Du bist die einzige Bibel, die manche Menschen lesen!

Liebe Gemeinde,
„Gib acht wie du lebst, du bist vielleicht die einzige Bibel, in der manche Menschen lesen!“ – so sagte mir unser Gemeindediakon, als ich als Jugendlicher begann mich in der Kirche zu engagieren. Dieser Satz fiel mir als erstes wieder ein, als ich die Zeilen des Paulus an die Gemeinde in Korinth gelesen habe: „Ihr seid ein Brief Christi!“ An euch können die Menschen erkennen, was es heißt als Christ zu leben!
Und die ersten christlichen Gemeinden, die sich gegenseitig die Briefe des Paulus weiter gegeben haben, haben das in die Tat umgesetzt. Sie haben ihren Besitz miteinander geteilt. Sie haben die sozialen Grenzen zwischen Besitzenden und Sklaven aufgehoben. Schnell hat sich damals herum gesprochen, dass in den christlichen Gemeinden Menschen zusammen treffen, die anders sind. Ganz bewusst haben die Christen auf jede Gewalt verzichtet. Die Schwächsten in der Gesellschaft wurden nicht mehr fallen gelassen, sondern von der Gemeinschaft getragen. Auch zwischen den Gemeinden wurde bald ein Ausgleich organisiert. Sie erinnern sich an die Kollekte für die verhältnismäßig arme Gemeinde in Jerusalem, für die Paulus in mehreren seiner Briefe wirbt. Ihr seid ein Brief Christi. An euch können die Menschen Gottes Willen erkennen.
Liebe Gemeinde, weil die ersten Christen das so überzeugend vorgelebt haben, ist die Kirche in den ersten Jahrhunderten rasant gewachsen. Aus der kleinen Provinz Palästina hat das Christentum in kurzer Zeit das ganze römische Weltreich und sogar Bereiche jenseits davon erreicht. Ihr Zusammenleben war ein Bild für das Glück, dass Gott uns im Paradies verheißen hat.
Und heute, 2000 Jahre später sollte man doch erwarten, dass wir dem Ziel näher gekommen sind. Schon unsere Eltern, Groß- und Urgroßeltern waren solche Briefe mit Gottes Botschaft. Da sollte Gottes Wille doch nun ganz umgesetzt sein – oder?
Wenn ich mich umsehe, dass wird schnell klar: Wir sind vom Paradies noch genauso weit entfernt wie die ersten Christen. Gut, viele der Maßnahmen, die die ersten Christen zum Schutz der Schwachen organisiert haben, sind heute Teil unserer Gesetzgebung. Sklaverei ist – bei uns – abgeschafft. Unser Staat, unsere Rechtsprechung sind von christlichen Grundsätzen geprägt. Krankenhäuser, Sozialversicherung, Rente gehören für uns so selbstverständlich zum Alltag, dass kaum noch jemand darüber nachdenkt, dass diese Einrichtungen aus der Mildtätigkeit der Klöster und Kirchengemeinden hervorgegangen sind.
Gib acht wie du lebst, du bist vielleicht die einzige Bibel – das ist ein hoher Anspruch. Gerne möchte ich mit der gleichen Selbstverständlichkeit die Rechte des Schwächsten in nah und fern im Blick behalten, wie Jesus das vorgelebt hat. Möchte mein Leben so gestalten, dass Menschenrechte weltweit geschützt werden. Das Tiere nicht gequält werden, dass die ganze Schöpfung bewahrt werden kann. Je mehr ich mich bemühe, desto verzweifelter erscheint die Aufgabe. Schon in Wunstorf gelingt es kaum, allen zu ihrem Recht zu verhelfen. Tagestreff und Tafel sind da gute und wichtige Anlaufstellen. Auch die verschiedenen Beratungsstellen des Diakonischen Werkes stehen uns als Kirche gut zu Gesicht. Aber gelingt es mir Tag für Tag als Bild für Gottes Liebe erkennbar zu bleiben?
Es gelingt mir so wenig wie allen anderen. Besipielhaft sei in dieser Woche nach dem Reformationsfest an das Bestreben Martin Luthers erinnert. Auch in der geschützten Atmosphäre eines Klosters ist es ihm nicht gelungen, alle Gebote der Bibel zu erfüllen. Tag für Tag hat er die Grenzen seiner Kraft und seines Willens gespürt. Tag für Tag ist er ärgerlicher zur Beichte gegangen. Ungeduldig mit sich selber und zornig auf Gott, der so viel von ihm verlangt.
