Ein Traum von Eden

Es sollten die schönsten Tage des Jahres werden und das hatten sie sich auch verdient. Viele Monate Arbeit mit einem Pensum von weit über 8 Stunden am Tag oder 39,5 Stunden die Woche lagen hinter ihnen. Über Überstunden wurde nicht geredet, sie wurden erwartet und sie wurden erbracht. Denn der Erfolg war nicht nur überlebenswichtig für die Firma und damit für sie alle, er galt auch als gemeinsamer Erfolg, der gemeinsam gefeiert wurde. Und sie wollten sich jetzt zwei Wochen im Paradies gönnen. Wie oft hatten sie im Katalog geblättert und beim Blick in den Preisteil gesagt, dass es jetzt darauf nicht ankäme, dieses eine Mal wollten sie sich etwas leisten, koste es eben, was es kostet und wert war.
Palmen, Strände, grünende Berge, üppige Vegetation, türkisblaues Meer, strahlend junge und schöne Menschen lächelten ihnen aus den Seiten des Katalogs entgegen. Sorgenfreies Leben in den Augenblick hinein, verwöhnt werden wie Könige, Herz und Sinne berauschen lassen von einer Schönheit, die wie hingemalt oder extra für sie erschaffen da lag: all das wurde ihnen verheißen. Und als sie in den Flieger stiegen, fühlten sie förmlich die Freiheit, die über den Wolken grenzenlos ist, und einen Augenblick sorgen- und angstfrei das Leben von seiner schönsten Seite zeigt. Man könnte fast neidisch werden!
Aber ihre Eltern lächelten darüber und dachten: sollen sie mal, die jungen Leute… Sie werden auch noch merken, dass sie es doch eigentlich auch im Alltag paradiesisch schön haben und dort leben, wo andere wiederum ihr Paradies suchen. Sie liebten die sanft geschwungene Landschaft ihrer Heimat, die Wälder, blühenden Felder, die klaren, einsamen Seen und den Wechsel der Jahreszeiten, die immer eine Überraschung boten, wenn man denn Augen hatte, zu sehen. Sie liebten den Geruch des Bodens im Garten, freuten sich über jede Saat, die aufging und jede Blume, die blühte, beobachten das Spiel der Insekten am Morgen und am Abend, das Spiel des Lichtes am Himmel, die Wolkenbilder, getrieben vom Wind, und die Abendstille, die sie unter ihrem Baum im Garten verbrachten. Das war ihr gemeinsames Paradies seit vielen Jahren. Sie hatten es sich erschaffen und es war ihnen geschenkt worden. Sie haben bis heute viel Arbeit investiert, viel Entspannung und Freude dabei erfahren, zu pflanzen, zu säen, zu streuen, Wachsen und Gedeihen beobachten zu können – und wussten doch, dass es ohne die Wärme der Sonne und den befeuchtenden Regen nicht ginge. Arbeit und Segen gehören ganz eng zusammen.
So mussten sich die Reisenden ins Paradies die schönsten Wochen des Jahres erst buchstäblich verdienen und auch die zuhause gebliebenen Alten konnten nur ernten, was erarbeitet und geschenkt war.
Weil sie das spürten, erlebten und zuließen, dieses Gefühl, nicht alles in der Hand zu haben und doch daran beteiligt zu sein, deshalb waren sie glücklich, dankbar und zufrieden, was das Leben und der Schöpfer und Geber allen Lebens ihnen auch angesichts der Mühe und Arbeit alle geschenkt hat. Und sie wussten, wie gefährdet ihr Glück war.
Die Herzattacke im letzten Jahr, der Beinahe-Unfall im Herbst auf laubnasser Straße und die bangen Tage des Wartens nach der Vorsorgeuntersuchung, ob der Befund wirklich negativ sei, hat ihnen die Zerbrechlichkeit des Lebens schmerzhaft und deutlich gezeigt.
Und sie kamen beide aus Landstrichen, die wegen des Kohleabbaus nicht mehr die Spuren des Paradieses ihrer Kindheit trugen, hatten stets Kontrastbilder zu ihrem Paradies vor Augen. Die schönste Zeit des Jahres war vielleicht gerade deshalb die Ernte und dann die Erntedankzeit. An der Natur kann man sich immer freuen, aber einmal im Jahr wird die Schöpfung, das Geschenk, das geborgte Paradies, die lebensfreundliche Heimstatt für alle Menschen aus der Hand des Lebensfreundes, aus der Hand Gottes, gefeiert. Sie liebten die Farbenpracht des Altarschmuckes, den Duft des reifen Obstes, das letzte Aufleuchten der Sommerfarben in den Herbstblühern und es erfüllte sie mit tiefer Zufriedenheit, dass all die Erntegaben hinterher Bedürftigen ein Fest, ein Festmahl in ihrem oft trüben Alltag bescherte. Wann sonst ist Gottesglaube und Gottvertrauen so sinnlich und so konkret auch füreinander. In diesen Stunden waren sie zerbrechlich und gefährdet, aber auch ganz geborgen und aufgehoben in Gottes Hand.
