Die Tragik des Verhältnisses zum Judentum in der Person des Paulus

Liebe Gemeindeglieder,

Vielleicht säßen wir alle nicht hier, wenn es ihn nicht gegeben hätte.
Wir würden heute Beta, Maximilian und Jan nicht taufen.
Und an keinem kann man die Tragik im Verhältnis von Juden und Christen so nachspüren wie in ihm, dem Apostel Paulus.

Der für uns ja DER Theologe des Neuen Testamentes ist. Der das aber deshalb ist, weil er vorher, als er noch Saulus hieß, jüdischer Theologe war.
Ein Mensch, der sich einsetzte für seinen Glauben. Für seinen jüdi-schen Glauben. Als da nach Jesu Tod plötzlich Leute auftauchten, die sagten er sei Auferstanden. Gott habe ihn auferweckt und er sei also in der Tat der seit langem erwartete Retter des Volkes, der Messias. So ein Quatsch! Der auch von ihm lange erwartete Messias würde doch das Reich Gottes auf Erden bringen! Gerechtigkeit! Frieden! Davon war nirgendwo etwas zu sehen!
Aber diese jüdischen Sektierer traten nun überall in den Synagogen auf und predigten diese falsche Botschaft. Die sie auch noch Evangelium nannten: Frohe Botschaft.
Dem musste Einhalt geboten werden, man musste sie zur Rede stellen und notfalls bei den römischen Behörden anzeigen als das, was sie waren: Gotteslästerer und Unruhestifter, die die Ordnung im Staat gefährdeten. Saulus wollte ihnen das Handwerk legen. Mit entsprechenden Vollmachten der Hohepriester aus Jerusalem ausgestattet stellte er ihnen nach.
Aber dann, als er sich gerade die Christen in Damaskus vorknöpfen wollte, geschah die Wende. Psychologen können mutmaßen, dass er sich so sehr mit der Lehre seiner Gegner auseinandersetzte, dass ihm irgendwann ein Licht aufging: Die Erkenntnis der Berechtigung dieser Lehre.
Er selbst hat es anders erlebt: Ein gleißendes Licht, das ihn für drei Tage erblinden ließ, dazu, als er fragte, was das sei, die Stimme vom Himmel: „Ich bin Christus, den du verfolgst.“
Ein Erlebnis, das für ihn als Erscheinung Gottes so unbestreitbar war, dass weder Armut, noch Heimatlosigkeit, noch Kerker und Lebensgefahr ihn fortan daran hinderten, Jesus Christus als Sohn Gottes und Herren zu verkündigen und überall im römischen Reich Gemeinden zu gründen und so zum Apostel der Völkerwelt zu werden.

Erst nach und nach wurde ihm bewusst, was dies nun für das Ver-ständnis des jüdischen Glaubens aus christlicher Sicht bedeuten musste. Wenn das stimmte, was er da erfahren hatte, dass das der entscheidende Punkt des Glaubens ist, Jesus als den Sohn Gottes anzuerkennen, gingen dann nicht all seine jüdischen Glaubensbrüder in die Irre, die Jesus nicht als Messias sehen konnten?
Das aber konnte nicht sein. Das war doch die Grundaussage seines jüdischen Glaubens, dass Gott Israel erwählt hatte als sein Volk auf ewig. Sie mussten es also erkennen! Man musste es ihnen nur lang genug verkünden!
Jahrelang bemühte er sich also mit aller Kraft, seine Glaubensbrüder davon zu überzeugen dass Jesus doch in der Tat der erwartete Messias war.
Aber so sehr er sich auch bemühte, und so enormen Zulauf er bei seiner Mission hatte. Fast immer waren es die Heiden, die nun Ja zu Jesus sagten, während im Laufe der Jahre immer weniger jüdische Glau-bensbrüder sich überzeugen ließen, dass Jesus der Messias ist.
„Ich selbst möchte verflucht sein, wenn sie nur zum Glauben kämen“, schrieb er einmal. Es schien, als wenn Gott selbst ihr Herz verstockt hätte, wie damals beim Pharao. Ja als wenn er selbst sie zu Feinden des neuen Glaubens gemacht hätte! Aber warum? Und wie passt zu-sammen mit der unverlierbaren Erwählung Israels?
Was er jahrelang innerlich bewegt und in der Bibel zu verstehen gesucht hat, dieses schweren Rätsels Lösung, – er nennt es „Geheimnis“ – fasst er in unserem heutigen Predigttext zusammen.
Dabei hält er daran fest, dass an dem Glauben an Jesus nichts vorbei geht.
Aber ebenso hält er an der bleibenden Erwählung Israels fest.
Die Erklärung besteht für ihn darin, dass ja die Mission bei den Nichtju-den, den „Völkern“ wie er es nennt, gerade deshalb eingesetzt hat, weil die Mission unter den Juden bald ins Leere lief. Damit also all die Men-schen der Völker zum Glauben finden können, nur darum hat Gott die Herzen des jüdischen Volkes für eine Zeit verstockt. Wobei die deut-sche Übersetzung „verstockt“ nicht abbildet, dass er ganz bewusst ein anderes Wort gebraucht, als bei der Verstockung des Pharao. Nämlich einen medizinischen Fachausdruck, für einen Starkwuchs an der Stelle von Brüchen, also eher eine „Verhärtung“, die zur Heilung gehört!

