Erntedank in einer bedrohten Welt

Etwas vergessen geht manchmal gar nicht: Viele Menschen kleben diese kleinen gelben Zettel überall hin, um nichts zu vergessen oder programmieren ihre Smartphones: Wann ist welcher Müll dran, wann muss ich dies oder jenes erledigen usw.

Andere haben andere Tricks mit dem einen Ziel: Nichts Wesentliches vergessen. Tante Lieschens Geburtstag nicht und die neuen Sonderangebote auch nicht.

Dass es wesentliche Dinge gibt, die ich eigentlich nicht verpassen darf, daran erinnert ein kurzer Abschnitt aus dem Brief an die Hebräer.

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Wir feiern Erntedank in einer bedrohten Welt. In einer Welt voller Krieg, Terrorismus, Folter und Verbrechen. In einer Welt voller tückischer Krankheiten und unbarmherziger Naturkatastrophen. In einer Welt, in der es uns manchmal schwerfällt zu erkennen, ob es sich überhaupt lohnt irgendwo für Danke zu sagen.

Und trotzdem folgen Gemeinden seit zwei Jahrtausenden, in denen es all diese Verhältnisse auch immer schon gab, der Ermutigung des Hebräerbriefs. Zumindest im ersten Teil.

Darum gibt es nicht nur in jedem Jahr einen Erntedanktag. Darum gibt es in jedem Gottesdienst das Lob Gottes. Wir sagen Gott Dank und Anerkennung für seine wunderbare Schöpfung. Dieses Loben gehört in den Erntedank-Gottesdienst, aber es gehört auch in das alltägliche Leben. Darauf weist der zweite Teil unseres Predigttextes hin: Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Im Alltag fällt mir immer wieder auf, wie schwer sich Menschen damit tun, Danke zu sagen oder andere Menschen zu loben. Ich tue mich schwer damit.

Danke, das heißt doch immer auch: Zugeben, dass ich nicht aus mir alleine leben kann, zugeben, dass ich Menschen brauche, mit denen ich zusammen lebe und die mich verändern. Das ist manchmal schon eine hohe Hürde, wenn ich zugeben muss: Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die mir sagen, was sie denken, die mich kritisieren. Danke sagen, gerade weil sie mir mitteilen, dass ich nicht so toll bin, wie ich eigentlich gerne wäre. Ich glaube manchmal muss ich die Dankbarkeit doch noch lernen.

Auch darum feiern wir Erntedanktag. Dass wir Danke sagen für alle Rückmeldungen, die wir bekommen, auch für die unangenehmen. Dass wir auch Danke sagen für die vielen Hilfeleistungen. Da bringt mir jemand den Schlüssel hinterher, den ich leigengelassen habe, hebt mir den Zettel auf, den ich unbemerkt habe fallen lassen. Diesen Menschen Danke zu sagen ist auch Teil des Erntedanktages.

Wenn es mir manchmal schon schwer fällt Danke zu sagen, wenn Menschen mir Gutes tun, um wieviel schwerer fällt es mir, Gott Danke zu sagen. Aber den Mut brauche ich, Menschen und Gott Danke zu sagen. Nicht weil Gott darauf angewiesen wäre. Sondern weil ich darauf angewiesen bin. Ich werde erst dann wirklich Mensch, wenn ich erkenne, dass ich abhängig bin und wenn ich sehe wieviel Gutes mir geschieht.

Ich habe von der Krankheit Autismus gelesen. Das sind Menschen, die sind sich selber der Mittelpunkt und können auf andere Menschen nur hinunterblicken. Das ist eine Krankheit, eine Persönlichkeitsstörung. Zu dem gesunden Menschen gehört, dass er immer neu lernt sich einzuordnen, seine Chancen, seine Fähigkeiten zu begreifen – und dafür dankbar zu bleiben. Dass ich manche Dinge besonders gut kann, ist ja nicht ausschließlich mein Verdienst, es ist Begabung, also Gabe. Danke sagen zu können heißt eben auch: Ich bekenne, dass ich nicht perfekt bin.

Und Dankbarkeit heißt nicht einfach Danke zu sagen. Es heißt, dass ich meine Gaben, meine Begabungen trainiere, weiter entwickle, um sie zum Nutzen der Menschen und zu meinem Nutzen weiterhin anwenden zu können.

Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: Christsein besteht in zweierlei: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Und genau das will ich lernen, wenn ich Erntedank feiere.

Ich will beten und danken. Gott danken für seine Gaben, für die Früchte genauso wie für die Menschen. Ich will ihn bitten, dass das nie versiegt: Dass ich Nahrung habe und dass ich Menschen begegne, die für mich ein Segen sind.

Ein guter Landwirt wird sich vermutlich auch nicht damit begnügen, Gott Dank zu sagen. Er hat im Laufe der Jahre gelernt, dass eine gute Ernte nicht unbedingt nur sein Verdienst ist und dass eine schlechte Ernte nicht unbedingt nur seine Schuld ist. Vieles ist Geschenk, manches eigene Leistung. Und darum betet er und darum handelt er. Er kann Einiges tun für die gute Ernte und wenn er alles getan hat, kann er den Rest getrost in Gottes Hand legen.

Da sind wir wieder bei diesen kleinen gelben Zetteln vom Anfang und den vielen anderen kleinen Erinnerungsmechanismen. All diese Tricks mit dem Ziel, nichts Wesentliches zu vergessen. Ich brauche sie auch, um meinen Dank nicht zu vergessen. Diese böse Vergesslichkeit muss ich bekämpfen, die mir die Sinne vernebelt für das viele Gute, das mir Menschen tun und das Gott mir tut.

Das will ich lernen, nicht vergessen, Danke zu sagen – und Danke zu leben. Und das müssen wir als Gemeinde Jesus Christus gemeinsam lernen, Danke zu sagen und Danke zu leben. Es ist ja vielleicht leicht, sich anzutrainieren, mal eben Danke zu sagen, oder im Vorbeigehen zu murmeln. Aber wirklicher Dank ist mehr. Zu ihm gehört auch ein Tun Ich bin Mitmenschen dankbar, dass sie mir Fehler verzeihen, dass sie mir helfen, wenn ich sie brauche. Wenn ich diesen Dank ernst meine, könnte ich daran arbeiten, dass auch andere Menschen mir dankbar sein können, dass auch ich wichtig bin für Andere.

Und wenn ich meinen Dank gegenüber Gott ernst meine, dann könnte ich durchatmen und neu leben – im Vertrauen darauf, dass er bei mir ist und in mir ist, wenn ich Liebe übe, wenn ich Hoffnung lebe, wenn ich sein Evangelium ausbreite unter den Menschen.

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