Barmherzig und gnädig, aber nicht naiv und doof!

Liebe Schwestern und Brüder!

Vielleicht erinnern Sie sich noch:
Nachdem Gott dem Mose die beiden Tafeln mit den 10 Geboten auf dem Berg Sinai gegeben hatte, fing das Volk Israel zwischenzeitlich an , weil Mose so lange weg geblieben, weil es undankbar und „wendehälsisch“ war, ein goldenes Kalb zubauen. Diese Statue eines goldenen Stierbildes beteten die Israeliten an und sie tanzten um das Goldene Kalb. Nachdem sie den Tanz um das goldene Kalb beendet hatten, und weil Mose Fürbitte für die Abtrünnigen hielt, zerbrach Mose die beiden Steintafeln mit den 10 Geboten und zerstörte vor Zorn das Goldene Kalb. Auch das Volk wurde von Mose und durch Gott bestraft. Nach der Demütigung und Bestrafung wollten sie wieder dem Gott Jahwe nachfolgen, der sie doch so bravorös aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt hatte. Gott befahl Mose nun zwei neue Steintafeln mit den 10 Geboten anzufertigen, um seinen Bund neu mit den Israeliten zu bekräftigen. Hiervon erzählt der heutige Predigttext, der im 2. Buch Mose, im 34. Kapitel, in den Versen 4- 10 steht.

Text verlesen!

Barmherzig und gnädig ist Gott, geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber -und jetzt kommt’s- ungestraft lässt niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.

Dass Gott, der liebe Gott ist, das lernen wir seit frühster Kindheit! Gott ist gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Treue. So ist uns Gott recht. Lieb, nett und väterlich, großherzig und verzeihend. Wer hat schon etwas gegen solch einen Gott: immer lieb und dem eigenen Willen und Wunsch dienstbar. Und in manchen frommen Kreisen wird der allseits liebe Jesus schon fast zur Floskel. Jesus liebt mich und dich, Jesus liebt uns alle! Gnade, Barmherzigkeit und Treue sind Eigenschaften Gottes, mit denen es sich gut leben lässt. Es könnte ja so einfach sein. Gott ist lieb und nett und ich kann machen, was ich will, denn Gott verzeiht mir ja immer und überall.
Wenn dieser Gott nicht so anstrengend und auch streng sein könnte. Seine Strenge, seinen Zorn, sein Gericht, von dem hier im Text die Rede ist, die mögen wir Menschen nicht. Denn dann müssen wir uns ja für unser Tun oder Unterlassen verantworten. Und wer macht das schon gerne? Der richtende und zürnende Gott ist nicht unser Freund und dennoch hoffen wir auf seine Barmherzigkeit und Gnade. Und nach menschlichem Ermessen fällt es einem auch schwer, warum dieser Gott z.B. einem Kinderschänder und Mörder gnädig sein sollte. Ob es für solche Verbrechen vor Gottes Angesicht Gnade gibt, weiß ich nicht. Und doch ist es möglich, dass Gott vielleicht Gnade walten lässt, wo wir an lange Gefängnisstrafen oder Hinrichtung denken.
Es ist schon ein Kreuz mit Gott, nie macht er, was wir wollen. Weder im Guten noch im Bösen. Denn zu Gottes Allmacht gehört es eben auch, dass er eben Dinge tut, die uns unbegreiflich erscheinen. Im Glaubensbekenntnis bekennen wir uns zu seiner Allmacht und zu seinem Gericht
(„zu richten die Lebenden und die Toten").
Gottes Allmacht beinhaltet immer auch, dass er sein Gericht an uns vollziehen kann. Und das Christentum ist nicht nur eine Friede, Freude und Eierkuchen- Religion, die jedem seine Wünsche erfüllt. Auch der Gedanke des Zornes und Gerichtes ist ein Bestandteil unseres Glaubens. Und ein jeder und eine jede von uns muss sich vor Gott für seine Taten verantworten. Glauben zum Nulltarif, Glauben ohne Taten, Glauben ohne Werke der Nächstenliebe gibt es nicht. Das Gericht, die dunkle Seite Gottes bleibt uns nicht erspart. Unsere Hoffnung kann nur sein, dass uns Jesus Christus im Gericht vor Gott freispricht bzw. vergibt.
Denn die ungeheure Zusage, die Gott dem Volk Israel machte, den Bund, den er mit den Israeliten Schloss, diese Zusage und dieser Bund gelten auch für uns Christen, denn wir leben in der Nachfolge der Israeliten. Gottes Treue, Gnade und Barmherzigkeit gelten auch für uns.
Gottes Verheißung ist:
Wunderbar wird sein, was ich dir tun werde!
Man beachte die Wortwahl. Hier steht nicht lieb, nett oder schön, sondern wunderbar. Im Wort wunderbar steckt das Hauptwort "Wunder". Gott vollbringt an uns Menschen ein Wunder. Und im Glauben und durch den Glauben kann ich tagtäglich verspüren, was Gott für Wunder für mich tut. Kleine und große Wunder, Wunder, die ich erst im Nachhinein als solche erkenne, denn Gott schenkt mir jeden Tag neue kleine Wunder. Und das größte Wunder, das wir Menschen von Gott empfangen ist das Wunder der Liebe. In der Liebe der Menschen zueinander, in der Liebe von Mann und Frau, an der Liebe innerhalb einer Familie, kann ich jeden Tag aufs neue Gottes Gnade und Barmherzigkeit für uns Menschen erkennen.
Vielleicht ist das manchem zu banal oder alltäglich. Andere halten es auch für selbstverständlich. Aber ist es nicht ein Wunder Gottes, dass wir täglich neu wach werden, von Gott behütet werden, friedlich aufwachsen und altern können? Das sind alles Selbstverständlichkeiten, die wir von Gott empfangen. Erst bei einem Mangel oder einer Krankheit, bei Tod oder Trennung wird uns dieses täglich gewährte Wunder bewusst. Und zwar im negativen Sinne. Gott und seine Güte und Treue sind plötzlich nicht mehr da. Das Wunder der göttlichen Fürsorge und Liebe scheint weg zu sein. In diesen Momenten werden wir Menschen nachdenklich und kritisch. Zweifel stellen sich ein. Wenn es einen Gott gibt, wo ist er denn? Warum tut Gott ausgerechnet mir das an? Warum muss ich oder mein Partner so schrecklich leiden? Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und so weiter und so fort.
Auch hier stehen wir wieder vor einem Rätsel Gottes.
Dazu will ich ihnen einmal folgendes Gebet von Dietrich Bonhoeffer vorlesen. Es heißt "Große Not".

