Der Brief im Brief

1. Luthers Brief an Hänschen
Heute am Sonntag nach dem Reformationstag möchte ich mit einem Brief Martin Luthers beginnen. Er schrieb ihn am 19. Juni 1530 an seinen vierjährigen Sohn Johannes:

“Meinem herzlieben Sohn Hänschen Luther in Wittenberg. Gnade und Friede in Christus! Mein herzlieber Sohn, ich höre sehr gerne, dass du eifrig lernst und fleißig betest. Tu das, mein Sohn, und fahre dahin fort. Wenn ich heimkomme, will ich Dir ein schönes Marktgeschenk mitbringen. Ich weiß einen hübschen, schönen Lustgarten. Da gehen viele Kinder drin,[…] singen, springen und sind fröhlich. […] Da fragt ich den Mann, des der Garten ist, wem die Kinder gehören. Da sprach er: Es sind die Kinder, die gern beten, lernen und fromm sind. Da sprach ich: Lieber Mann, ich habe auch einen Sohn, der heißt Hänschen Luther; könnte er nicht auch in den Garten kommen, dass er auch […] mit diesen Kindlein spielen dürfte? Da sprach der Mann: Wenn er gerne betet, lernt und fromm ist, so soll er auch in den Garten kommen, [seine Freunde] Lippus und Jost auch. […] Darum, lieber Sohn Hänschen, lerne und bete ja getrost und sage es Lippus und Jost auch, dass sie auch lernen und beten, so werdet ihr miteinander in den Garten kommen. Sei hiermit dem lieben Gott befohlen und grüße Muhme Lene und gib ihr einen Kuss von meinetwegen. Dein lieber Vater Martin Luther”. (in: Weimarer Ausgabe Briefe 5,377, 1ff.)

2. Was einen Brief ausmacht.
Das lässt einem doch das Herz aufgehen?!
Ein mit großer warmherziger Liebe geschriebener Brief an den vierjährigen Sohn.

Wann haben Sie zuletzt so einen Brief erhalten?
Einen- womöglich von Hand- geschriebenen Brief, dem Sie das Interesse an sich, die Zuneigung abspüren?

Sie haben jüngst einen bekommen?
Schon lange keinen mehr in der Hand gehalten?
Ah, dieser Tage selbst einen geschrieben?

Um so einen Brief zu schreiben braucht es Zeit und ein gewisses Maß an Ruhe. Wenn ich schreibe, sitzt mir der Empfänger quasi gegenüber. Ich überlege, was mag ihn interessieren? Was sind unsere gemeinsamen Themen? Was möchte ich von ihm erfahren? Ihn anregen, herausfordern zur Antwort, mich erklären…
Ein Brief hat einen besonderen Geist, auch dann, wenn er nicht nur Erfreuliches enthält.

3. Der Brief im Brief
Nun ist das Briefeschreiben eine biblische Tradition. Im NT sind 21- von vielen weiteren- Briefen erhalten. Sie sind die ältesten christlichen Zeugnisse.
Paulus war ein fleißiger Briefschreiber.
Ein Brief brauchte damals seine Zeit.
So auch der zweite Brief, den Paulus aus Mazedonien nach Korinth schrieb, aus dem diese Sätze stammen:

4. 2. Kor. 3, 2.3a
"Ihr, die Christen in Korinth, seid meine Empfehlung.
Ihr seid in unsere Herzen geschrieben,
und alle Menschen können es lesen und verstehen.
Ja, es ist offensichtlich:
Ihr seid ein Empfehlungsschreiben, das von Christus kommt.
Zustande gekommen ist es durch unseren Dienst." (Vss 2.3a)

Das mit dem Empfehlungsschreiben kann ich gut nachvollziehen.
Morgens, wenn ich in die Diakonie komme,
kommen mir fast jeden Morgen, Menschen entgegen – einige sitzen auch heute hier, – die strahlen.
Die eine Freude, Interesse, Mitgefühl ausstrahlen, das mich jeden Morgen neu ansteckt. Es gibt sie diese Strahlkraft des Geistes! Wir haben sie alle schon erlebt.

