Konfirmation: Suche nach Gerechtigkeit

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde!
Nun ist der Tag eurer Konfirmation gekommen. Fast zwei Jahre haben wir uns gemeinsam darauf vorbereitet.
Vor einigen Wochen habt ihr der Gemeinde in eurem Vorstellungsgottesdienst gezeigt, dass ihr verstanden habt, worum es beim christlichen Glauben geht. Als Thema habt ihr euch Gleichberechtigung ausgesucht. In der Vorbereitung haben wir dann schnell festgestellt, wie aktuell dieses Thema ist. Nicht nur die anhaltende Frage, wie viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen dürfen hat euch da beschäftigt. Es ging auch um die Gerechtigkeit bei der Vergabe von Schulnoten oder um Betrug beim Sport.
Für Eure Konfirmation habe ich euch hier vorne eine Waage aufgebaut. Die Waage ist ein altes Bild für Gerechtigkeit. Sie wird schon als Symbol für die römische Göttin Justitia verwandt.
Heute möchte ich sie als Bild für euch und euer Leben nehmen.
Rund 14 Jahre eures Leben liegen jetzt hinter euch. Jahre vor allem des intensiven Lernens.
Als kleine Kinder zu Hause hat das angefangen. (Gewicht auflegen). Ihr habt Sprechen und Laufen gelernt. Gelernt, die eigenen Bedürfnisse mit denen eurer Eltern abzugleichen. Ein Prozess der bis heute andauert und nie ganz enden wird.
Im Kindergarten (Gewicht auflegen) habt ihr dann gelernt, euch auf andere Kinder einzustellen, handwerkliche Fähigkeiten wie Schneiden, Malen und Basteln. Auch, dass ihr für euer Leben selber die Verantwortung tragt und dass ihr euch aus dem breiten Angebot etwas heraussuchen müsst, was für euch gerade gut ist.
Schon im Kindergarten aber wachsen auch die Anforderungen an euch. Du musst das können, du musst dich in eine Gruppe einfügen können, du musst schulfähig werden. Manche und mancher von euch hat sich schon in diesem Alter einem großen Berg an Anforderungen gegenüber gesehen. (Gegengewicht auflegen).
Seit 8 Jahren besucht ihr nun die Schule. (Gewicht auflegen) Schon in der Grundschule beginnt der Druck zu wachsen. Du musst Leistungen bringen, damit die Karriere nicht gefährdet wird. Mathe, Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Sport, Kunst auch Religion werden benotet. Wer nicht überall mithalten kann, bekommt vor Augen gemalt, dass aus seinem oder ihrem Leben nichts werden kann. Ihr habt ganz viel gelernt. In manchen Fächern merkt ihr schon heute, dass ihr mehr wisst als eure Eltern, die euch bei den Hausaufgaben schon nicht mehr helfen können. Trotzdem werden die Anforderungen noch höher. (Gegengewicht auflegen). Heute muss man mehr wissen.
Mit wachsendem Bewusstsein für die Welt um euch habt ihr auch gelernt, euch Gedanken um die Natur zu machen. Einige von euch setzen sich für den Tierschutz ein, machen sich Gedanken um den Erhalt der Natur. Das freut mich zu sehen! Gleichzeitig erkennt ihr aber auch, welch gewaltige Aufgaben euch die Generationen vor euch auferlegt haben: Atommüll, Klimawandel zur Neige gehende Ressourcen werden euer Leben begleiten. Wenn ihr für diese Aufgaben nicht bessere Lösungen findet als meine Generation, ist das Überleben auf diesem Planeten bedroht. (Gegengewicht auflegen).
Die letzten 1 ½ Jahre haben wir miteinander über den christlichen Glauben gesprochen. Ich habe versucht, euch an den gemeinsamen Vormittagen zu vermitteln, was es heißt, als Christ in dieser Welt zu leben.
