Hinter vorgehaltener Hand – oder: von Anstand und Moral…

Ich kann zu meiner Entschuldigung anführen, dass ich eher zufällig bei diesem Sender gelandet war. Tag für Tag versorgte dieses Magazin die interessierte, nein besser: die neugierige Öffentlichkeit mit dem vermeintlich neuesten Tratsch und Klatsch aus der Welt der Schönen, Bunten und Reichen und vermittelte so den Eindruck, dass dies alles neue und brisante Nachrichten sind, die dann dem Magazin auch einen ähnlich klingenden Namen geben.
Eine gefühlte viertel Stunde gingen Reporter nun also der Frage nach, ob ER, einer der berühmten Speiler aus der Weltmeisterelf eine neue Freundin hätte oder nicht. Und es wurden Kolleginnen, Freundinnen, geheimnisvolle Fotos und ähnliches vorgeführt, um am Ende festzustellen, dass wir nichts wissen, es aber endlich wissen wollen….
So wie z.B. die Nachricht, dass eines seiner mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen Vorbilder, auch ein Weltmeister früherer Jahre, nun wohl zum fünften heiraten wird und dabei seiner Vorliebe für junge Frauen aus Osteuropa treu bleibt. Wenigstens etwas blieb also konstant in seinem Leben. Früher erzählte man sich solche Geschichten auch schon, vielleicht etwas dezenter und hinter vorgehaltener Hand, und dafür mit etwas mehr moralischer Empörung, weil man ja eigentlich so etwas nicht tat. Aber die moralische Verwerflichkeit hatte natürlich auch da schon einen gewissen Reiz. Und hinter der gespielten Empörung verbarg sich natürlich auch ein wenig die Ersatzbefriedigung des Neides, wenn man ähnliches nicht zu tun wagte…
Ich kann mich nun nicht wirklich empören, weil ich beim Zappen ja auch in diesem Magazin hängen geblieben bin, so funktioniert habe, wie die Macher es sich wünschen. Und wer weiß, wie viele von den noch real existierenden Zeitungslesern zuerst die Rubrik Vermischtes aus aller Welt aufschlagen, vielleicht sogar noch vor dem Sportteil.
Die Neugierde ist wohl heute wohl größer als die moralische Empörung der vermeintlich anständigen Leute über das angeblich unsittliche Verhalten derjenigen, die nicht so wie alle sind.
Aber die Kontrolle, die Beobachtung, das Beurteilen und Kommentieren funktioniert auch im Kleinen und bei den Kleinen,nicht nur bei den Reichen und Schönen.
Bei der Witwe im dritten Stock, da gehen die Männer ja ein und aus, dabei hat sie noch ein kleines Kind…
In seinem Alter sich noch einmal zu verlieben und dann in eine Frau, die mit ihren 55 zwanzig Jahre jünger ist als er, das geht doch gar nicht. Man redet schon in der ganzen Nachbarschaft darüber.
Jetzt dachten wir, wir finden für unseren jungen Pfarrer schon eine passende Frau, aber er interessiert sich überhaupt nicht für unsere Töchter…. Ob das etwas zu bedeuten hat. Man erzählt sich ja so einiges…
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind wirklich rein zufällig.
Aber sie spüren vielleicht, dass ich empfindlich auf Moral reagiere, die im Gewand der Anständigkeit verkleidet daherkommt, aber eigentlich in ihrer Absicht unanständig ist, weil es um Überheblichkeit, Ausgrenzung und Abgrenzung geht, und nicht um Mitgefühl, Beistand und Unterstützung denjenigen gegenüber, die straucheln, sich verstricken und zu scheitern drohen oder einfach ein bisschen Aufmerksamkeit verdient haben. Empörung wird missbraucht, um das eigene, schwache ICH zulasten andere zu stärken.
Vielleicht erinnern sich manche noch an das Lied von Udo Jürgens über dieses ehrenwerte Haus, mit dem er die Doppelmoral der kleinbürgerlichen Spießigkeit in den siebziger Jahren entlarvte und manchem, für einen Schlagersänger ganz schön heftig, auf die Füße trat, auch wenn die besungenen Missstände heute niemanden mehr vom Hocker reißen. Moralvorstellungen wandeln sich eben. Aber sie verschwinden nicht. Und es ist spannend und erschreckend, was Verachtung und Empörung erntet – und was als Kavaliersdelikt durchgeht und Sympathien wecken kann.
