Der alte und neue Bund sind eins

Dass es Zoff gibt zwischen Paulus und den christlichen Gemeinden ist wenig überraschend. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen. Und die wurden oft nicht zimperlich geführt. Vielleicht auch, weil es um den Glauben ging, um die lebenswichtige Frage: Wie lebe ich im praktischen Alltag das, was ich gehört habe, was ich glaube und wovon ich überzeugt bin? Was hat die Taufe, mit meinem Alltag zu tun?

Paulus begegnet in unserem Abschnitt indirekten Vorwürfen. Er schreibt an die Gemeinde in Korinth. Dort sind Prediger aufgetreten, die etwas Anderes verkünden als er. Und die seine Legitimation, seine Berechtigung überhaupt das Evangelium zu predigen in Zweifel ziehen. ‚Wer ist denn dieser Paulus?‘ So fragen sie, ‚was hat der überhaupt für ein Recht – bei seiner Geschichte?‘

Paulus begegnet, indem er den Menschen schreibt, die ihm scheinbar verunsichert davon erzählt haben und beginnt mit einem Bild:

[TEXT]

Was für ein Bild: Weil es Gemeinde gibt, weil Menschen miteinander leben, Danken und Beten und das Mahl feiern, ist belegt, dass Paulus den Herrn verkündet. Die Gemeinde selber ist Brief und Siegel darauf, dass Paulus das Evangelium verkündet.

Das ist erst einmal eine Auszeichnung für die Gemeinde: Ihr seid der Beleg dafür, dass ich wirklich das Evangelium verkündige.

Und das ist eine Herausforderung: Lebt Euren Glauben wirklich so, dass er von Christus erzählt. Und diese Herausforderung bleibt bis heute bestehen.

Damals waren christliche Gemeinden gut zu erkennen. Da waren Menschen, die kümmerten sich um die Witwen, um die Schwachen, da wurden Güter geteilt, damit keiner Not leiden musste. Es geht zu wie in einer guten Kommune. Keiner fiel durchs Raster. Jeder bekam, was er zum Leben brauchte. Natürlich gab es Streit aber wichtiger blieb die Liebe, blieb ein Lebensstil, der den Menschen half, das Miteinander zu leben.

Und diese frühen Gemeinden stellen mit Paulus die Anfrage an uns. Woran erkennt die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, dass es Christinnen und Christen gibt? Woran erkennen wir selber, dass wir ChristInnen sind?

Paulus erzählt aus der Geschichte des Glaubens. Das Volk Israel hatte ein klares Gesetz, repräsentiert durch die 10 Gebote. Sie konnte man zitieren, tat es auch immer gerne, weil sie zeigten, was der Wille Gottes war. Sie waren leicht zu lernen, waren aber auch sehr statisch, klare Sätze, die schon im Alten Testament ergänzt werden mussten durch tausende von kleinen Bestimmungen, die alles ganz genau regeln wollten. Für Paulus sieht Gottes Wille etwas anders aus – beweglicher. Es gibt keine klaren Gesetze mehr außer den zehn Geboten. Das Wesentliche findet nicht mehr in Rechtssätzen statt, sondern in meinem Gewissen, vor dem ich mich rechtfertigen muss, was ich denke und tu. Ich muss mich verantworten, wenn mir die Opfer von Ebola oder Isis egal sind. Ich muss mich verantworten für meinen Lebensstil und dafür, wie mit Menschen oder mit der Wahrheit umgehe. Ich muss mich genauso dafür verantworten wie ich umgehe mit den Menschen, die ein Problem haben und denen, die Not leiden, ich muss mich dafür verantworten wie ich umgehe mit Minderheiten und Randgruppen. Nur ich muss mich nicht verantworten vor irgendeinem Gericht oder unbarmherzigen Mitmenschen. Das ist der entscheidende Unterschied. Nicht der Willen Gottes hat sich geändert. Aber er hat das Urteil in unser Gewissen verlagert. Wir selber wissen doch ganz genau, was gut oder böse ist, selbst wenn ein Gesetz das gar nicht so genau definieren kann. Wir haben dieses Bewusstsein im Herzen und in der Seele.

Der alte und der neue Bund sind eins. Der Unterschied nur: Der alte Bund war aufgeschrieben auf Tafeln, der neue Bund ist eingeschrieben in unser Bewusstsein, dirigiert unser Gewissen.

Umso bedrängender wird natürlich dann auch die Frage: Was mache ich mit meinem Gewissen. Wie lange bin ich bereit alles, sogenannten Sachzwängen, die oft nur mit meiner Denkfaulheit zu tun haben, unterzuordnen – oder wie oft lasse ich mich von meinem Gewissen antreiben Dinge zu tun oder nicht zu tun ohne nach meinem Vorteil zu fragen.

Nur am Rande: Wenn im Straßenverkehr ein Blitzer aufgestellt wird, heißt es oft Abzocke, obwohl mit diesem Gerät ja nur die erwischt werden, die objektiv Gesetze missachten. Ist mein Gewissen auch ein Abzocker, wenn es darauf achtet, dass ich mich daran orientiere, was richtig ist – oder zocke ich mein Gewissen ab, wenn ich nur noch meinen Vorteil sehe und ergreife.

Micha 6,8: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott

Es geht um Ordnungen in denen wir leben dürfen, die uns Leben ermöglichen und die allen Menschen Leben ermöglichen. Ordnungen, die Gott gewollt und gemeint hat, als er die Welt erschaffen hat.

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