Vorbilder

Liebe Jubilarinnen und Jubilare (Diamantene Konfirmation), liebe Gemeinde,
„Ich bin doch kein Prophet!“ höre ich manchmal, wenn jemand nach Dingen in der Zukunft gefragt. wird. Zukunft vorhersagen? Nur Propheten könne das. So ist die gängige Meinung. Und dabei denken wir an die Propheten der Bibel. Jesaja, Jeremia, Amos und wie sie alle heißen. Sie haben als Konfirmanden vermutlich die Reihe der Prophetenbücher der Bibel noch auswendig lernen müssen. Lesen wir die Bücher der Propheten aufmerksam, dann stellen wir schnell fest: Auch die Propheten der Bibel können nicht weiter in die Zukunft sehen als wir selber. Das was sie wort- und bildreich beschreiben, ist ihre jeweilige Gegenwart. Sie sind brilliante Beobachter ihrer Zeitgeschichte. Mit scharfen Blick beobachten sie, was Volk und Herrscher tun. Das was sie auszeichnet ist, dass sie ihre Gegenwart zu Gottes Geboten und Verheißungen in Beziehung setzen. Das, was sie über die Zukunft sagen, sind Folgerungen aus diesem Verhalten. Wenn sie Unheil androhen, dann weil jemand – oder gleich das ganze Volk – die Gebote übertreten hat. Wenn sie Heil ankündigen, dann bezeugen sie Gottes Verheißung, dass er seinen Bund einhält.
Oft genug tun sie das in Gleichnissen. Sie benutzen Bilder, um schwer Verstehbares verständlich zu machen. Jesus selber ist ein Meister darin gewesen. Bilder machen es leichter, schwere Worte zu sagen. Sie heben Dinge auf eine abstrakte Ebene, so dass es leichter fällt, ganz sachlich über Inhalte nachzudenken. Erst später fällt dann der Groschen und ich erkenne mich selber in dem Bild wieder. Erst dann muss ich mich damit auseinander setzen, dass auch mein Verhalten nicht den Geboten entsprochen hat.
Um solch ein Prophetenwort geht es im heutigen Predigttext. Nathan kommt zum König David. Sie erinnern sich sicher: David war Israels bedeutendster König. Als Hirtenjunge hat er angefangen, als Hauptmann einer Guerillatruppe hat militärische Erfolge erzielt und das Land vereint. Unter seiner Herrschaft erreicht Israel die größte Ausdehnung, die es je hatte. In der späteren Geschichtsschreibung wurde er zum Heiligen. So wichtig ist er gewesen, dass er zum Vorbild des Messias, des Welterlösers hochstilisiert wurde. Der Retter der Welt kann nur aus dem Hause David erwachsen, so die Überzeugung zur Zeit Jesu. Wer die Geschichten von seinem Aufstieg aufmerksam liest, wird schnell erkennen, dass David nicht unbedingt als Heiliger taugt. Auch davon erzählt der heutige Predigttext. Ich lese die ersten Verse:
„Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt’s wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war. Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.
