So weit, so gut?

Die „Bunte““ hätte triumphiert. Kai Diekmann hätte etwas über den überschrittenen Rubikon geschrieben und die ARD hätte nach der „tagesschau“ einen Brennpunkt gesendet. Eine Ministerin, ein Politiker oder eine Abgeordnete unserer Tage hätte ein solches Verhalten das Amt, den Posten, vielleicht auch die Karriere gekostet. Sicher, die Betroffenen hätten nach der Geschichte und nachdem etwas Gras darüber gewachsen wäre, ein Buch schreiben, in Talkshows auftreten oder ein paar Interviews geben können, aber das Bild in der Öffentlichkeit hätte sich verfestigt. So etwas tut man nicht! Die öffentliche Meinung wäre von diesem Satz dominiert. Das gehört sich nicht. Auch das moralische Urteil wäre längst gefällt. Irgendwann wäre der Zirkus vorbeigewesen und die Öffentlichkeit hätte sich einem anderen Thema zugewandt. So weit, so gut.

Nathans Mission ist eine andere. Er will eine grundlegende Veränderung im Verhalten seines Gegenübers bewirken und er geht umsichtig vor. Zum Urteil bietet er zudem noch die Möglichkeit zur Selbsterkennung.

Nathan meint es gut mit David. Und David hat Glück, jemanden wie Nathan zu haben. Jemanden der ihm mutig gegenübertritt und ihm hilft, den Kern seines Versagens selbst aufzudecken. Jemanden, der in die herrschende Wirklichkeit hereinbricht, wie ein Gewitter im Sommer. Nicht im eigenen Auftrag, sondern weil er es anders weiß. So ein Sommergewitter kann ja reinigende Kraft haben, nachdem man alle Trümmer beiseite geräumt hat.
Wie gesagt, Nathan ist klug genug dem erfolgreichen König während seines unangekündigten Besuches erstmal nur ein Gleichnis zu erzählen. Dabei ist der Ausgang klar. Das Verhalten des reichen Mannes, der dem armen Mann sein Lamm nimmt ist natürlich nicht richtig. Ein solches Verhalten, in dem der scheinbar mächtigere dem scheinbar ohnmächtigen etwas wegnimmt, nur weil er die Macht dazu hat, nur weil er es kann widerstrebt dem Bild von einer funktionierenden Gemeinschaft Es ist nicht Recht!
Ja, das stimmt wohl. Auch David sieht das so. Er kann sich dieser Geschichte nicht entziehen. Er ist empört. Er spürt, das Unrecht und er spricht sein Urteil. Eine Ersatzleistung soll dieser ungerechte Mann leisten und dann den Tod erleiden.
David ist in Rage. Nathan hat ihm eine klare Geschichte erzählt. Der Mächtige erkennt das Unrecht, weil er sich in die Rolle des armen Mannes versetzen kann.

So weit, so gut! Aber das ist noch nicht der Clou der Geschichte. Das wäre zu einfach. Sicher auch schön, aber mit welchem Recht würde diese Geschichte dann 3000 Jahre später immer noch erzählt? David erkennt seine Ungerechtigkeit und alles geht wieder auf Anfang?
Nein, die Geschichte geht tiefer. Es geht schließlich um das Unrecht das dort geschieht und Menschen die Lebensgrundlage entzieht. Solches Unrecht erkennen wir, wenn es geschieht. Meistens jedenfalls. Übrigens besonders gut bei anderen. Meine eigenen Fehler erkenne ich zwar auch, aber bisweilen nicht so hingebungsvoll.

Darum ist diese Geschichte nicht nur eine Geschichte für David. Diese Geschichte hat ihren Mehrwert darin, dass sie eben uns allen den Spiegel vorhält. Dabei geht es Nathan nicht darum, David moralisch zu vernichten. Nathan weiß vielmehr um die Barmherzigkeit Gottes, um dessen Gnade, die mit unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit nicht immer deckungsgleich ist. Nathan erzählt von dem Gott, der es macht, das über Bösen und Guten genauso die Sonne scheint, wie er zugleich aber auch den Regen auf die Köpfe der Gerechten und Ungerechten fallen lässt.

Was Nathan also stellvertretend sagt ist: „Bathseba erscheint noch immer auf so manchem Dache und nicht wenige Zeitgenossen interessieren sich für das Lamm in Nachbars Stall, auch wenn sie es nicht nötig haben. Das Eigentum des anderen strahlte schon immer eine hinreißende Faszination aus. […] Der Seitenblick auf fremde Belange ist eine natürliche Schwäche, und über die Schuld der anderen lässt sich trefflich diskutieren. Es ist unter allen Umständen leichter zu sagen ‚Dieser Mann ist des Todes schuldig‘, als zu begreifen, dass wir selbst an den Ursachen der Verschuldung mitbeteiligt sind. (Vgl.: S. Herrmann, in: GPM, 11. Sonntag nach Trinitatis, 1976, S. 358).

