„Prüft alles, und das Gute behaltet!“

Liebe Gemeinde,
Abschlussfeier in einer Schule. Der letzte Tag der Absolventen, ab morgen beginnt das richtige Leben, so denken sie. Sie müssen nicht mehr lernen, verdienen endlich eigenes Geld, sind nicht mehr von den Eltern abhängig. Oder zumindest sind sie ein Stück weit unabhängiger geworden. Sie stehen nun auf eigenen Füßen.
Abschlussfeier: Sie zieht sich hin. Bevor es endlich die Zeugnisse gibt, bevor sie die Schule hinter sich lassen können, werden noch ein paar Reden geschwungen. Langweilig, alle hören nur mit halben Ohr zu. Vom lebenslangen Lernen ist da die Rede, etwas, wovon die Absolventen gar nichts wissen wollen. Und dann fällt ein Satz, einfach und schlicht: „Prüft alles, und das Gute behaltet!“
Keinen der Anwesenden, die Eltern eingeschlossen, fällt auf, dass dieser Satz aus der Bibel stammt: „Prüft alles, und das Gute behaltet!“
Ja, kritisch sollen sie durchs Leben gehen, die Absolventen. Bisher haben die Eltern versucht, sie durch das Leben zu leiten, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Aber nun werden die Kinder selbständiger und müssen zunehmend selbst Entscheidungen treffen: „Prüft alles, und das Gute behaltet!“

Ich finde das eine gute Maxime. Es beinhaltet für mich, dass ich zunächst offen bin. Ich höre mir andere Meinungen an, ich entdecke neue Dinge, ich sehe mit offenen Augen in die Welt. Und lerne dadurch lebenslang. Doch nun muss ich unterscheiden, muss mir meine Meinung bilden. Nicht alles ist gut, was ich so erfahre. Und nicht alles ist gut, was ich schon in mir habe als feste Überzeugung oder klare Meinung trage. Immer wieder muss ich meine Gedanken und Geisteshaltungen infrage stellen, muss sie kontrollieren.

„Prüft alles, und das Gute behaltet!“ Der Apostel hat diesen Satz vor fast 2000 Jahren einer jungen Gemeinde in der Stadt Thessalonich geschrieben. Erst wenige Jahre vorher sind Menschen dieser Stadt vom Paulus und seinen Mitarbeitern zu Jesus Christus bekehrt worden. Ganz frisch ist also ihr Weg im Christentum, frisch wie die ersten Schritte der Schulabsolventen in das Leben nach der Schule. Und nun schreibt ihnen der Apostel diesen Satz: „Prüft alles, und das Gute behaltet!“
Alles, das beinhaltet selbstverständlich den Glauben. Und genau der ist ja Paulus und seiner Truppe wichtig. Wie die Thessalonicher sind wir ja auch Lernende im Glauben. Und wer lernt, muss prüfen. Es ist, wie wenn ich ein Haus baue. Ich muss prüfen, ob jeder Stein trägt oder ob er unter der Last möglicherweise zerbröselt. Ebenso verhält es sich mit dem Glauben. Auch hier soll und darf ich nicht alles unreflektiert übernehmen, was ich höre. Selbst das, was ich von Paulus höre oder was mir die Kirchenleitung schreibt, soll ich prüfen. Mein Maßstab soll Christus selbst sein. Und dann muss ich meinen Glauben aufbauen mit dem, was ich als gut befunden habe. Aber was ist gut? Was von dem, was ich geprüft habe, soll ich behalten?

Paulus gibt uns und den Thessalonichern dafür einige Schlagworte an die Hand. Er schreibt, dass wir :
die Unordentlichen zurechtweisen,
die Kleinmütigen trösten,
die Schwachen tragen und
geduldig gegen jedermann sein sollen.
Außerdem sollen wir Böses nur mit Guten vergelten.
Wenn ich Christus als Maßstab nehme, dann erkenne ich, dass diese Ratschläge alle direkt von ihm sein könnten. Jesus hat sehr deutliche Worte gefunden vor allen gegen Menschen, die in ihrem Glaubensleben keine oder eine falsche Ordnung führen. Er hat den Menschen, die am gesellschaftlichen und kirchlichen Rand stehen, geholfen und sie getröstet und ermutigt. Er hat niemanden verflucht, sondern ist auf jeden zugegangen und hat sich über jeden gefreut, der sich zu ihm, zu Gott bekehrt hat.

„Prüft alles, und das Gute behaltet!“ Schon in den letzten Jahren mussten die heutigen Schulabsolventen vieles prüfen. Manche Dinge mussten einfach gelernt werden, wie etwa dass zwei mal zwei vier ist oder wo Afrika liegt oder wie ein Weizenkorn entsteht. Anderes mussten sie sich zwar anhören, konnten aber schon damals auswählen: „Das ist mir wichtig und das nicht!“
Dazu gehörte auch schon immer das Fach Religion, in dem sie selbst entscheiden konnten. Nun, nach Abschluss der Schule, nach der Konfirmation, liegt es an ihnen selbst, ob sie weiterhin prüfen oder nicht. Ich glaube, dass es eine lebenslange Aufgabe ist, die Paulus uns da stellt. Eine Aufgabe, der er sich selbst ja auch unterziehen musste. Erinnern wir uns:

Paulus war ja zunächst Jude mit Leib und Seele. Den neuen christlichen Glauben bekämpfte er vehement, weil er ihn als falsch und ketzerisch erkannt hatte. Doch dann kam sein Damaskuserlebnis, wo er eines besseren belehrt wurde. Paulus prüfte und verwarf seine alten Ansichten. Nun schwenkte er auf die Linie des Christentum über und begann, die neue Lehre zu verbreiten. Und auch im Lauf seines weiteren Lebens wurde er immer wieder mit neuen Gedanken und Glaubensmeinungen konfrontiert. Immer wieder musste er das tun, was er den Thessalonichern geschrieben hatte: „Prüft alles, und das Gute behaltet!“

Am Leben von Paulus wird deutlich, wie fehlbar wir Menschen doch sind. Nicht immer werden wir das Gute behalten, werden wir uns für das Richtige entscheiden. Genauso wenig wie Paulus vor fast 2000 Jahren oder die Schulabsolventen heute. Doch ist das nicht so schlimm, wie es zunächst scheint. Denn Paulus schreibt den Menschen von Thessalonich auch eine Ermutigung: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt. Denn Gott ist treu!“
Das entlastet von dem Druck, immer richtig entscheiden zu müssen. Es entlastet von dem Druck, dass wir Menschen fehlbar sind und falsche Entscheidungen treffen können. Gott will uns trotzdem heiligen und helfen, weil er treu ist.

So müsste auf der Abschlussfeier nicht nur der Satz: „Prüft alles, und das Gute behaltet!“ fallen, sondern auch das Andere: „Gott heilige Euch durch und durch; er ist treu!“
Mit dieser Zusage im Rücken lasst uns offen durch unseren Alltag gehen, lasst uns prüfen, das Böse meiden und das Gute behalten.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

drucken