Von dem, was das Leben erst reich und schön macht

Ich will eigentlich nicht in das Lied von der Schönheit der Schlichtheit, Einfachheit oder gar Armut einstimmen. Denn Armut ist nicht schön und macht nicht schön, sondern ist und bleibt ein Skandal, eine Provokation, eine Zumutung und damit immer auch eine Herausforderung an unser Gerechtigkeitsempfinden und an die Praxis unseres Lebens. Ich musste dennoch an die altgewordene Frau in ihrem kleinen Dorf weit ab in der Prignitz denken, an ihre Geschichte, ihr Leben und ihre Haltung.
Dorthin war sie nach Kriegsende als Flüchtling mit ihren Kindern gekommen, durfte so aber nicht heißen, denn offiziell war sie umgesiedelt worden.
Sie war Witwe, sie wusste, dass man mit Krieg alles verlieren, aber eigentlich nichts gewinnen kann.
Sie war jahrelang damit beschäftigt, ihre Kinder durchzubekommen, sie satt zu machen und hoffte, dass es ihnen einmal gut gehen wird.
Sie hatte ein Dach über dem Kopf, sie hatte das tägliche Brot, sie hatte ihr Leben gerettet, sie hatte ihre Kinder. Aber leisten konnte sie sich nichts. Sie wohnte bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren in einfachsten Verhältnissen, die sich viele junge Menschen heute in unser Landstrichen überhaupt nicht vorstellen können und wollen.
Sie war arm, denn ihre Rente war kaum der Rede wert, obwohl sie ein ganzes Leben immer gearbeitet hat.
Aber Armut ist ja ein relativer Begriff.
In unserem Land gilt als arm, wer weniger als 50 % des Durchschnittseinkommen zur Verfügung hat.
Der kann nicht mehr teilhaben an dem, was für viele heute unverzichtbar zum Leben dazu gehört und den Lebenswert erst ausmacht.Wer nicht wie andere konsumieren, seine Freizeit gestalten, die Welt erkunden kann, sich nicht modisch kleiden kann, der ist in den Augen der Mehrheit nicht nur arm, sondern arm dran.
Aber um erleben und fühlen zu können, dass das Leben schön ist, muss ich nicht leben können, wie alle im Durchschnitt und über dem Durchschnitt.
Oder anderes herum: wer gut mithalten kann, muss noch lange nicht in der Lage sein, das Gefühl dafür zu spüren, wie schön das Leben ist, wenn ich es denn empfange, spüre und lebe und mir gefallen lasse.
Es war ein mehrfach behinderter schon nicht mehr junger Mann im Armenhaus Europas, in Rumänien, der, mehrfach spastisch gelähmt immer auf den Rollstuhl und auf die Hilfe seiner alt- und schwachgewordenen Mutter angewiesen, meist an die Küche ihres Hauses gebunden, an einem sonnigen Nachmittag im Garten mit einem tiefen Seufzer, der hörbar aus dem Herzen kam, sagte: „Ach ist das Leben schön…“ Und es so meinte und uns alle zu Tränen rührte.
Wenn ich den Himmel über mir leuchten sehe, wenn ich die Felder, die reich tragen oder erfolgreich abgeerntet sind, betrachte, wenn ich das Rauschen des Waldes oder das Spiel des Windes auf der Oberfläche des Sees höre, wenn ich in die Augen eines Kindes oder beim Schlaf das dort liegende Wunder betrachte, wie vollständig und wie zerbrechlich so ein junges Menschenkind ist, dann fühle ich hoffentlich tief in meinem Herzen: das Leben ist schön , was bin ich doch reich!
Wer den Blick dafür verliert, gebunden ist von dem unbedingten Eifer seinen Wohlstand sichern und vermehren zu müssen, und meint das Leben darüber auf später verschieben zu können, und nicht mehr wahrnimmt, was es ihm drumherum heute schon anbietet, der hat vielleicht viele Reichtümer, kann aber sehr wohl arm dabei bleiben.
Ich möchte keinem missverständlchen Armutsideal das Wort reden und nur die für glücksfähig erklären, die sich der Armut verpflichtet fühlen, aber es kann kein Zufall sein, dass das Armutsgelübde zu vielen christlichen Orden gehört und gelebt wird. Es scheint aller Erfahrung nach frei zu machen, den Reichtum Gott spüren und erleben zu dürfen. Es ist auch nicht deckungsgleich mit Mittellosigkeit, sondern meint wohl die Freiheit, sein Herz und sein Leben nicht an materielle Dinge allein zu binden, sondern sich davon auch trennen oder mit ihnen Verantwortung für andere übernehmen zu können. Es gibt in höchstem Maße sozial engagierte Vermögende, die ihren Reichtum nutzen, Gutes zu tun, nicht um sich in diesem Licht zu sonnen, sondern Menschen berühren zu können.
