Denen, die die alten Geschichten nicht mehr hören mögen

Sie mochten diese ganzen alten Geschichten nicht mehr hören, obwohl doch schon Jahrzehnte vergangen waren und sie konnte die Bilder aus ihren Tagen nicht mehr ertragen. Zu viele Wunden rissen sie wieder auf! Dabei war sie damals noch ein kleines Kind, als in den letzten Wochen des zweiten Weltkrieges die Familie in aller Eile die wenigen Sachen, die sie mitnehmen konnten, zusammenpackte und von jetzt auf gleich aufbrach. Der Schrecken des Krieges und der Fluch der unsäglichen Gewalt der letzten Jahre hatte nun auch sie eingeholt.
Wie oft haben in den Folgejahren, in den verbliebenen Lebensjahren erst die Großeltern und dann die Eltern von der Not der Flucht erzählt: von der Kälte im Winter, von der Ablehnung der Menschen in den Orten, an denen sie Zuflucht wenigstens für eine Nacht gesucht haben, von dem Hunger, der irgendwann so weh tat, dass keiner mehr denken konnte. Ihr kleiner Bruder war in den Armen ihrer Mutter verhungert und manchmal hatte sie das Gefühl, die Trauer über den verlorenen Sohn wog im restlichen Leben schwerer als die Liebe zur überlebenden Tochter. Dunkel zwar nur waren in ihr Bilder aus dieser Zeit, die Schatten der Angst und der Ohnmacht aber wurden mit ihr groß und verließen sie nie mehr.
Dabei war das lange her, sie hatte längst eine neue, nein, eine eigene Heimat gefunden, es ging ihr und ihrer eigenen Familie äußerlich gut. Sie hatten sich etwas aufgebaut und sie waren nicht mehr die Flüchtlinge, die um Hilfe Bittenden, die in die Ecke Verwiesenen in ihrer neuen Heimat, sondern hatten einen Platz in der Gemeinschaft gefunden. Aber die Vergangenheit war für sie immer gegenwärtig, spätestens, wenn sie die Bilder der Flüchtlinge aus den Kriegs- oder Hungerregionen der Welt sah. Auch sie waren damals ja nicht politisch verfolgte, sondern Menschen, die die Folgen der Aggression und des Hasses des eigenen Volkes traf. Sie fühlten sich eigentlich immer unpolitisch ( was sie allerdings nie wirklich sein konnten), aber um das zu verstehen brauchte sie ein ganzes Leben. Sie trugen an der Schuld ihres Volkes und verloren vieles.
Wenn sie in die Gesichter der Flüchtlinge ihrer Tage schaute, so fremd sie ihr auch waren, so fern die Namen ihrer Länder und Familien auch klangen, so erkannte sie in der Verzweiflung der Gesichter die Geschichten ihrer Großelten und Eltern, die Erfahrungen der eigenen Kindheit.
Wie gut hatten es doch die nachkommenden Generationen, dachte sie dann: Frieden und Wohlstand, wie sie ihn erst nach Jahrzehnten erlebt hat, waren doch für ihre Enkel selbstverständlich.
Warum konnten sie damit nie zufrieden sein, sondern taten so, als bliebe ihnen das Leben alles schuldig, oder müsste sie erst von dem Sinn des Daseins überzeugen, damit sie sich doch noch daran freuen und darauf einlassen konnten, etwas daraus zu machen?
„Ach Oma, das verstehst du nicht!“ sagten sie dann, wenn sie wieder anfing zu vergleichen – und Recht hatten sie: sie verstand es nicht.
Ob sie vielleicht in ihrem Leben zu viel geklagt , ob sie die Dankbarkeit verlernt hatte, oder ob man sie im Schatten der eigenen Vergangenheit nur nicht mehr wahrnehmen konnte?
Sie wollte ja gar nicht immer klagen.
Sie hatte ja nicht mehr wirklich Grund zu klagen.
Aber es wirkte immer so, als könnte sie nicht anders.
Sehnsucht nach der Vergangenheit hatte sie dabei keine. Die Vergangenheit war glücklicherweise vorbei und kam hoffentlich nie wieder. Oder war es früher doch zufriedener, ruhiger, verbundener, heimatlicher ? All das ging ihr durch den Kopf, wenn sie die alten Geschichten wieder einmal hörte.
Man kann Leid ja nicht aufwiegen und vergleichen. Der Krieg kannte am Ende nur Opfer. Selbst die Täter wurden schließlich Opfer ihrer eigenen Taten. Es gab nur Verlierer. Erst als alles verloren war, gewannen sie ihr Leben und einen zerbrechlichen Frieden wieder, teuer erkauft, und nach dieser Zeit, den Mächtigen und ihren Reden verfallen, hatten sie noch nicht einmal auf etwas anderes gehofft oder gar um etwas anderes gebeten. Aber es war gekommen – Gott sei Dank- für alle unerhoffte Wendung.