Der Prophet Nathan kommt zu einem König und erzählt von einem reichen Mann. „Das ist ungerecht!“ So werden auch wir sofort einstimmen. David reagiert richtig sauer: „Das darf nicht sein!“ Richtig wütend wird er. Der Fall ist klar. So klar, dass der oberste Richter, denn das ist er als König, weit über die Regelungen des Gesetzes hinausgeht. Die Todesstrafe fordert er. „Dieser Mann ist des Todes!“ Dabei ist die Thora doch bemüht, ein Rechtssystem zu schaffen, bei dem die Strafe nicht mehr Unheil anrichtet als die Tat. Aber der Fall ist so eindeutig, dass das Moralempfinden mit dem König durchgeht: So geht es nicht! Nun kommt der Clou der Geschichte. Ich lese den nächsten Abschnitt aus dem 2. Buch Samuel:
„Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazu tun. Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hethiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter. Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hethiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei.“
Sie erinnern sich vielleicht an diese Geschichte. David ist zum König aufgestiegen. Er hat Verantwortung übernommen. Erst gegen den Riesen Goliath, dann als König für das Land. Er hat dabei auch die schönen Seiten des Lebens schätzen gelernt. Wohnt jetzt in einem Palast. Hat mehrere Frauen, wie das damals üblich war. Nun hat er von der Dachterrasse des Palastes in einem Innenhof eine schöne junge Frau beim Baden beobachtet. Er begehrt sie und lässt sie holen. Er schläft mit ihr. Von den Gefühlen der Frau erfahren wir nichts. Wohl aber von ihrem Problem: „Ich bin schwanger!“ sagt sie. Und aufmerksame Hörer wissen, dass ihr dafür die Todesstrafe droht. Auch David als König ist nicht mehr haltbar, wenn öffentlich wird, dass er in eine Ehe eingebrochen ist. Als König findet er einen Weg, den Ehemann zu töten, ohne als Mörder da zu stehen. Er schickt ihn in den Kampf und sorgt dafür, dass er im Schlachtgetümmel allein gelassen wird. Ein sicherer Tod, selbstverständlich führt der Befehlshaber der Armee, den Auftrag seines Königs umgehend aus.
Als Nathan ihm die Geschichte vom reichen Mann erzählt, denkt David, er entscheidet einen wahren Fall. Nathan aber hat ihm ein Gleichnis erzählt. Nun ist klar: Das scharfe Urteil trifft David selber. Wenn er schon die wirtschaftliche Übervorteilung mit dem Tod bestrafen will, wieviel mehr trifft dieses Urteil für Mord und Ehebruch zu?
Die Geschichte erinnert mich an Skandale unserer Zeit. Bis heute stolpern die Mächtigen eher über Sex- und zu große Dienstwagen als über fragwürdige politische Entscheidungen. Die Medien zerren noch das kleinste Detail ans Licht und treten so lange darauf herum, bis der Betroffene geht. Lobbyismus, das Brechen von Wahlversprechen, die Bevorzugung derer, die ohnehin schon reich sind, hingegen bleibt meist ungestraft.
Nathan geht einen anderen Weg. Er stellt sich nicht verurteilend auf den Markt, um den König zu stürzen. Er geht zu ihm und hält ihm einen Spiegel vor. Sieh, was du getan hast! Anders als der „Daily Prophet“ bei Harry Potter sucht der Prophet Nathan nicht den Skandal sondern eine Lösung.
Max Frisch (1911–1991) hat das einmal so beschrieben: „Man soll dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen.“ Der Prphet verurteilt die Tat, nicht den Täter. Und Nathan hat Erfolg. Ich lese weiter:
„Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Nathan sprach zu David: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben. Und Nathan ging heim.“
Nach der langen Vorgeschichte nun ganz knapp: David gesteht seine Schuld ein. Und der Prophet sagt ihm Gottes Vergebung zu. David ist nicht besser als andere Menschen. Zum Vorbild wird er, weil er seine Schuld und das von ihm selber gesprochene Todesurteil annimmt. Damit öffnet er sich für die Gnade Gottes. Der Prophet spricht sie ihm zu: „So hat auch Gott deine Schuld weggenommen!“
Ich denke Ihnen als Diamantenen Konfirmanden ist in den 60 Jahren deutlich geworden, wie wichtig diese zentrale Botschaft unseres Glaubens ist. Gottes Vergebung macht uns ein menschenwürdiges Leben überhaupt erst möglich. Es ist gut, dass die Bibel kein Heldenepos ist, bei dem die Vorbilder als unfehlbare Helden vorgeführt werden. In der Bibel stolpern alle großen Vorbilder über ihre menschlichen Grenzen. David genauso wie die Jünger im Neuen Testament. Und gerade damit laden sie ein, genauer hinzusehen. Nicht die mühsam gelernten Gebote stehen im Mittelpunkt, sondern Gottes Zusage, dass er uns ohne Einschränkung zurück ins Leben helfen wird: „So hat der Herr auch deine Sünde weggenommen!“ Das lassen Sie uns gleich im Abendmahl gemeinsam feiern. Amen.

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