Wo steckt die Sünde?

Liebe Gemeindeglieder,

Liebe Gemeinde,
ich nehme an, der Duft de Salböls hing noch lange im Raum. Betörend schwer, betäubend dicht, wie eine Melodie, die noch lange im Ohr nachklingt.
Ich vermute, keiner wagte nach diesem Vorfall wieder einfach zum üblichen All-tagsgeplänkel zurückzukehren. Die Intensität, mit der diese Frau ihre Gefühle gezeigt hatte, wird wie ein Bann über dieser Szene gelegen haben – so wie Lukas sie beschreibt.
Spielen wir also Mäuschen. – Oder noch besser: wir könnten ja zu den übrigen Gästen gehören – zumindest, zwei, drei von uns.
Setzen wir uns also dazu, vielmehr, – ja, da fängts an – legen wir uns dazu. Wir befinden uns ja in römischer Zeit. Fremde Zeiten, fremde Sitten.

Aber was wollen wir in dieser Geschichte? Sind wir nur Paparazzi auf der Suche nach Sensationen?
Was würden sie wollen, wenn Sie dabei sein könnten?
Vielleicht ja auch dies: Hautnah spüren, was die Begegnung mit Jesus für unser Leben bedeuten könnte.

Am Ende dieser Geschichte werden die anderen Mitgäste sagen: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt?
Aber wo sind in dieser Geschichte eigentlich die Sünden?

Klar, bei ihr, die da hereinkommt. Bei der stadtbekannten Sünderin!
Was ihre Sünden sind? Ist doch wohl klar, sie ist eine Prostituierte! So hab ich mir sie doch auch gerade vorgestellt: Die langen schwarzen Haare, mit denen sie Jesus die Füße trocknet.
Wie ich darauf komme? Na hört mal! Wenn´s schon heißt: „Stadtbekannte Sünderin!“
Aber stimmt: Da steht gar nichts von Prostituierter.
Und ich lasse mich belehren: Huren damals waren viel zu arm, als dass sie sich solch teure Salböle leisten konnten. Noch dazu in einem Alabastergefäß, also aus ägyptischem Marmor.
Vielleicht war ihre Sünde ja die, ihrem prügelnden Ehemann entlaufen zu sein? Vielleicht hatte sie sich in der Jugend in einen römischen Besatzer verliebt und ihn geheiratet und deshalb ihren Glauben verraten?

So hatte ich mir das nicht vorgestellt, dass die erste konkrete „Sünde“ (in Anführungszeichen) die ich in der Geschichte entdecke, meine eigene ist.
Vorurteile gegenüber der Frau. Schubladendenken.
Ja wenn ich noch kritischer drüber nachdenke, bin ich zu einfach der leider gängigen alten Tradition gefolgt, die bei Sünden einer Frau immer sofort an sexuelles denkt. Zum Glück ist Siegmund Freud nicht im Raum, der da sofort eine Projektion wittern würde.
Richtig ist ja:
Wegen was konnte man nicht früher alles als Sünderin oder Sünder hingestellt werden.
Was weiß ich denn, warum sie so verzweifelt ist, wie Lukas sie in unserer Ge-schichte darstellt?
Vielleicht sollte ich die Geschichte einfach so nehmen, wie sie dasteht. Sie ist völlig aufgewühlt. So dass es ihr komplett egal ist, vor den ganzen Gästen in Tränen aufgelöst zu sein. Vielleicht zu lange einen falschen Weg gegangen, bis es nun nicht mehr geht und ein Neuanfang endlich sein muss.

Damit sind wir auch näher an unserer Lebenssituation im 21. Jhd. Früher war das ja so, dass die Rollen im Leben schon von Geburt an vorgezeichnet waren. Sünde war es, dieser Rollenvorgabe nicht zu entsprechen. Für die heute geborenen ist es fast umgekehrt. Alles ist möglich. Es geht um Selbstverwirklichung. Unglaublich viel Freiheit. Der neue Stress ist, sein eigenes Leben völlig selbst zu entwerfen. Und dabei einen Weg zu erfinden, der wirklich zum Glücklichsein führt, oder was eben das eigene Ziel ist. Das gelingt nicht automatisch. Jemand hat da mal von Biografiehavaristen gesprochen, Menschen, die mit ihrer Lebensplanung Schiffbruch, eine Havarie, erleiden.