Nathan macht die Missstände deutlich. David nimmt sich heraus, was keinem zusteht. Er nutzt seine Macht aus und macht sich seine Welt, wie sie ihm gefällt und missachtet dabei alle grundlegenden Regeln menschlichen Zusammenlebens. Regeln, die der eigenen Selbstverwirklichung nicht umsonst bei Zeiten entgegenstehen. „Freiheit haben“ bedeutet eben nicht, dass man tun und lassen kann, wie es einem gerade gefällt. Freiheit nutzen heißt, Grenzen zu respektieren. Ein reicher, mächtiger König und ein armer und noch dazu treuer Soldat, der ein qua Stellung überlegen, der andere ihm unterstellt. Beide leben in einer auf Regeln basierten Gemeinschaft. Alle zusammen: Reiche und Arme. Macht und Ohnmacht und Davids Verhalten schadet der Allgemeinheit.

Du bist der Mann, sagt Nathan, unterbricht das verheerende Tun und bringt die bösen Taten ans Licht. Er sorgt für Klarheit in diesem Dickicht aus Bösem und menschlichen Abgründen und ermöglicht so die Erkenntnis, dass David, dass wir, unsere Richterstühle zum einen getrost verlassen können, zum anderen reicht alle macht dieser Welt nicht aus, um Vergebung zu erlangen.

Der, der uns das sagt, ist Gott. Und Gott unterbreitet uns ein Angebot, dass nur er machen kann. Nach dem Bekenntnis der Sünde ereignet sich Gnade. Aber Vorsicht! Das hier beschriebene begründet keinen heilsgeschichtlichen Automatismus! Nein, Gott nimmt sich die Freiheit und lässt uns etwas davon erfahren was es heißt, in seiner Gegenwart zu leben: Von Schuld befreit. Nicht erst im Himmel, sondern bereits hier auf Erden.

Das ist genau der Gott mit dem wir es hier und immer zu tun haben möchten. Dieser Gott fördert die Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit. Die Erkenntnis des eigenen Versagens, so kann man es zusammenfassen, „ist der erste Schritt zur Rettung.“ (Ebd., S. 359). Und David hat begriffen Eins hat, dass wir uns nicht unserer Schuld selbst entledigen können.

Nathan meint es gut mit David. Und David hat Glück, jemanden wie Nathan zu haben. Jemanden der ihm mutig gegenübertritt und ihm hilft, den Kern seines Versagens selbst aufzudecken. Jemanden, der in die herrschende Wirklichkeit hereinbricht, wie ein Gewitter im Sommer.

So weit, so gut? Leider nein! Denn die Geschichte spart mit einem Happy End. Die Gnade Gottes und sein Zuspruch der Vergebung mögen bedeuten, dass es einen neuen Anfang gibt, aber da ist noch mehr:
Zwar zeigt Nathan David einen neuen Weg, aber im selben Atemzug kündigt er den Tod des Neugeborenen an. „Das neugeborene Kind, tatsächlich am unschuldigsten an dem ganzen Desaster, soll die Strafe tragen. Unbefriedigend ist das, unbegreiflich. Dem Verbrecher wird vergeben, das unschuldige Kind stirbt. Es scheint fast, als habe nun doch die kriminelle Machenschaft gesiegt, noch dazu mit Gottes Segen.“
Und so wirkt der Schluss der Geschichte mehr als befremdlich: David wird vergeben und damit der vermeintliche Zusammenhang „wonach jedes Handeln seine folgerichtige Konsequenz nach sich ziehe“ aufgebrochen, aber zu welchem Preis?

Die Tatsache des sterbenden Kindes ist am Ende „das schicksalhafte Zeichen für geschehenes Unrecht.“ (Vgl.: S. Herrmann, a.a.O.; S. 359) und zugleich verdeutlicht diese kurze Episode mit aller Macht die zerstörerische Kraft der Sünde. Das verstehe ich und doch bleibt es unverständlich.
Klar: Ich kann meiner Schuld nicht ausweichen. Ich kann nicht ewig hoffen, dass Unrecht unsichtbar bleibt. „Undenkbar allerdings, dass Jesus dann dennoch eine Strafe ausspricht, die Tod bedeutet.“ Jesus ist gekommen um uns frei zu machen und uns einen Vorgeschmack davon zu geben, was es heißt wirklich frei von Schuld zu leben. „Er ist nicht gekommen, um unsere Lebensverfehlungen gnadenlos aufzudecken, sondern um uns zu versöhnen: mit Gott, untereinander, mit uns selbst.“ (Vgl.: J. Schilling, in: Lesepredigten, Textreihe VI, Bd. 2, Leipzig 2014, S. 90).
Die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes und das Kommen Jesu zu uns Menschen sind für mich zwei Seiten einer Medaille.

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