Der Tisch des Lebens

Liebe Schwestern und Brüder!
Heute feiern wir das jährliche Erntedankfest.
Das kann man schon rein äußerlich in unserer Kirche erkennen. Der Altar, Altarraum und die Bänke sind geschmückt mit Obst und Gemüse, mit Getreide und Brot, mit dem, was Gottes Natur im Laufe des Jahres hervorbringt. Hinter diesen Früchten des Feldes und segensreichen und sättigenden Gaben der Natur steckt viel Hege und Pflege, Arbeit und Zeit. Und in dieser herbstlichen Zeit kann man sehen und beobachten, was unsere Felder und Gärten so alles hervorgebracht haben. Die Dekoration und Aufstellung auf, vor und um den Altar, also um den Tisch des Herrn soll uns Christen daran erinnern, dass Gott diese Früchte hat wachsen lassen, dass er dafür seinen Segen, Sonne, Wind und Regen gab. Wir danken Gott und loben Gott für seine unaussprechlichen Gaben, seinen Erntesegen und loben seine ganze Schöpfung.
Das ist der eine zentrale Gedanke, nämlich die tief empfundene Dankbarkeit beim heutigen Erntedank für die große Fülle an Obst, Gemüse, Nahrungsmittel, die aus unseren Gärten, aber auch vom Anbau des Getreides und Gemüses von den Äckern und Feldern unserer Bauern kommen.
Christen empfinden Dankbarkeit für diese großen Gaben Gottes.
„Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!“, singen wir mit dem Matthias Claudius Klassiker „Wir pflügen und wir streuen“ (EG 508,1-4).

Doch der andere, nicht weniger wichtige Gedanke kreist etwas intensiver um den Tisch des Lebens. Das ist meiner Meinung nach der Tisch, an dem wir unser Leben lang sitzen, essen, danken, weinen uns freuen, miteinander als Familie lachen und feiern, glücklich sind, in mehreren Generationen zusammenkommen. An diesem Tisch werden wir groß, wachsen und gedeihen, wir werden reif und erwachsen, und wir werden auch lebenssatt und alt an diesem Tisch. Wir alle haben solch einen besonderen Tisch des Lebens. Ob rund, quadratisch, oval oder rechteckig, ob mit Stühlen und Eckbank, ob aus Fichte, Buche oder Eiche, oder aus Glas und Metall, mit den betenden Händen von Dürer an der Wand und der Bitte um das tägliche Brot über dem Tisch, oder gar mit Kreuz und Kruzifix als Herrgottswinkel wie bei frommen Katholiken in Süddeutschland. Ich sitze gerne dort. Da ist es warm und gemütlich, auch ruhig und vieles passiert ohne Hektik. Eben tiefe Geborgenheit ereignet sich dort und das tiefe Vertrauen in Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Alle saßen und sitzen wir an ihm, an diesem besonderen Tisch des Lebens. Am Anfang der eigenen Familiengeschichte beginnt es allein, dann zu zweit als Paar und dann zu dritt oder viert und noch mit vielen mehr. Oder schon von Anfang an als große Familie mit mehreren Generationen. Wir lachen und freuen uns am Tisch, sind glücklich, aber auch traurig, einsam oder verzweifelt. Das Essen am und auf dem Tisch schmeckt gut und stärkt und manchmal ist es auch vielleicht karg und fad gewesen. Alles Wichtige wird am Tisch des Lebens besprochen, debattiert, gestritten, alles passiert am Tisch des Lebens, an dem wir viel Zeit verbringen morgens, mittags und abends. Ein großer Teil unseres Lebens geschieht hier.
Auch ich als Pfarrer darf häufig an Küchen- oder Esszimmer-Tischen sitzen. Beim Tauf- oder Trauergespräch, beim Geburtstag oder bei der Seelsorge, sitze ich mit am Tisch des Lebens.
Als Kind machte ich meine Hausaufgaben am Küchentisch und später im Studium saßen wir in der Studenten-WG am Tisch und debattierten, stritten, aber feierten auch.
An unserem Küchen-und Esszimmertisch, den ich von meiner Mutter geschenkt bekam, sitzen meine Frau und ich schon seit fast 18 Jahren miteinander. Unsere Freunde, mein Patensohn und Freundin, meine Verwandten, alle sitzen am Tisch, wenn wir feiern, miteinander essen und trinken an Feiertagen und bei Geburtstagen. Bei ihnen wir es ähnlich sein. Es ist schön an diesem Tisch des Lebens, denn dieses eine irdische Leben, was wir haben ist viel häufiger schön als es schwer und ungerecht ist, was es ja bisweilen auch ist.
Dieser besondere und einmalige Tisch, den wir alle besitzen und an dem auch die Menschen und Personen wechseln, ist der Tisch unseres Lebens. Wir alle besitzen einen und sitzen an ihm. Vom Säuglingsalter bis zu unserem Tod begleitet uns dieser besondere Tisch.
Wir feiern und erleben dort die Fülle des Lebens, besprechen dort ernste Angelegenheiten, beten, weinen, lachen, zittern und zagen oder mäkeln über das Essen oder loben das gute Essen, was auf eben diesen Tisch täglich kommt.

