Wär heut mein letzter Tag…

Das sein eigenes Ende so unmittelbar bevorstehen könnte, hatte er bis vor wenige Monate nicht für möglich gehalten. Die Diagnose, die Ratlosigkeit der Ärzte, die Verzweiflung der Menschen, die er liebte und die er gerne um sich haben wollte, trafen ihn wie ein Schock, dessen Starre er nicht überwinden konnte.
In seinem Leben und für seine Zukunft hatte er alles geplant und wohl überlegt.“Das Beste kommt doch erst noch“ hatte er oft mit lautem Lachen gesagt, wenn sich das Gespräch um die Zukunft drehte und er die Hilflosigkeit seiner Freunde vor lauter Zukunftsangst sah. Er kannte seine Fähigkeiten, seine Begabungen, er konnte Menschen in den Bann ziehen, was er anpackte, gelang ihm in der Regel. Er war der Typ Mensch, der immer alles im Griff behielt. Ihm war nicht bange davor, dass es einmal langweilig werden könnte in seiner Zukunft – ja in einer Zukunft, die er jetzt nicht mehr haben sollte. Das Ende – denn ein Ziel konnte es für ihn nicht sein – das Ende war nah und ob dies gerecht war, wusste er nicht. Gene hätte er gekämpft um Wochen und Monate, aber er solle, so der Rat, sich lieber fügen und den Tag, den Augenblick bewusst auskosten.
Sie wollte endlich, dass es vorbei ist. Es muss doch einmal ein Ende haben. Ihr Leben war lang und erfüllt, Aber ein leichtes Leben war ihr wohl nicht in die Wiege gelegt. In arme Verhältnisse hineingeboren, musste sie sich als Mädchen und als Frau alles mühsam erkämpfen, konnte sich gut an die Kriegs- und Aufbauzeiten erinnern, musste mit wenigem ihre drei Kinder großziehen, ihnen Mutter und Vater sein und wollte, dass deren Leben in ruhigeren Fahrwassern verläuft. Sie war bescheiden geblieben, hatte vieles im Leben entbehrt, aber wahrscheinlich nicht wirklich vermisst, denn sie kannte es nicht anders. Sie hätte die Frage, ob sie eine besondere Begabung hätte, nicht beantworten können. In ihrer Zeit brauchten die Töchter keine Begabungen, sie sollten heiraten und sich um die Kinder kümmern. Manchmal spielte sie mit dem Gedanken, wie es wäre, heute jung zu sein; sie überlegte, wie lange sie die Schule hätte besuchen können und welche Berufe ihr gefallen hätten. Aber das Leben war nun einmal gelebt, viel konnte nicht mehr kommen, das Ende sollte es endlich sein. Alles ist einmal gut und genug, auch das Leben, wenn man am Ende seines Weges, seiner Kräfte und damit seiner Möglichkeiten ist.
Aber noch war es nicht da, und das Ende zu bestimmen stand nicht in ihrer Macht, da war sie sich sicher.
Das Ende der eigenen Lebenswelt kann unverhofft kommen und dann wird sich erbarmungslos zeigen, was wir mit unserem Leben anzufangen wussten, oder aber es wird herbeigesehnt, unabhängig davon, ob wir uns nach der Anstrengung eines langen arbeitsreichen Lebens nur noch nach Ruhe sehnen oder aber die Perspektivlosigkeit und fehlenden Möglichkeiten der letzten Jahre nicht mehr aushalten und endlich und endgültig die Augen davor schließen wollen.
Es reicht manchmal schon der Blick auf unsere kleinen Lebenswelten, auch wenn der Predigttext dieses Sonntages in ganz anderen Maßstäben denkt. Er rechnet mit der Ende der Welt und hält jeden Tag für sich genommen schon für einen Augenblick der Langmut Gottes, dass noch einmal, heute noch einmal die Sonne über allen aufgegangen ist.
„Wär´ heut mein letzter Tag…?" was täte ich mit ihm?
Ich könnte die Puppen tanzen lassen, das Leben ausgiebig wie eine Orgie feiern und dann besinnungslos untergehen.
Ich könnte mit Jammern und Klagen mir den letzten Tag verdunkeln, jeden Augenblick ungenutzt verstreichen lassen und mit der Überzeugung gehen, dass das Leben und Gott insbesondere ungerecht seien. Und den Moment, den Augenblick, das Leben darüber verspielen und verpassen!
Oder ich könnte mit Luther gesprochen das berühmte Apfelbäumchen pflanzen, von einer guten Zukunft gegen allen Augenschein – wenn schon nicht für mich, dann für andere – träumen, den Moment, den Augenblick, den Tag, den ich jetzt in den Händen halte, auskosten, mit jedem Atemzug leben und Leben in mir spüren.