5. Situation mit Korinth
So auch Paulus.
Paulus hatte damals Stress in Korinth.
Er war schwer angegriffen worden- mit Worten.
Er, sein Amt, seine Empfehlung war in Frage gestellt.
Es gab da andere Prediger, die ihm den Rang streitig machen wollten
und auch andere Ansichten als er predigten.
Paulus reiste damals richtig erschüttert ab.

Der Konflikt aber beruhigte sich mit der Zeit.
Die Gemeinde stand wieder hinter ihm.
Da schreibt Paulus diesen 2. Brief nach Korinth.
Er hört sich darin richtig erleichtert an: Was brauche ich Empfehlungsschreiben. Ihr selbst seid meine beste Empfehlung. Ihr seid in mein Herz geschrieben und das können andere auch sehen. Ihr seid tatsächlich ein Empfehlungsschreiben, weil ihr mit Christi Liebe geschrieben seid.

6. Gramma und Pneuma
"Ihr seid nicht mit Tinte auf Steintafeln oder Papier geschrieben,
sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes ins Herz.
Die Grundlagen diese Bundes sind nicht Buchstaben, sondern der Heilige Geist.
Der Buchstabe führt zum Tod, aber der Geist führt zum Leben." (3b. 6b)

"Ihr seid mit Geist ins Herz geschrieben."
Ja, unter anderem zu erleben- Morgens in der Diakonie.
Ein schönes Bild- eine Anspielung auf die Verse des Propheten Jeremia:
"Ich will mein Gesetz in ihr Herz schreiben." (Jer. 31, 33)

Aber dann kommen wir zum schwierigen Teil des Briefs.
Hier schrillen alle meine Alarmglocken. Was Paulus hier schreibt, hat seit Origines -und, der ist schon sehr lange tot, unselige Folgen.
Ich höre: Steintafeln- Buchstabe- Gesetz- AT- Juden…
und ich höre: Herzen- Geist- Evangelium- NT- Christen.

Im breiten Strom der Bibelauslegung ist das Gesetz, der Buchstabe, das was tötet.
Es stachele den Menschen zu Leistungen an, die dazu führen,
das er sich selbst damit erlösen will.

Das lässt sich m.E. so nicht halten. Dem Juden Paulus geht es nicht darum, das Gesetz abzuschaffen. Das wäre doch auch Unsinn.
Gesetze regeln das Zusammenleben.
Und es ist recht und billig sie zu halten.
Wer gegen Gesetze verstößt, macht sich schuldig.
Aber niemand ist gerechtfertigt, wenn er sich an die Gesetze hält.

Nun erlebt Paulus, dass sich die Gemeinde Gottes verändert hat.
Bis dato war sie als Volk Israel eine national geschlossene Gruppe- ein Volk.
Das Gesetz von Gott gegeben war für alle Mitglieder des Volkes bindend und band das Volk zusammen.
Nun ist aber durch die Mission, die Paulus selbst voran treibt, das Volk Gottes über dieses Volk hinaus gewachsen.
Eine neu entstehende Gemeinschaft in Christus, die heute auf der ganzen Welt lebt.

Diese neue Bundesgemeinde ist "Christi Brief", nun an alle Menschen gerichtet. Ein "offener Brief", mit Christi Liebe geschrieben und durch den Geist Gottes verbunden.
Paulus geht es nicht um eine Abwertung des Gesetzes Mose, sondern um eine notwendig gewordene Öffnung, Erweiterung.

Und weiter, auch um eine Maßregelung seiner Gegner, denen er sagt:
"Die Grundlagen diese Bundes sind nicht Buchstaben, sondern der Heilige Geist." (6b)

Seine Gegner meinen das "Halten der Gesetze" sei Heils notwendig.
Aber, wie schon gesagt, sich an Gesetze zu halten ist notwendig, macht uns aber nicht "heil". Es ist schlicht selbstverständlich.
Um "in den Himmel zu kommen" braucht es – nicht mehr!-, sondern etwas Anderes!

7. Zeugnistag
Was Paulus meint, macht Reinhard Mey in seinem Lied "Zeugnistag"auf humorvolle Weise deutlich. Sie haben den Text vor sich.