Und wenn wir religiös sind, uns als Christen verstehen, und uns der Glaube an Gott, den Schöpfer und an Jesus Christus, den Erlöser und Retter und die Kraft des Heiligen Geistes geistliche Nahrung und Lebenskraft sind, dann werden und sind wir dankbar für die Fülle des Lebens, die Gott uns schenkt. Und geben hoffentlich auch davon ab.

Und wenn man dieses eine Leben an diesem religiösem Tisch des Lebens verbringt, wenn man an diesem Tisch des Glaubens Jesus Christus als das Brot des Leben aufnimmt; denn:
Jesus spricht zu uns: Ich bin das Brot des Lebens: Wer zu mir kommt, wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr dürsten.
Johannes 6,35
Dann geschieht dort etwas Wunderbares: Jesus selber lenkt den Blick auf das, was wirklich zählt, das Fundament, auf dem alles steht oder die Saat, die im Leben aufgeht und Früchte und Segen bringt.
Jesus Christus selber, der Sohn Gottes, bezeichnet sich als dieses Brot am Tisch des Lebens. Ja, aber – wie soll man ihn denn essen können? Nun, zu ihm kommen und an ihn glauben, wie er auffordert, bedeutet, ihn so aufzunehmen, wie man ein Stück Brot in sich aufnimmt und Nahrung des Lebens zu sich nimmt, dass es ein Teil des eigenen Körpers und Wesens wird. So sehr will sich der Sohn Gottes mit uns eins machen, dass er und wir eine Einheit werden. Das bedeutet echter Glaube! am Tisch des Lebens.
Glaube, der satt macht und den Hunger und Durst des Lebens stillt. Und der befreit vom Wahn des Lebens. Auch am Tisch des Lebens
Dann wird der Hunger und Durst gestillt, den jeder von uns kennt und der nicht mit Brot und nicht mit Schlemmerei, mit keinem Erfrischungsgetränk, auch nicht mit Alkohol, Sucht, Drogen oder Kontrollzwang gestillt werden kann.
Es sind dies der Hunger und der Durst der Seele nach einem erfüllten Leben, nach Frieden im Herzen, nach Ruhe und Geborgenheit, nach Sicherheit über den Tod hinaus. Und diesen Hunger kann man bei allem, was es in dieser Welt gibt, nicht stillen, nicht mit Reichtum, Karriere, Vergnügungen oder Rausch. Dieses elementare Verlangen kann nur im Glauben an und durch Jesus Christus gestillt werden.

Und man kann es sich auch gegenseitig -im wörtlichen und im übertragenen Sinn- immer wieder reichen: das Brot des Lebens, das den inneren Hunger der Seele und den Durst nach Leben stillt. Das alles geschieht am Tisch des Lebens, an ihrem und meinem. In Liebe, mit Dankbarkeit und einem Gebet als Halt, Wegmarke und Orientierung für die Freude und den Schutz der Partnerschaft. Mit gemeinsamer Verantwortung für die Aufgabe, die sie als junge Menschen miteinander und füreinander übernahmen. Man nennt das Liebe. Liebe, die ein Leben lang hält, zumindest bei Kindern und Eltern. Mit dem Brot des Lebens am Tisch des Lebens täglich empfangen.
Gottes Liebe für uns Menschen, gereicht als Brot des Lebens von Generation zu Generation, von Familienmitglied zu Familienmitglied, von Mutter zu Tochter oder Sohn, vom Vater empfangen aus den Händen der Großeltern.
Dieses auch im Vaterunser erbetene „tägliche Brot“ sättigt über den elementaren Hunger hinaus und lehrt dankbar zu sein für die Fülle und Großzügigkeit Gottes und seines Segen für und an uns Menschen.
Und das ist der Erntedank für den wir heute danken und auch den Rest des Jahres am Tisch des eignen Lebens.
Amen

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