„Nach mir die Sintflut“ ist keine Haltung des Glaubens, auch nicht in Erwartung des Endes. Die Welt hat sich verändert seit den Zeiten des ersten Petrusbriefes. Manches ist untergegangen: Reiche und Herrschaften, ihre Ideen und Ideale; aber unzählige Möglichkeiten habe sich auch aufgetan, dieses Leben bunt und vielseitig, reich und unerwartet zu gestalten.
Wir sind auch Herren des Endes geworden.
Wir haben dem Tod mit medizinischem Fortschritt Lebenszeit in Fülle abgerungen. Nie war die Lebenserwartung und damit Lebensmöglichkeiten so hoch wie heute.
Die Zukunft unserer Welt, die doch allein uns Leben ermöglicht und ermöglichen kann, halten wir in den Händen. Es reicht nicht mehr, nur um den Frieden in der Welt zu bitten, während sich in der Ukraine Waffen gegenüberstehen, im Irak Menschen im Namen Gottes verfolgt und ums Leben gebracht werden oder wir aus dem Wissen um die Klimaerwärmung trotz aller Bitten um Bewahrung der Schöpfung keine Konsequenzen ziehen. Aufrechte Gebete und verantwortliche Taten sind mit Dietrich Bonhoeffer gesprochen zwei Seiten der der gleichen Haltung. Dabei geht es gar nicht darum, immer schon und allein zu wissen, was das richtige ist und was uns einem guten Ziel näher bringt. Es geht darum, nicht immer hinter den eigenen Möglichkeiten zurück zu bleiben, sondern mit den Pfunden der Phantasie und Vernunft zu wuchern. Es geht auch nicht um den großen Wurf, sondern um die kleinen Möglichkeiten und Taten, die jedem offen stehen:
Das fängt in der Tat an, wenn gefaltete Hände diese Welt und die unzähligen Menschen mit Namen und Gesichtern, mit Hoffnungen und Tränen Gott aufs Herz legen und beten; und geht weiter, wenn dann vernünftige Menschen vernünftige Schritte zur Lösung von Konflikten und Probleme suchen und gehen.
Aus einer Liebe zum Leben und sei es nur für diesen einen Tag, der mir noch bleibt, kann der Respekt für die lebendigen Geschöpfe, die alle das Geschenk des Lebens und damit den Schöpfer in sich tragen, erwachsen.
Respekt und Zuwendung verdienen alle, die um ihr Leben bangen, die verfolgt sind und auf der Flucht nach Sicherheit und dem nackten Überleben Unterschlupf und Geborgenheit suchen. Geben wir ihnen Obdach!
Respekt und Zuwendung verdienen die, denen nicht geschenkt ist, an Orten des Reichtums und grünender Felder aufzuwachsen, sondern um das tägliche Brot kämpfen müssen. Teilen wir unseren Reichtum!
Respekt und Zuwendung verdienen die, die sich für andere einsetzen und den Traum von Gerechtigkeit und Frieden in einer Welt für alle nicht aufgegeben haben, egal ob sie aus religiösen oder humanitären Gründen handeln. Unterstützen wir sie mit unseren Gedanken, Gebeten und Gaben!
Und verdienen Respekt und Zuwendung nicht auch die, die ihr Leben riskieren, um sich Gewalttätern und Kriegslüsternen in den Weg zu stellen und schlimmeres Blutvergießen verhindern wollen? Sprechen wir ihnen nicht verantwortliches Handeln im Angesicht Gottes ab oder aber belächen sie mitleidig. Ich wünschte mir auch eine Welt ohne Waffen. Aber heute gilt wohl noch, was Christen vor genau 80 Jahren mit der Barmer theologischen Erklärung angesichts der Erfahrung des dritten Reiches als Bekenntnis und damit als Erkenntnis des Glaubens formuliert haben: Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an (These V)
Ich glaube nicht an das Ende! Darum ist mir nicht egal, was anderen widerfährt und was am anderen Ende der Welt passiert.
Ich glaube auch nicht an die Ausweglosigkeit der Situation, deswegen lohnt sich jede Tat, die aus dem Herzen kommt und aus der guten Absicht erwächst.
Ich misstraue dem Tod, der mir immer ins Ohr flüstert: das ist das Ende.
Ich glaube nicht an das Ende, aber daran dass alles an sein Ziel kommt. Das Ziel aller Dinge ist und bleibt Gott. Er wartet auf mich, auf dich, auf alle und er ist und bleibt nahe, egal wie nahe mir mein Ende heute ist. Auch das ist Nüchternheit und Besonnenheit des Glaubens, die wir in diesen Tagen gut gebrauchen können.
„Wär´heut mein letzter Tag, ich lebte ihn mit dir“ … Gott!

drucken