Herr Gott,
großes Elend ist über mich gekommen.
Meine Sorgen wollen mich erdrücken.
Ich weiß nicht ein noch aus.
Gott, sei mir gnädig und hilf.
Gib Kraft zu tragen, was du schickst.
Lass die Furcht nicht über mich herrschen,
sorge väterlich für die Meinen,
für Frau und Kinder.

Barmherziger Gott,
vergib mir alles, was ich an dir
und den Menschen gesündigt habe.
Ich traue deiner Gnade
und gebe mein Leben ganz in deine Hand.
Mach du mit mir, wie es dir gefällt
und wie es gut für mich ist.
Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei dir,
und du bist bei mir, mein Gott.
Herr, ich warte auf dein Heil
und auf dein Reich.

Liebe Schwestern und Brüder, das ist eine moderne Umschreibung des Bundes, den Gott mit uns Menschen eingegangen ist. Darin steckt die Bitte, dass Gott mit jedem einzelnen von uns gnädig und barmherzig umgeht. Darin steckt auch der Wunsch, dass Gott fürsorglich mit uns Menschen umgeht. Und Gott wir gebeten, dass er uns unsere Fehler und Sünden vergibt, weil wir auf Gottes Gnade vertrauen können.
Auf diese Verheißung und Zusage, auf diesen ewigen Bund Gottes mit uns Menschen können wir vertrauen und bauen.
Das hat Gott den Israeliten am Berg Sinai versprochen, Jesus Christus hat es seinen Jüngern und somit auch uns versprochen. Gottes Gnade und Barmherzigkeit, seine Liebe und Güte und seine Treue sind keine leere Floskeln, sondern gewaltige Verheißungen und Zusagen in einer Zeit, die immer unübersichtlicher und chaotischer zu werden scheint.
Wir alle leben von dieser Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Wir alle leben davon, dass uns Gott vergibt. Und unsere Aufgabe besteht darin, von dieser Gnade und Vergebung weiter zu erzählen. Und vor allem von dieser Vergebung auch weiter zu geben. Jeder Mensch lebt von und aus der Vergebung, die Gott ihm gewährt. Und es nichts schlimmer im Leben als für Fehler und Sünden keine Vergebung zu erfahren. Das Gewissen drückt schwer. Zentnerlasten liegen auf der Seele, die einen erdrücken zu scheinen. Deswegen gehört es auch zu unseren christlichen Pflichten zu vergeben. "Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unserer Schuldiger" beten wir im Vaterunser.
So wie uns Gott vergibt, so sollen auch wir vergeben können, denn Gottes Gnade und Vergebung ist jeden Tag neu. Wir müssen uns nur hin und wieder an dieses Wunder erinnern.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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