Liebe Gemeinde,
auch so klingt die Geschichte vom Murren und von Wachteln und Manna nach.
Eine Geschichte der Befreiung und der Flucht, der Rettung und des Aufbruchs, die ganz schnell in der Klage, in der Verklärung der ach so viel besseren Vergangenheit zu versinken droht, weil der Bauch oft den Verstand lahm legt und bloß bis zur nächsten Mahlzeit denken kann.
„Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm, damals, als wir zu Essen hatten und unseren Frieden und unsere Ruhe… Sicherer war es auf den Straßen, Arbeit hatten fast alle….“ höre ich selbst heute noch einzelne erzählen. Denn die anderen, die Verschleppten, die Ermordeten, die Geflüchteten, die kannte man nicht mehr, die hatte man längst verdrängt und vergessen, sie versanken tief im Nichts angesichts der Fleischtöpfe.
Damals wie heute heißt es deshalb, die Erinnerung an die Schrecken und die Qualen wachzuhalten, und die richtigen Geschichten mit der ganzen Wahrheit, die immer mehrere Seiten und viele Gesichter hat, zu erzählen. Sie ist nie einfach und nie leicht, aber sie macht am Ende wirklich frei.
Wir leben wieder in so einer Zeit, in der erinnert werden muss: 100 Jahre nach dem ersten Weltkrieg, 75 Jahre nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges, 25 Jahre nach der Wende. Es ist höchste Zeit ist, sich zu erinnern und wachsam zu werden vor den Verführungen der verklärten Vergangenheit und zu entdecken, wie auf dem Weg in die Freiheit bei allen Nöten, bei allem Leid, bei allen berechtigten Klagen über schmerzhafte Veränderungen und Verluste, Neues beginnen konnte und Leben immer wieder möglich wurde.
Freiheit und Wohlstand sind ein Gottesgeschenk und hatten in den Überzeugungen und Taten in der Vergangenheit auch einen hohen Preis. Vergessen wir in der Erinnerung nicht die, die davon immer geträumt und oft ihr Leben eingesetzt haben.
Die Herren der Unfreiheit, der Gewalt oder gar des Todes möchte ich nicht richten müssen. Dazu braucht es Gott und seine Gerechtigkeit.
Aber den ewig Gestrigen, den Verächtern, den Leugnern, denen, die alte Vorurteile auch gegen Juden, oder neue gegen Muslime oder gegen Flüchtlinge, gegen alles Fremde, Beunruhigende, Aufrüttelnde bedienen,denen möchte ich mutig und glaubensvoll widerstehen.
Und fragen, ob wir nicht alles haben und alles bekommen, was dem Leben dient, und diesen Reichtum teilen können, statt ihn verderben zu lassen?
Wir müssen all das nur entdecken, aufsammeln und heute davon leben. Es lässt sich nichts im Leben aufsparen für ein Morgen, von dem ich gar nicht weiß, was es mir bringt. Nur wer heute lebt, lebt überhaupt. Das Morgen ist auch nur ein unverdientes Geschenk, das ich dann, wenn es kommt, dankbar annehmen kann.
Das ich heute lebe, dass mir heute Menschen begegnen, die mit mir unterwegs sind, an die ich gewiesen bin, die mir helfen oder denen ich ein gutes Wort oder ein offenes Ohr schenken kann, all das macht mein Leben endgültig zu etwas zutiefst sinnvollem und wertvollem.
Dafür wieder offen zu werden, sich dem Leben und dem Geber des Lebens und seinen Aufgaben wieder zuzuwenden, das ist vielleicht der Auszug, der auf uns wartet. Auch er kann mit Gottes Hilfe Befreiung und Aufbruch und der Anfang einer geschenkten Zukunft sein!

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