In diesem Lied erzählt der Liedermacher, wie er die Unterschrift seiner Eltern auf dem ziemlich schlechten Zeugnis fälscht. Der Betrug fliegt auf und er muss mit den Eltern vor dem Schulleiter erscheinen. Der freut sich wie die Eltern ihren Sohn zur Rechenschaft ziehen werden. Doch sein Vater sagt: „Dies ist tatsächlich meine Unterschrift.“ Auch die Mutter behauptet, sie habe selbst unterschrieben. „Gekritzelt zwar, doch müsse man verstehn, dass sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug.“
Die Strafe fällt aus, die Liebe der Eltern, die ihren Sohn „begnadigen“, ist spürbar. Reinhard Mey singt:
„Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt, ganz gleich, was du auch ausgefressen hast.“

8. Paulinische und reformatorische Erkenntnis
Und das ist die große erleichternde Erkenntnis, die Paulus und dann auch rund 1500 Jahre später Martin Luther und die anderen Reformatoren hatten:

"Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt, ganz gleich, was du auch ausgefressen hast."

9. Was macht uns zu Empfehlungsschreiben?
Wissend, dass dir jemand Zuflucht gibt, dass du geliebt wirst jenseits aller Fassaden,
das ist die Gnade, die uns durch Jesus ins Herz geschrieben ist.
Die der Geist des lebendigen Gottes in uns lebendig hält, wie wir gleich singen werden: "So wird Geist und Licht und Schein in dem dunklen Herzen sein".
(EG 134,1/ Heinrich Held)

So leben zu können, gibt uns Strahlkraft, "Gottes Herrlichkeit" nennt es Paulus (Vss. 7- 11).

Und, da wir als Glaubende nie nur "ICH" sind, sondern immer "WIR" als Gemeinde Christi-
hier in der Kirche, im Diakonie- Krankenhaus, im Paulinum, in Bad Kreuznach, in Bethlehem, in Damaskus, in Kobane, weltweit können wir alle miteinander Strahlkraft entwickeln.
Nicht immer gelingt es uns- vielleicht auch viel zu selten.

10. Empfehlungsschreiben werden
Worum es aber geht, ist die Strahlkraft, die durch ihn kommt.
Durch den Geist Gottes, der- da bin ich sicher- bei uns ist.

Wo entfalten wir diese Strahlkraft- als Einzelne und als Christengemeinden, als Kirche?

Schließen möchte ich zu dieser Frage beispielhaft mit einem Brief.
Einem Brief des Präses der Rhein. Kirche.
Präses Manfred Rekowski schreibt uns zur "Aktuellen Flüchtlingssituation"- ich lese in Auszügen:

"Ich möchte Ihnen heute ausdrücklich für das vielfältige Engagement für Flüchtlinge in Ihren Kirchengemeinden, -Kreisen, diakon. Einrichtungen danken….
Angesichts der derzeitigen Probleme möchte ich Sie bitten, in Ihrem Engagement nicht nachzulassen und andere Gemeindeglieder für das Engagement für Flüchtlinge zu gewinnen, auf Flüchtlinge zu zu gehen, Unterkünfte bereit zu stellen. Damit wollen wir Vorbild in unserer Gesellschaft sein…
Ich meine, wir sind hier [als Christengemeinden] gegenwärtig in besonderer Weise herausgefordert, unsere Glaubensidentität in diesem Sinne zu leben und ein glaubwürdiges Zeugnis unseres Glaubens zu geben. Ich grüße Sie sehr herzlich Ihr Manfred Rekowski." (23.Okt.2014)

In diesem Sinne und an anderen Orten, lasst uns strahlen und zu Empfehlungsbriefen des lebendigen Gottes werden. Jeder und jede trägt diese Kraft in sich!
Der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
der halte unseren Verstand wach
und unsere Hoffnung groß
und stärke unsere Liebe. Amen

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Quellen:
– Nestle- Aland
– Stuttgarter Erklärungsbibel
– Basisbibel
– EG
– Predigtmeditationen von HJ Iwand
– Predigtmeditationen im Christl.- Jüd. Kontext VI
– Weimarer Ausgabe Briefe 5

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