meint das Staunen über die Wunder und Glücksmomente im Leben, das direkt in Herzensdankbarkeit mündet und ausdrückt, dass ich mir nichts von alledem verdienen kann und auch nichts einfach so verdient habe, sondern geschenkt bekomme.
Er meint eine Schönheit, die aus meinem Leben strahlen kann, die sich nicht mit den Idealtypen der Werbung messen muss oder den Glücksversprechen in Konsumgesellschaft hinterhereilt.
Er meint die Schönheit aus Glaubens, die auch in den Niederlagen und Tiefen, in den Stunden von Schuld, Versagen oder Tod nicht zerbricht, sondern hilft, aufrechte Menschen zu werden und zu bleiben und sich dem Leben wieder und wieder zu stellen und etwas von ihm zu erwarten und sei es nur noch für diesen Tag.
Er meint die Schönheit aus Glauben, die ansteckt, wie ein Lachen, dem ich mich nicht entziehen kann, wie ein Glück, das ich mitfühle und in mir leuchten lassen kann.
Es kann tief in mir und aus mir herausstrahlen. Davon bin ich überzeugt und dafür kenne ich genügend lebende Beispiele, wie Menschen so zu einem Brief Gottes an ihre Mitmenschen geworden sind.
Recht hat der Kritiker: wir dürfen erlöster aussehen, denn wir sind erlöst, getragen, geliebt, mit Hoffnung begabt und zur Liebe, die hinter die Fassade ins Herz schaut, fähig.
Aber ich kann es mir nicht antrainieren wie die sportliche Erscheinung auf dem Felsen oder einüben wie den Brief in Schönschrift, den ich vorab wieder und wieder ins Unreine schreiben muss, ehe ich dann zittrig mich an die Reinschrift wage, in der Hoffnung keinen Fehler zu machen.
Gott ist es , der uns ins Herz schreibt, der uns die Erfahrung machen lässt, gehalten, getragen und zu erneutem Leben ermutigt zu sein.
Gott ist es, der mir den Blick für die Wunder um mich herum öffnet.
Ich trage seine Handschrift.
Paulus schreibt das seinen Gemeinden, er schreibt Christen, wir lesen und hören seinen Brief und schauen vielleicht ein wenig auf uns und fragen, was es da wohl zu lesen gibt.
Es mag sein, dass manchem dabei auch nicht ganz wohl in seiner Haut ist. Auch das ist ja durchaus eine mögliche Absicht eines Briefes.
Aber ich frag mich, ob wir nicht heute einen Schritt weitergehen müssten und anfangen zu lesen, wie Gott uns durch jeden und jede, die uns begegnen, anspricht.
Jeder Mensch trägt Gottes Handschrift und hat eine Botschaft an mich.
In der Sprache der Bibel: wir sind alle Ebenbilder Gottes.
Egal ob groß oder klein, stark oder schwach, jung oder alt, gesund oder hinfällig, mit oder ohne Handicap, egal ob weiß oder schwarz, ob Europäer oder Afrikaner, ob Asiate oder Lateinamerikaner. In jedem Menschen meldet sich Gott zu Wort oder es gilt hinter der Fassade oder Kulisse die originale Handschrift zu entdecken, die ich nicht auslöschen oder wegradieren kann. Ich weiß, wie schwierig es ist in den den Menschen, die es uns so schwer machen, sie zu verstehen, Gottes Handschrift zu entdecken, aber sie ist da, irgendwo im Herzen verborgen, aber nicht ausgelöscht. Was für ein Anspruch und eine Herausforderung!
Wobei wir dann bei dem Appell des Briefes wären, weil diese Botschaft nicht allein gehört und gelesen, sondern dann auch gelebt werden will.
Das zeichnet den Brief Christi aus, dass wir – Gottes Liebe im Herzen – diese Liebe mit unseren Händen und Worten leben, immer wieder, und dabei ruhig der Kraft dieser Zeilen unseres Lebens trauen, die Großes auch im Kleinen verkünden: Frieden, Versöhnung, Gerechtigkeit, Nächstenliebe. Vertrauen und bitten wir, dass Gott uns dazu tüchtig macht. Amen

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