Auch biblische Moralvorstellungen sind nicht zeitlos und unantastbar, weil sie eingebunden sind in ihre Zeit und ihre Weltsicht. Und das Zusammenleben der Menschen hat sich verändert und ist dabei nicht unbedingt leichter geworden. Die Welt, in der wir leben wandelt sich immer schneller und wir können immer weniger auf die Erfahrungen der älteren Generationen zurückgreifen, sonder müssen immer wieder ganz neu für uns Orientierung und Maßstäbe suchen, wie wir gut miteinander umgehen können, wie Leben gelingen kann ohne, dass es auf Kosten anderer passiert.
Deswegen ist es gut, sich immer wieder bewusst zu machen, durch welche Brille wir gerade auf etwas schauen, wie begrenzt unsere Perspektive ist, wie unterschiedlich die Sichtweisen sein können, ehe wir uns empören und verurteilen.
Wer sind wohl die Unordentlichen in Thessaloniki?
Ergebnisse einer stichprobenartigen Umfrage würden ergeben, dass es sich um Personen handeln muss, deren Lebenswandel als unsittlich oder unmoralisch gilt: ständig wechselnde Beziehungen, oberflächlich und lediglich dem eigenen Vergnügen, der eigenen Befriedigung verpflichtet, gnadenlos und rücksichtslos bei der Wahl der Mittel, ausschweifend mit dem eigenen Reichtum und ignorant Armen und Mittellosen gegenüber und dann würden sicherlich noch die dazu kommen, die anders sind und deswegen Verdacht erregen wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer religiösen Herkunft oder ihrem anderen Aussehen. Das sagt man dann aber nur hinter vorgehaltener Hand, dabei lässt man sich lieber nicht ertappen. Dabei sind wir schon längst von Gott ertappt, liebe Schwestern und Brüder, und kommen wohl nicht darum herum, auch hier die künstliche Empörung sein zu lassen und uns einzugestehen dass allem Anschein solche Verhaltensweisen tief ins uns angelegt sind. Ich werde sie nicht mit einer besseren, wertvolleren, Gott wohlgefälligeren moralischen Empörung verurteilen können.
Ich kann lediglich den anderen Blick einüben, den anderen Blick Tag für Tag wagen.
Es ist leicht, Gott dafür zu danken, nicht so zu sein wie die anderen. Es ist viel schwerer, gerade in ihnen Gott wahrzunehmen.
Biblische Moral, christliche Ethik, frommes Leben verurteilt nicht, grenzt nicht aus, überhebt sich nicht über andere, ist deshalb völlig ungeeignet für Kanzelreden mit erhobenem Zeigefinger und sichtlicher Erregung, sondern von Natur eigentlich demütig und bescheiden, weil es immer aus der Erfahrung eigener enger Grenzen und eigener Bedürftigkeit kommt.
Bin ich nicht zu aller erst darauf angewiesen, dass man mit mir barmherzig umgeht?
Bin ich denn wirklich auch nur einen Deut besser als die, über die man sich so schnell empört, auch wenn ich kein Mörder, kein Dieb, kein Lump, sondern einfach nur ICH mit meinen Schwächen und Macken bin?
Die nie versiegende Quelle, aus der wir alle schöpfen, die uns Leben erst möglich macht, die uns aufstehen und weitergehen lässt, die uns in jeder Phase unseres Lebens Schönheit schenkt und uns Augen, Ohren und Herzen füreinander öffnen kann, ist doch Gottes Aufmerksamkeit und Zuwendung, ist doch seine Liebe, die es jeden Tag neu Licht werden lässt und einen neuen Anfang und das Wagnis eines neuen Tages schenkt. Ich kann reich und schön, stark und mit großem Erfolg in meinem Leben zu Hause sein oder ich bin klein, schwach, gescheitert, ängstlich und engstirnig. Aber weil Gott mich so ansieht und mich gerade so und dennoch liebt, nur deshalb habe ich ein Ansehen in der Welt. Sein Blick ist auf uns gerichtet wie die Kameras in den Magazinen auf das Leben der Stars und Sternchen. Wer das erfahren hat, wer daran ganz neu und ganz anders Selbstvertrauen und Lebensfreude gelernt hat, dem ist es eine Selbstverständlichkeit, eine Herzensangelegenheit und fraglos klar, was Paulus gestochen scharf dann doch zeitlos und auch unantastbar ausspricht: Ermutigt die, denen es an Selbstvertrauen fehlt! Helft den Schwachen! Habt mit allen Geduld! Achtet darauf, dass keiner Böses mit Bösem vergilt. Bemüht euch vielmehr mit allen Kräften und bei jeder Gelegenheit, einander und auch allen anderen Menschen Gutes zu tun. Freut euch, was auch immer geschieht! Lasst euch durch nichts vom Gebet abbringen! Dankt Gott in jeder Lage! Das ist es, was er von euch will und was er euch durch Jesus Christus möglich gemacht hat. (NGÜ)

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