Ich kürze und vereinfache unseren Predigttext, aus dem Brief, den er der Gemeinde in Rom geschrieben hat.

Ich möchte, dass ihr dieses Geheimnis erkennt:
Für eine Zeit ist Israel eine Verhärtung widerfahren,
bis die Vollzahl der Völker zum Glauben kommt
und daraufhin wird ganz Israel gerettet werden. …
Aus der Sicht des Evangeliums sind sie zwar Feinde geworden
– und zwar zu euren Gunsten –
nach Gottes Erwählung aber sind sie Geliebte um der Väter willen.
Denn Unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes.

Denn so, wie ihr einst fern wart von Gott,
jetzt aber Erbarmen gefunden habt,
weil sie Jesus nicht anerkennen,
so gilt für sie, dass sie ungehorsam geworden sind zugunsten von Euch,
und damit sie selbst nun ihrerseits Erbarmen finden.

Denn keiner ist gerecht vor Gott und wir leben alle von seinem Erbar-men.

Diese riesige Verbundenheit und Wertschätzung zwischen Christentum und Judentum in der Person und Theologie des Paulus ist in der Folge leider bald in Vergessenheit geraten.
Anfangs sah man sich noch selbstverständlich als eine Spielart des jü-dischen Glaubens. Das hatte auch den Vorteil, dass man auch an den Freiheiten Anteil hatte, die die Römer speziell dem jüdischen Glauben gewährten.
Das änderte sich abrupt im Jahre 70. Nachdem eine jüdische Befreiungsbewegung erste militärische Erfolge gegen die Römer errungen hatte, schickte Nero im Jahr 66 60.000 Soldaten Richtung Jerusalem. Im Jahr 70 gelang es, Jerusalem zu erobern. Es gab dabei damals schon 1 Mio. Tote und der Tempel wurde zerstört bis auf die Reste, die Sie alle als Klagemauer kennen.

Weil nun die Juden als Feinde des römischen Reiches galten, war es nun für die Christen, die nun ohnehin mehrheitlich nichtjüdischer Her-kunft waren, naheliegend das Trennende zum Judentum zu betonen, bzw. nach den Konflikten, die auch Paulus beschreibt, sich als eigene Religion in Gegnerschaft zum Judentum zu beschreiben.
Was z.B. dazu führte, die Interessenvermischung bei der Verurteilung Jesu den Pilatus, als dem Repräsentanten der römischen Obrigkeit, im Prozess explizit betonen zu lassen: „Ich finde keine Schuld an ihm“ , was in der Konsequenz bedeutete, der jüdischen Obrigkeit die Allein-schuld an Jesu Tod zuzuschreiben. Wir alle wissen, wie verheerend sich diese Darstellung in der Folge ausgewirkt hat.

Beim Entzünden der Kerze habe ich gesagt, wir fragen danach, was der jeweilige Bibeltext, also heute, was Paulus geschrieben hat, für unser Leben heute austrägt.

Es versetzt uns leider nicht in die Lage, in den Auseinandersetzungen unseres Jahrhunderts und am Israelsonntag speziell zwischen Israelis und Palästinensern einen Standpunkt der Richtigkeit einzunehmen.
Wie auch immer wir verständnislos stehen vor der unnachgiebigen Härte Israels gegenüber den Palästinensern und der ebenso großen Härte der Hamas mit ihrer Verweigerung eines Existenzrechtes Israels.

Aber das scheint sich aus dem heutigen Predigttext zu ergeben:
Kritik können wir nicht üben aus einer Haltung der Besserwisserei oder gar Überheblichkeit.
Kritisieren können wir als bewusste Christen wohl nur in der Haltung, wie wir einen hoch geschätzten altehrwürdigen Verwandten kritisieren würden, dem wir selbst viel Unrecht zugefügt haben.

Mit dem Ziel eines gemeinsamen Existenzrechtes und einer Versöhnung.

Ich habe die feste Hoffnung, dass das geht und habe dafür ein ganz verstörendes Beispiel vor Augen.

Seit einigen Jahren macht unser Jugendhaus ja Jugendbegegnungen mit Israelischen Jugendlichen in Israel und bei uns. Daraus sind Freundschaften zwischen den Jugendlichen entstanden.
Und so hat eine Ehrenamtliche unserer Gemeinde vor wenigen Wochen ihre Freundin in Israel besucht und konnte nicht mehr ausreisen, als der aktuelle Konflikt begann.
Über Tage hinweg hat sie mit ihren Freunden den ständigen Raketen-alarm mitbekommen und musste immer wieder mit ihnen in die Bunker. In Tel Aviv einmal für 12 Stunden. Ohne Essen, bis eine 80-jährige sagte, sie habe ihr Leben gelebt und in ihre Wohnung ging um etwas zu essen zu besorgen.
Dass eine Deutsche dort im Bunker auch mit einer 90-jährigen Jüdin auf Deutsch über deren Jugend im Nationalsozialismus sprach, zeigt mir, dass mehr an Versöhnung möglich ist, als wir uns manchmal in unseren kühnsten Träumen vorstellen können.

Amen

drucken