In der Geschichte von Nathans Strafpredigt und von Davids später Einsicht bewegt mich neben dem Schmerz über den Verlust, den alle Beteiligten erleiden oder erleiden werden, vor allem der Anmut, mit dem der Arme geschildert wird.
Er ist schön, in der Art wie er das Kostbarste, was er besitzt, hütet, umsorgt, sich daran freut: ein Schäflein, das er wie eine Tochter hütet.
Ich habe das Gefühl hier einem unbezahlbaren Reichtum gegenüber zu stehen, während der Reiche alles sein eigen nennen kann, alles in seinen Besitz bringen kann, aber nichts mehr wahrnimmt und nichts mehr spürt, ohne Empfinden, ohne Herzlichkeit und Einfühlungsvermögen durch das Leben wütet und sich dabei längst verloren hat.
Das wird trotz der dramatischen Ausgangslage – immerhin hatte kurz vorher David einen seiner Kriegsleute an die vorderste Front geschickt, dass er dort im Kampfe fallen möge, weil seine Frau, von David schwanger geworden, ihm gehören sollte, er also trotz seiner eigenen Frauen, diese eine in seinem Besitz haben wollte, – ohne moralischen Appell, kunstvoll, liebevoll ja poetisch erzählt und ohne, dass wir es merken verschieben sich in uns schon die Maßstäbe: wir spüren doch förmlich, wie es um die wirklich wichtigen Dinge und Werte im Leben geht und selbst David, der Täter, der im Krieg den Tod seiner Anvertrauten nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern in diesem einen Fall auch beabsichtigt, ist berührt von dem Tiefsinn und der Anmut, von der Wahrheit und der Überzeugungskraft dieser Szene: wahrhaft, so ist es im Leben, aber so ungerecht, so unbarmherzig, so gnadenlos brutal darf es um Gottes willen nicht sein. Keiner wird darüber auch nur ansatzweise diskutieren, das verstehen wir alle sofort!
Nach der Moral von der Geschichte muss keiner gefragt werden, die hat im Herzen längst schon überzeugt und überführt!
Ohne dass David es merkt, sehen alle im Spiegel dieser Geschichte sein Gesicht und auch er wird sich bald schamhaft, überführt und hoffentlich im Herzen bewegt, reuevoll erkennen.
Das wäre ja die einzige Chance, das sich wenigstens für künftige Situationen etwas ändert, wenn das Herz seine Konsequenzen gezogen und aus den Fehlern etwas gelernt hat.
Reue, Schuldeinsicht, ein Geständnis haben nur wert, wenn sie aus dem Herzen kommen und nicht aus Berechnung.
Buße so die Reformatoren – so also gut evangelische Einsicht – bedingt Herzensreue und nicht ein Larifari, nach dem Motto: ist das doch egal, was ich tue, ich kann ja beichten gehen und empfange doch Absolution.
Wenn Menschen uns um Vergebung bitten und wir spüren, dass es echt ist, dann können wir oft vergeben, selbst wenn das Vergessen schwer fällt. Gott, so bin ich tief im Herzen überzeugt, ist in seinem Wesen nicht nur Liebe, sondern eben auch Vergebung. ER reduziert niemanden auf seine Schuld, auf seine Fehler, auf seine Taten. Und er lässt auch nicht andere dafür büßen.
Jesus bittet noch am Kreuz für seine Henker und verspricht dem einen Verbrecher an seiner Seite das Paradies.
Ich glaube, dass wir der Kraft und der Macht der Vergebung noch gar nicht genügend trauen.
Dabei ist sie uns geschenkt und mit auf den Weg gegeben. Die Taufe ist das sinnbildliche Zeichen, dass Gott uns immer die Tür zu einem Neuanfang offen hält und dass er seine Ohren nie verschließt gegenüber einem offenen Eingeständnis eigener Grenzen, eigenen Versagens, eigener Schuld. Hier trägt jeder für sich Verantwortung, aber hier kann jeder auch das Geschenk erfahren, freigesprochen, angenommen, ja gerechtfertigt zu werden.
Die Kraft und die Macht der Vergebung sind womöglich auch der eine Schatz, den es heute zu heben gilt; etwas, was uns wahrhaftig reich macht, was ich mir aber nicht mit allem Gold der Welt kaufen kann. Da ist es wie mit der Liebe!
Nicht Armut also macht schön, sondern Liebe, Vertrauen, Offenheit, Bereitschaft einander zu vergeben und Schuld einzugestehen und dann Gottes Wohlgefallen. Wer das sein eigen nennen kann, der ist reicher als alle, die meinen, ihnen gehört die Welt.

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