Bin ich Zöllner oder Pharisäer?

Liebe Gemeinde,
unser Sonntag ist überschrieben mit dem Motto „Pharisäer und Zöllner“. Beide stehen für bestimmte Arten von Menschen. Der Pharisäer ist ein hochkirchlicher, besonders frommer Mann, während der Zöllner für den Typ steht, dem Religion und Glaube eher nicht so wichtig ist. Eigentlich ist der Typ des Pharisäers – vom religiösem her gesehen – mir sympathischer und nachahmenswerter. Doch gerade in der Geschichte, die wir vorhin gehört haben, kommt der Pharisäer gar nicht positiv herüber. Vielmehr erscheint er arrogant und gar nicht fromm. Der Zöllner dagegen kommt bei mir ansprechend an. Denn er beruft sich keineswegs auf seine Verdienste wie der Pharisäer, sondern legt alles – etwas ängstlich – in Gottes Hände. Und wird daraufhin, so sagt es Jesus, gerechtfertigt.

„Pharisäer und Zöllner“: Ich denke, von beiden Typen steckt immer auch etwa in uns, ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht. Wir sind manchmal unnahbar, glauben, alles selbst bewältigen zu können und sehen auf andere gnadenlos herab wie der Pharisäer. Und dann wieder fühlen wir uns klein und gering und betteln um Gottes Gnade wie der Zöllner. Das alles steckt gleichzeitig in uns. Sie glauben das nicht? Im Alten Testament finden wir eine Geschichte, die das verdeutlicht:

Der große König David hat alles, was er will und braucht. Sein Reichtum ist groß, sein Thron ungefährdet, er hat viele Frauen und Kinder, und die Beziehung zu Gott ist so gut, dass der selbst seine kleinsten Wünsche erfüllt. Und trotzdem langweilt sich David. Es muss doch noch etwas anderes geben, denkt er. Und wie er seine Blicke über seine Stadt Jerusalem schweifen lässt, entdeckt er sie: Eine Frau, wunderschön anzusehen. Er fasst den Entschluss: Diese Frau muss die meine werden. Für einen König ist das nicht schwer. Der darf auch mehrere Frauen haben. Bloß blöd, dass gerade diese Frau schon verheiratet ist. Doch das Gute daran: Der Mann ist gerade auf Dienstreise. Sein Chef – der König David – hat den Soldaten Uria in den Krieg gegen die Ammoniter geschickt. Der Ehemann ist also nicht da, für David gibt es also kein Hindernis. Er lässt die Frau – Bathseba heißt sie – zu sich kommen und schläft mit ihr. Soweit scheint alles gut zu sein, doch gewisse Taten lassen sich nicht verbergen. Bathseba wird nämlich schwanger. Was tun? David will Uria das Kind als Kuckuckskind unterschieben. Er beordert ihn also unter einem Vorwand aus dem Feld zu sich und fragt ihn über den Kriegsstand aus. Dann erwartet er, dass Uria heim zu seiner Frau geht und mit ihr schläft. Aber weit gefehlt. Uria denkt sich nämlich: Meine Kameraden können auch nicht zu ihren Frauen heimgehen, also tue ich das auch nicht.
Nun ist guter Rat für David teuer. Und so beschließt er, dass Uria sterben muss. Wenn der tot ist, kann er, David, nämlich Bathseba ganz normal heiraten. Es gibt keinen Skandal, alles ist eine schöne, runde Sache. Und hier setzt unser Predigttext ein. Er steht im 2.Sam.12,1-10.13-15a:

TEXT

Liebe Gemeinde,
„Pharisäer und Zöllner“: David vereint beides in seiner Person. Auf der einen Seite verehrt er Gott, eifert für ihn. Auf der anderen Seite missachtet er ihn aber auch. Ähnlich geht es auch in unserem, in meinem Leben. Ich liebe Gott, ich möchte ihm gefallen, ich hoffe auf ihn. Aber dann kommen wieder Zeiten, wo ich seinen Gebote zuwiderhandeln zu scheine, ganz nach dem, was mir und nicht Gott wichtig ist.
David denkt wohl gar nicht an Uria und Bathseba, als der Prophet Nathan zu ihm kommt und ihm die Geschichte erzählt. Was Nathan da erzählt, ist ja auch beschämend. So beschämend, dass David spontan ausruft: „Der Mann soll sterben!“

Ich erkenne mich wieder in diesem David. Wie oft schon habe ich – und Sie bestimmt auch – andere wegen ihres Tuns verurteilt. Wie oft meine ich, ein besserer Mensch als die anderen zu sein. Wie oft geht es mir so, dass ich mich über andere ärgere, weil sie meinen Ansprüchen gerade in Glaubensdingen nicht genügen.
„Der Mann soll sterben!“ ruft David aus. Zöllner oder Pharisäer? Nathan legt sofort den Finger in die Wunde: „Du bist dieser Mann! Du hast Uria getötet, damit du Bathseba heiraten und deinen Fehltritt vertuschen kannst!“
Zöllner oder Pharisäer? David fällt in sich zusammen. Das, von dem er dachte, dass es nie herauskommen könnte, dass ist nun ans Tageslicht gezerrt worden. Nun zeigt er wahre Größe, nun ist er ganz Zöllner: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn!“ David ruft Gottes Gnade an, setzt sich ihm ganz wehrlos aus. Er vertuscht nichts, redet sich nicht heraus: Sondern erwartet Gottes Urteil. Ein Urteil, das er sich ja selbst schon gesprochen hat: „Der Mann soll sterben!“

In unserem Urteilen sind wir groß und manchmal auch grausam, so wie David auch. Aber wenn es uns dann selbst betrifft, dann merken wir: Wir kommen da nicht heraus. Wie gut ist es dann, zum Zöllner zu werden und an Gottes Gnade und Barmherzigkeit zu appellieren zu können. Wer das tut, darf ganz auf Gott hoffen. Der Zöllner, der von Gott selbst gerechtfertigt wird. Der König David, der zwar bestraft wird, aber nicht sterben muss und dessen Sünde Gott wegnimmt. Und auch wir, die wir uns auf Christus berufen dürfen und alles, was wir falsch machen und wo wir uns wie ein Pharisäer aufführen, Gott sagen dürfen, werden gerechtfertigt werden, und zu uns wird einmal gesagt werden: „So hat der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben, sondern sollst leben!“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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