Damit ihr euch nicht selbst für klug haltet! (Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!)

Liebe Gemeinde!
Wer von uns hier kennt Jüdinnen und Juden, welche Gemeinden hier im Kirchenkreis pflegen Kontakte zu jüdischen Gemeinden? Heute am Israelsonntag ist darum mit Recht zu fragen, „ob die ‚Gottesdienste in Israels Gegenwart‘ nicht ungleich solche in „Israels Abwesenheit“ sind und ob das Nachdenken über „Kirche und Israel“ nicht ausschließlich in christlichen Kreisen oder nur wenigen Köpfen stattfindet?“ (Arbeitshilfe zum Israelsonntag, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste)
Wahrscheinlich aber ist es noch schlimmer: Wenn hier über Israel nachgedacht wird, dann doch meist mit einem mahnend erhobenen Zeigefinger, den Blick fest auf den Nahostkonflikt gerichtet. Von Geschwisterlichkeit ist dann oftmals keine Spur mehr, aber dafür reicht das Spektrum der Äußerungen dann von echten Sorgen und Vorbehalten bis hin zu unverhohlener Judenfeindlichkeit, denn nichts anderes bedeutet das schönfärberische Wort „Antisemitismus“.

Selbstverständlich! Der heutige Tag fragt uns als Gemeinde, als Christinnen und Christen, wie stehst du zu Israel? „Wie stehen wir zum jüdischen Volk?“ (Vgl.: Chr. Kähler, Lesepredigten, Textreihe VI, Bd.2, Leipzig 2014, S. 79.)
An Israel denken, heißt immer auch an unsere Geschichte zu denken. Grausames ist den Juden in Deutschland widerfahren. Verfolgung, Deportation, Tod. Unsere Aufgabe ist es, uns an diese Geschehnisse, sich an diese Menschen zu erinnern. Sogenannte Stolpersteine vor Häusern der ehemaligen Bewohner, die ihr Hab und Gut aufgeben mussten, in vielen Städten unseres Landes, auch hier in Bad Hersfeld, erinnern uns an diese schreckliche, dunkelste Zeit.
Natürlich gibt es auch kritische Stimmen zu diesen „Gedenksteinen im Straßenpflaster zwischen Kaugummis, Hundedreck und Kippen.“ Das ist sicher richtig, dennoch sind diese Steine „eindrücklicher als anonyme Opferzahlen, die sich doch kaum jemand wirklich vorstellen kann!“ (A.a.O., S.79ff.) Über einen solchen Stein kann ich stolpern.

Andererseits vermischt sich mit diesem Tag heute beinahe automatisch die Frage nach dem Nahostkonflikt. Da wird schnell Partei genommen gegen Israel. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist meistens kein echt brennendes Placet für die scheinbar gefährdete Meinungsfreiheit, sondern oftmals nur Transporter für billigen Populismus und gefährliche Verkürzungen.

Dabei ist es kaum möglich, den Sachverhalt genau zu beschreiben. Zu keinem anderen Konflikt in der Welt gibt es seitens der Vereinten Nationen so viele Resolutionen wie zur Lage im Nahen Osten. (Vgl.: H. M. Broder: Wollen wir mit dem Quatsch nicht endlich aufhören?, in: Die Welt, 18. August 2014) und bis heute sind alle diese Pläne zur Beilegung des Konflikts gescheitert. Aber immer wieder keimt Hoffnung auf. Auch wenn diese brüchig ist und die Waffenruhe immer wieder neu verhandelt werden muss. Das Vertrauen zueinander hält nicht viel aus. Die Brücken hin und her sind nicht sehr belastbar. Sicherlich liegt das auch daran, dass sich auch die beteiligten Parteien untereinander nicht einig sind.

Und in der beschriebenen Region gibt es ja noch andere Konflikte, die sich ebenso aussichts- und hoffnungslos darstellen: Der Krieg in Syrien und die schlimmen Nachrichten aus dem Nordirak in Zusammenhang mit einer dort dominierenden Terrorgruppe namens „Islamischer Staat“.