Die Frau in der Geschichte kann ich auch als ein Modell dafür verstehen.
Wenn ihre „Sünde“ nicht so festgelegt ist, ist sie mir plötzlich viel näher. So was kann ich verstehen. Wann ging es mir zuletzt so, dass ich wie die Frau am Ende war? Wie habe ich, wie haben Sie reagiert? Oft fressen wir die Dinge in uns hinein. Augen zu und durch! Die Zähne zusammenbeißen.

Wie gut wäre es, wie gut ist es, jemanden zu haben wie sie den Jesus, bei dem man sich nicht hart machen muss. Wo man einfach sein kann, mit dem, wie es gerade ist. Tränen laufen lassen. Spüren, er verurteilt mich nicht.

Was ein Glück, dass sie nicht zu diesem Pharisäer gegangen ist mit dem, was sie bedrückt. Mister 100%. Der alles besser weiß als andere und alles durchschaut: Das ist richtig und das ist falsch.
Sein Urteil über die Frau hat er sofort parat. Dazu das Urteil über Jesus gleich mit: Ganz selbstverständlich stellt er sich nicht nur über sie, sondern auch noch über ihn:
„Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist.“

Wo ist die Sünde in diesem Text?
Jetzt ist sie plötzlich bei ihm. Dem verstockten Pharisäer, der keine Liebe kennt. In dessen Gegenwart alles zu Eis gefriert.

Prima, ich hab wieder einen neuen, bei dem ich das Böse ansiedeln kann.
Und muss doch erkennen: Wenn ich mich nun noch über den Pharisäer stelle, dann bin ich im Herzen wie er. Alles wird eingeteilt in gut und böse – lieblos.

Dabei könnte ich ja auch den Pharisäer anders sehen. Er lädt Jesus ein, bei ihm zu speisen. Das würde er als Hardliner gar nicht machen. Vielleicht spürt er wie sie, dass sein Lebensmodell auch nicht zum Ziel, zum guten Leben führt.
Dann ist er der Frau gar nicht so unähnlich.
Vielleicht spürt er, dass Liebe und Güte bei ihm auf der Strecke zu bleiben dro-hen.

Und wie es bei der Frau war, kommt mir nun auch der Pharisäer näher und wird mir sympathischer.
Mir fallen all die Situationen ein, in denen ich auch so lieblos bin, so hart, so unmenschlich. Zu anderen – und zu mir.
Gut, von Jesus etwas anderes zu lernen.

Aber was macht Jesus eigentlich?
Der Frau gegenüber scheinbar gar nichts.
Und zugleich doch alles, was sie braucht:
Nicht viele Worte, aber er schafft eine Atmosphäre des Vertrauens, einen Raum, wo sie so sein kann, wie sie jetzt gerade ist, mit dem, was sie bewegt.

Aktiv wird er da, wo der Pharisäer diese Atmosphäre des Vertrauens gefährdet. Noch bevor der Pharisäer es ausspricht! “Als der Pharisäer das sah, dachte er: ‚Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist.‘“
Als Jesus sozusagen die hochgezogenen Augenbrauen des Pharisäers sieht, sagt er: „Simon, ich möchte dir etwas sagen:“

Und dann redet er von der vielen Liebe der einen, und der wenigen Liebe des Anderen.
Und vielleicht hat auch Simon die Lektion begriffen.

Wie die Geschichte wohl weitergeht, nachdem Jesus die Frau verabschiedet hat? – Mit den Worten: „Dein Glaube hat dir geholfen. Gehe hin in Frieden,“?
Besonders, nachdem Jesus dann auch irgendwann gegangen ist.

Ich stelle mir vor, wie der Pharisäer ihn zur Türe begleitet und sich wieder hinsetzt.
Sich räuspert, als ob eigentlich etwas gesagt werden müsste.
Und dann sagt einer der Gäste neben uns – leise – wie zu sich selbst:
„Dein Glaube hat dir geholfen – gehe hin in Frieden.“

Ja – was für ein Glaube denn eigentlich?
Sicher keiner im Sinne eines hochkarätigen Glaubensbekenntnisses.

Sondern einer des Herzens, des Lebens.

Glauben als: Sich mit seinem ganzen Leben Gott, Jesus, zu Füßen setzen.
Mit dem Gelingen und dem Scheitern.

Und dort sitzen dürfen.

Amen.

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