Ein weiteres Besipiel: Seit den Bränden in Kleiderfabriken in Bangladesh achte ich beim Kleidungskauf nicht mehr auf den Preis, sondern auf die Herkunft. So wie es mir für Tee und Kaffee selbstverständlich geworden ist, möchte ich auch beim Kauf von Hosen, T-Shirts und Hemden die Gewissheit haben, dass mein Kauf nicht die Ausbeuter unterstützt. Noch aber ist es schwer, Kleidung mit dem Transfair-Siegel zu finden. Ich habe solche bisher nur im Internet gefunden. Anprobieren oder modische Variation fällt da aus.
Liebe Gemeinde, der Anspruch: Ihr seid ein Brief Christi , ein Vorbild für die Welt – er wirkt erschlagend.
Wie immer lohnt es, nicht bei diesem ersten Bild stehen zu bleiben und den etwas verwirrenden Worten des Paulus genauer nachzuspüren.
„Nicht, dass wir tüchtig sind von uns selber“, so fährt er nämlich fort. Wir können und sollen Brief Christi sein, weil Gott uns dazu die Kraft gibt. Kern unseres Glaubens sind ja nicht die zehn Gebote, erst recht nicht die über 400 weiteren Gebote der Bibel. Kern des christlichen Glaubens ist die Gewissheit, dass Gott uns unsere Schuld vergibt. Dass er uns mit all unseren Fehlern annimmt.
Das müsste als Überschrift in dem Brief stehen, als den Christus uns in die Welt schickt.
In einer Zeit, in der die Überlastung am Arbeitsplatz immer tiefer und stärker auch in das Privatleben eindringt, wird das immer wichtiger:
Auch wenn ich scheitere, bin ich wertvoll. Auch mit meinen Grenzen bin ich bei Gott geliebt. Wenn ich mein Leben so gestalte, dass diese Botschaft erkennbar wird, dann bekommt unser Glaube wieder neue Strahlkraft. Ich kann mich der Masse der Aufgaben stellen, weil ich mich in meinen Grenzen angenommen weiß.
In einer Zeit, in der immer mehr Erwachsene und schon Jugendliche ihre Aufgaben auf Smartphone und Tablet-PC sogar mit in den Urlaub oder ins Bett nehmen, tut es gut, wenn wir davon erzählen, dass Gott sich nach sechs Schöpfungstagen ausgeruht hat.
Da tut es gut, davon zu erzählen, dass Jesus sich am Höhepunkt seiner Tätigkeit mit den Jüngern zum Feiern zurück gezogen hat. Eine Erinnerung, die wir bis heute im Abendmahl fest halten.
In einer Zeit, in der die Technik Menschen neu zu Sklaven macht, ist es gut, wenn wir Zeugnis ablegen, dass 24/7 kein geeignetes Arbeitszeitmodell ist. 24 Stunden an 7 Wochentagen auch nur in Bereitschaft zu stehen ist unmenschlich. Wer das von seinen Mitarbeitern erwartet, nimmt in Kauf, dass diese nach wenigen Jahren ausgebrannt sind und gar nichts mehr leisten können. Noch schlimmer wirkt die innere Selbstausbeutung: Wenn ich von mir selber erwarte, auch noch die letzte Lücke im Tagesplan mit Arbeit ausfüllen zu müssen, werde ich bald meine Energie verausgaben. Ich kann nur so viel geben, wie ich auch wieder auffüllen kann.
Gott spricht: Am siebten Tag sollst du ruhn.
Ihr seid ein Brief Christi! Das macht Mut, Auszeiten zu nehmen. Das Handy abzuschalten. E-Mails erst am nächsten Tag zu lesen. Es gibt so viel in dieser Welt zu tun, dass es auch mit 24/7 nicht zu bewältigen ist. Darum ist es gut, bei allem Einsatz auch die Entspannung zum Teil des Lebens zu machen. Einen Tag in der Woche, an dem das Smartphone ausgeschaltet bleibt. Der Haushalt auf das Nötigste beschränkt wird und einfach nur Zeit füreinander oder auch für die persönliche Entspannung bleibt.
Gebt acht, wie ihr lebt: Ihr seid wahrscheinlich die einzige Bibel, die viele eurer Nachbarn und Freunde lesen. Lasst sie erfahren, dass Gott der Gott des Lebens und der Liebe ist. Amen.

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