Und mittendrin leben Christen, deren Gemeinden älter sind als unsere hier. Jetzt leben sie dort in Angst, in Angst um ihr Leben und das ihrer Familien. Am Ende steht die Beobachtung: „je länger und genauer wir in den Nahen Osten schauen, umso schwieriger bleibt es, Formen angemessener Hilfe zu finden." (Vgl. Chr. Kähler, a.a.O. S. 81).
Allerdings sind wir als Christen in Deutschland nicht gut geeignet Ratschläge zum Frieden zu geben, denn allzu leicht könnte das was wir sagen rechthaberisch klingen.

Aber Paulus. Ausgerechnet! Der Heißsporn ist an diesem Tag genau der Richtige. Nicht weil er bekannt ist für seinen Langmut und seine Geduld, nein, er hat im Römerbrief einen komplizierten Gedankengang entwickelt und im heutigen Predigttext kommt er zum Abschluss dieses Gedankengangs. Er löst damit nicht die politischen Probleme, aber er klärt nachvollziehbar „die Grundlagen für uns, worauf wir verpflichtet sind.“ (Ebd.)

Im Römerbrief kämpft Paulus über weite Strecken mit seiner Erfahrung, dass das von Gott erwählt Volk, sein eigenes Volk, nicht an Jesus Christus glauben will. Sein Messias ist nicht der Messias der Juden. Diese Erfahrung trifft ihn hart und er ringt um Verstehen. Er fragt, er proklamiert, er behauptet, er probiert. Am Ende steht die Frage im Raum: „Steht Israel in Feindschaft zu Gott?“
Dieses Ringen des Paulus um eine schlüssige Antwort haben viele Theologen einfach so stehen lassen. Sie haben nicht verstanden, was Paulus will. Sie haben auf halber Strecke aufgehört, weiter mit ihm zu denken und nicht gemerkt, dass Paulus genau das verhindern wollte: Ein Überlegenheitsgefühl. Christinnen und Christen haben keinen Grund zum Hochmut!

[TEXT]

„…damit ihr euch nicht selbst für klug haltet!“ Das war und das scheint bisweilen das Problem zu sein. Sind die Christen etwa klüger als die Juden? Oder sind sie gar schlauer als Gott? Sollte der seinem Wort gegenüber dem Volk Israel wortbrüchig geworden sein? Ein untreuer Gott? Und wäre das so, wie belastbar wären dann seine Zusagen an uns, die Christinnen und Chariten, die an Jesus Christus glauben?
Mitnichten! Paulus gewinnt die Erkenntnis, dass „entweder auf alle Verheißungen Gottes Verlass ist oder auf gar keine!“ (A.a.O. S. 82).
Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
Und dieses Vertrauen hat natürlich Konsequenzen: „Es hilft gegen Selbstüberschätzung und gegen Selbstüberforderung!“ Außerdem hilft es, die eigenen Grenzen unseres Wirkens in unserer Zeit, mit all ihren Problemen erkennen zu können. (Ebd.)

Beim diesem Erkennen hilft die Erinnerung an die Hoffnung, wie Karl Barth sie beschreibt:
„Hoffen heißt: den Blick fest auf die hoffnungsvolle Wirklichkeit gerichtet, wissen um ihre Relativität, wissen um das Ziel…“ Und das ist die Hoffnung gegen alle niederdrückende Realität, die nicht aufhört und das Ziel der Geschichte Gottes mit seinen Menschen vor Augen hat. Dabei wissen wir, wie „gefährdet das Zusammenleben verschiedenere Völker und Religionen“ sind und „wir werden unsere eigenen Möglichkeiten zu helfen nicht überschätzen.“
Aber dem Ziel gehen wir gemeinsam mit Israel entgegen, wissend das „für uns Christen hat das jüdische Volk eine Bedeutung, die mit einem politischen Urteil nicht begriffen werden kann. Wenn wir vom jüdischen Volk reden, geht es nicht zuerst um ein moralisches, sondern um ein theologisches Urteil. Gott hat dieses Volk erwählt vor allen Völkern […]“ (Vgl.: H. Theurich: PSt., Perikopenreihe II, Bd.2, Stuttgart 1998, S. 129).

Gottes Festhalten an seinem Volk hat dshalb auch für uns eine nicht minder schwere Bedeutung: Gottes Festhalten an seinem Volk bedeutet für uns Hoffnung, denn auch gegen jede Verschlossenheit, gegen jede Verstockung setzt Gott sein Heil und sein Erbarmen.
AMEN!

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