Wenn ich es richtig bedenke, dann haben sie mit ihren Leben Tag für Tag, mit ihrem Erleben, mit ihren Freuden und Sorgen, mit den Mühen und Strapazen des Alltags und den Festen des Lebens nichts anders getan als die Geschichte vom Anfang, die wir aus der Bibel gehört haben, weiterzuerzählen. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit Nachdruck angesichts der Bedrohung, die eigene Zukunft immer aufs Spiel zu setzen. Nicht, weil Gott sie uns nicht gönnen würde und schenken wollte, sondern, weil wir so gedankenlos und selbstverständlich egoistisch mit dem anvertrauten Gut, dem Vorgeschmack auf Zukunft für Generationen nach uns umgehen.
Die Bilder für den Garten Eden sind eindrücklich, bunt und lebensfroh. Auch in einer Welt, die sich so schnell verändert wie unsere sind sie Ausdruck für alles Schöne, das das Leben ausmacht.
Und wir sind mittendrin. Manchmal reich und satt, dennoch oft unzufrieden und unruhig.
Wir sind nicht allein, – möchten aber gerne allein bleiben, unser Paradies nicht mit anderen teilen, ahnen noch nicht, was es heißt, aus dem Paradies vertrieben zu sein und dennoch die Sehnsucht nach ihm immer im Herzen zu tragen. Zumindest wir erleben, wie es im Garten zugeht: „verlockend anzusehen und gut zu essen“
Es ist ein Wunder, wie viele Menschen mittlerweile dieses Wachsen und Gedeihen ernähren und am Leben halten kann, wie viele Menschen unter diesem Himmel Tag für Tag die Sonne aufgehen sehen. Aber wundern wir uns noch über dieses Privileg, Tag für Tag in relativem Frieden und in großem Wohlstand nicht ums Überleben kämpfen zu müssen? Überrascht es uns noch, die Qual der Wahl zu haben angesichts der Fülle von Nahrungs- und Lebensmitteln, der Vielfalt der Früchte der Felder und der Bäume und Wälder? Viele müssen um tägliche Brot bitten und kämpfen. Wir nicht!
Aber Gott hat den Menschen als solchen, alle gleichermaßen und nicht einige wenige privilegiert, für den Garten gedacht und geschaffen.
Und so ziehen Menschen seit Menschengedenken zum Leben und zum Überleben dorthin, wo dies möglich ist. Der Fruchtbarkeit, dem Regen, den tragenden Feldern entgegen. Das berühmteste Beispiel, weil ihm eine Geschichte zum Denkmal gesetzt wurde, ist vielleicht Joseph, dem das Leben übel mitgespielt, den Gott aber nie hat aus seiner Hand fallen lassen und der in der Fremde Ägyptens der aus der Not geflüchteten Familie, Vater und Brüdern und Angehörigen Überleben und Leben in der Fremde ermöglichen konnte, weil es dort reiche Ernte, gute Vorsorge und nachhaltiges Planen gab.
Das Elend für alle begann erst, als manche anfingen zu denken und zu sagen, dass das Boot doch eigentlich voll sei und für Fremde kein Platz mehr habe. Wenn das so ist, dann kann es niemanden mehr tragen!
Aber die Verheißung des Erntedankfestes ist doch gerade das Versprechen und der Gedanke Gottes, dass dieser Garten Welt Heimstatt für alle Menschen ist, dass wir alle göttlichen Atem in uns tragen und der liebevollen Phantasie Gottes entsprungen sind.
Das Schöne und Heile, Leuchtende und Paradiesische ist die eine Seite dieser Welt, von der wir ganz viel anvertraut bekommen haben und für die wir heute Dank sagen.
Die umtriebige Sehnsucht, die an den Toren des für viele verschlossenen Paradieses rüttelt, der Hunger, der nach Brot und Liebe gleichermaßen, nach Frieden und nach Zukunftsperspektiven aber insbesondere schreit, die Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen und in großer Not woanders hinwandern , sind die andere Seite dieser Welt, vor der wir die Augen nicht verschließen können. Sie gehört uns mit ihren hellen und schönen Seiten nicht allein und auch wir können schnell zu den Bedrohten oder Beraubten gehören.
Darum öffnet der Dank die Augen für die Schönheit und für die Bedrohung, und das Herz für die Freuden und für die Verletzungen, die Mitmenschen erlitten haben und erleiden.
Das Paradies ist nicht an sich Ort der Erholung, es will auch jenseits von Eden erarbeitet, gepflegt, bebaut und bewahrt werden. Dazu hat uns Gott geschaffen und mitten hinein gestellt

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