Noch mehr Vorschriften, so haben einige gedacht. Texte zum Lernen, Regeln des Miteinander, die einzuhalten sind. Besuche in Gottesdiensten, die der Form nach meist eher Veranstaltungen für Erwachsene sind. Ihr habt euch auf diese Zeit eingelassen und alle Bedingungen erfüllt, die wir euch gestellt haben (Gewicht auflegen). Ihr habt aber auch wahrgenommen, dass Gerechtigkeit nicht nur uns hier in Wunstorf betrifft. Auch nicht nur die Menschen in Deutschland, denen es zur Zeit überdurchschnittlich gut geht. Gerechtigkeit, so habt ihr auch bei eurem Vorstellungsgottesdienst gezeigt, muss alle in den Blick nehmen, sonst ist es keine Gerechtigkeit. Als Christen sind wir mit Menschen auf allen Kontinenten eng verbunden. Wir wissen voneinander und tragen füreinander Verantwortung. Die Aufgabe, die Jesus uns stellt geht sogar weit darüber hinaus: Liebet eure Feinde! Helft ihnen, alles Trennende zu überwinden. Damit tragen wir die Verantwortung für gerechte Lebensbedingungen für alle Menschen dieser Welt. wir sollen vergeben, wenn uns Unrecht geschieht, nach Frieden such, wenn uns Gewalt angetan wird. Wer versucht, die Bergpredigt Jesu in seinem Leben zu verwirklichen, hat viel vor sich (Gegengewicht aufstellen).
In den nächsten Jahren werdet ihr die Schule abschließen, eine Berufsausbildung machen und dann Verantwortung übernehmen können. So wie ich euch kennen lernen durfte, bin ich zuversichtlich, dass ihr euch auch den Aufgaben stellen werdet, die nicht unmittelbar auf der Hand liegen. Dafür stelle ich euch gerne noch ein Gewicht auf die Seite mit euren Leistungen.
Wenn ich mir diese Waage ansehe, dann ist es zum Verzweifeln: Bei allen Anstrengungen, bei allem was man schon erreicht hat, bleibt die Waage doch immer in einer Schieflage. Niemand wird den Anforderungen gerecht, die uns das Leben stellt. Das ist eine Erfahrung, die nicht erst ihr machen müsst, sondern die die Menschheit begleitet. Paulus hat das in seinen Briefen beschrieben. Martin Luther ist daran verzweifelt. Alle hier in der Kirche haben diese Erfahrung gemacht. Aus eigener Kraft werden wir keine gerechte Welt erreichen.
Einige haben daraus die Konsequenz gezogen, es gar nicht erst zu versuchen. Sie bemühen sich nur noch um ihr eigenes Glück. Sehen zu, dass sie ausreichend Geld verdienen, soll doch der Rest der Welt sehen, wie er zurechtkommt. Sie tragen durch ihr Verhalten dazu bei, dass die Waage immer weiter umkippt. Die Aufgaben werden immer größer, weil so viele die Folgen ihres Handelns nicht sehen oder nicht sehen wollen.
Der Kern unseres Glaubens weist in eine andere Richtung. Auch wenn Gott uns lehrt, alle in den Blick zu nehmen, lässt er uns mit dieser ungerechten Welt nicht allein. In Beichte und Abendmahl habt ihr gestern Abend vor Gott abgelegt, was euch belastet. Schuld, die eigene Unzulänglichkeit muss uns nicht von Gott und einem gelingenden Leben trennen. Gott spricht euch und uns Vergebung zu. Wir dürfen immer wieder zu ihm kommen und uns von ihm zu einem neuen Anfang helfen lassen. Es gibt einen Ausweg. Ungerechtigkeit kann überwunden werden. In der Taufe hat Gott uns zugesagt: Ihr seid meine geliebten Kinder. Ich will euch zu eurem Recht verhelfen (Gewicht auflegen). Weil Gott es so will, schlägt die Waage zu unseren Gunsten aus. Das ist der Glaube, zu dem ihr euch heute bekennt. Weil Gott es so will, muss ich nicht die Masse der Aufgaben sehen, sondern meine Möglichkeiten. In ihrem Rahmen kann und soll ich leben dann wird Gott mein Begleiter und Fürsprecher sein.
Mit eurer Konfirmation übernehmt ihr heute Verantwortung in unserer Gemeinde. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Gemeinde durch euch bereichert wird. Ich hoffe, dass ich euch in den nächsten Jahren an der einen oder anderen Stelle wieder sehe, dass ihr euch einbringt, um Gottes Reich auf Erden ein Stück weit Realität werden zu lassen. Wie das aussehen kann, habt ihr als Konfirmanden erlebt. Was ihr daraus macht, werden wir als vor euch Konfirmierte sehen.
Amen.

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