Nimm dich – nicht so – wichtig!

Liebe Gemeinde!
„All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“
Unser Wochenspruch für die neue Woche. Mich spricht dieses Wort unmittelbar an.
Wie schön wäre das, wenn man das könnte: Einfach die Sorgen in Gottes Hand legen. Voller Vertrauen, dass irgendwie alles gut wird. Seinen Gang geht. Manchmal, wenn ich nachts wachliege, weil mir wieder alle möglichen Aufgaben und Termine durch den Kopf schwirren und das Hirn rastlos ist und nicht zur Ruhe kommt – dann wünsche ich mir das so sehr und sage: „So, liebe Sorgen, jetzt reicht’s mal für den Moment. Ich werfe Euch auf Gott, da habt Ihr keine Schnitte.“
Meistens wälze ich mich dann doch noch eine weitere Stunde hin und her – aber manchmal gelingt es. Und dann überkommt mich Ruhe und Gelassenheit und die Sorgen haben ihre Macht verloren.
„Sorget nicht“ – Jesus stößt in unserem heutigen Evangeliumstext ins gleiche Horn. Sorget doch nicht um Euer Trinken, Essen, Anziehen. Gott sorgt für Euch.
Natürlich weiß Jesus, dass Menschen genug Grund zur Sorge haben – er spricht ja nicht als distanzierter und unbeteiligter Beobachter. Er spricht als Mensch. Er weiß es aus eigenem Erleben, wie das ist, wenn die Sorgen einen beherrschen. Da gibt es viele überflüssige Sorgen, kleine fast lächerliche Sorgen. Besonders wenn wir uns mit den Menschen vergleichen, die derzeit aus dem Irak in die Türkei flüchten, nur um ihr nacktes Leben zu retten und Mördern der IS-Miliz zu entkommen. Dagegen wird doch vieles, was uns bedrückt, doch sehr klein.
Aber anderes eben auch nicht: Wie geht es weiter mit mir, jetzt wo das Alter seinen Tribut fordert: werde ich weiterhin alleine zurechtkommen können? Die Kinder lassen sich scheiden. Das Enkelkind hat schon die zweite Ausbildung geschmissen – was soll nur aus dem Jungen werden?
Jesus sagt nicht, dass wir keinen Grund zur Sorge hätten. Er setzt etwas gegen die Sorge. Er malt uns ein Bild vor Augen: Seht die Vögel am Himmel – seht die Lilien auf dem Felde. Sie leben ihr Leben, ohne dass sie sich von Sorgen erdrücken lassen. Und das kenne ich: Wenn ich an einem stressigen Tag mir trotzdem die halbe Stunde Zeit nehme und um den Detmeroder Teich laufe, dann merke ich, wie sich die Wichtigkeiten wieder zurecht rücken. Wie alles an seinen richtigen Platz kommt. Ich kann sortieren, was wirklich notwendig und was nicht. Und ich spüre meinen Atem, meinen Körper, spüre dass ich lebe.
Und das ist wunderbar!
Jesus predigt uns nicht an, er malt ein Bild. Und das tut auch unser heutiger Predigttext. Er malt der ganzen Menschheit ein Bild vor Augen, das alles ein wenig zurechtrückt und uns auf das Wesentliche stößt.

Ich lese aus dem 1. Buch Mose:
Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen … Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.

Ein Bild vom Anfang der Welt. Ein Urbild, das jedem Menschen auf die ein oder andere Art ins Herz gepflanzt ist. Nicht wir stehen am Anfang unserer Welt, Gott macht den Anfang. Mit Wasser und Land, Pflanzen und Erde, mit Tier und Mensch. Leben aus Gott.

Zwei Dinge lerne ich aus dieser Ur-Geschichte des Glaubens.
Das Erste: Nehmen wir uns nicht so wichtig!
Du Mensch – Adam bedeutet wörtlich übersetzt Erdling – bist erst einmal nichts aus dir selbst. Du bist ein Klumpen Erde. Teil dieser Welt, nicht Herr über sie. Wir können die Erde nicht beherrschen, ausbeuten und zerstören, ohne uns selbst auszubeuten und letztendlich auch zu zerstören. Die vielen Kinder, die derzeit in Wolfsburg geboren werden, die werden es selbst noch erleben müssen, wie unser jetziger Lebenswandel die Lebensmöglichkeiten für viele Menschen zerstört. Auf dem UN-Klimagipfel wurde darum gerungen, dass wenigsten das Minimalziel erreicht wird. Eine Begrenzung der Erderwärmung auf weitere zwei Grad und nicht mehr.
Klar, jeder findet das richtig und wichtig. Aber wenn es um das Konkrete geht, dann finden sich genug Ausreden:
Sollen doch erstmal die Chinesen, die Russen, die Amerikaner… Und Wirtschaftsminister Gabriel kommt nach Wolfsburg, um noch einmal zu unterstreichen: Klimaschutz ist schön und gut, aber zu Lasten der Autoindustrie und des deutschen Autofahrers soll das ganze doch bitte nicht gehen…
Unser Predigttext hält dagegen: Nehmt euch nicht so wichtig. Gott hat euch nicht zu Herren über seine Schöpfung gemacht, sondern zu einem Teil seiner Schöpfung. Ihr sollt sie bebauen und bewahren. Da müssen wir modernen Menschen noch viel viel lernen, besonders in den Industrieländern. Z.B die Menschen in den Blick nehmen, die schon jetzt unter den Folgen unseres Lebenswandels leiden – deren Lebensraum zu überfluten droht.
Gerade wir müssen es hören:
Nehmt euch selbst nicht so wichtig.

Und das Zweite, was ich unserer Urbildgeschichte lerne: Nehmen Euch wichtig!
Ja – das genaue Gegenteil.
Ein Paradies ist es, was uns in der Schöpfungsgeschichte vor Augen gemalt wird: feuchte Erde, Pflanzen, genug zu essen für alle. Und der Schöpfer aller Dinge? Er tritt auf wie ein Gärtner oder wie ein Handwerker. Er bückt sich, macht sich klein, nimmt eine Handvoll Erde, knetet sie in seiner Hand. Dieser Schöpfer macht sich die Hände dreckig – um den Menschen zu bilden aus der Erde. Vielleicht ist er sogar über¬rascht da¬rü¬ber, was ihm da Gu¬tes und Wohl¬ge-form¬tes ge¬lun¬gen ist. Und dann haucht Gott die¬sem Erd¬en-kloss sei¬nen le¬ben¬schaf¬fen¬den Atem ein. Und da wird das, was eben noch tot und kalt¬ war, zu ei¬nem le¬ben¬di¬gen be-seel¬ten We¬sen. So könn¬te man auch über¬set¬zen: Und so ward der Mensch eine le¬ben¬di¬ge See¬le (ne¬fesch heißt es da in der heb¬rä¬i¬schen Bi¬bel, See¬le).
Solange uns der Atem Gottes durchströmt leben wir. Und wenn wir eines Tages unseren letzten Atemzug tun, jeder von uns, dann wird er eingehen in den großen Lebensatem Gottes, so stelle ich es mir vor.
Und darum: So tragen wir einen guten Anfang und ein gutes Ziel in uns. Dieses Wissen nimmt nicht alle Sorgen. Und es entbindet erst recht nicht von verantwortlichem Handeln. Aber es bindet mein Leben ein in einen Zusammenhang der größer ist als ich. Weder mit Größenwahn, noch mit Kleinmut gehe ich durch das Leben, sondern als von Gott beseelter Mensch. Mit seinem Atem, der mich durchströmt, kann ich es beten:
Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Amen.

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