Schneller, höher, weiter

Citius, altius, fortius – schneller, höher, stärker – das ist das Motto der olympischen Spiele.
[Manchmal wird gesagt, das Motto sei „dabei sein ist alles“, aber das war es nie.]
Schneller, höher, stärker – beim Sport ist das ein sehr gutes Motto, den natürlich geht es darum, dass man zu immer besseren Leistungen kommt – natürlich ohne irgendwelche unerlaubten Hilfsmittel zu benutzen.
Schneller, höher, stärker – das ist aber nicht nur beim Sport das herrschende Prinzip, sondern vielleicht auch so etwas wie die Triebfeder jeglicher menschlicher Entwicklung:
→ Immer schneller wollen wir reisen, wollen wir unsere Daten im Internet übertragen können.
→ Immer höher wollen wir hinaus, wollen die Welt besser machen.
→ Immer stärker wollen wir sein, stärker als die anderen.

Und da fängt es eben auch an problematisch zu werden. Das Streben nach Höherem und Besseren ist auf der einen Seite eine ganz gute Sache. Dieser Wunsch immer besser zu werden treibt uns an Mittel gegen Krankheiten zu finden, technische Neuerungen zu erfinden, die der Menschheit zugute kommen.
Bei allen Problemen, die es so mit sich bringt, halte ich doch das Internet mit allen seinen Vorteilen für eine der besten Entwicklungen der letzten 50 Jahre. Wir haben ein Kommunikationsmittel in die Hand bekommen, was jedem einzelnen und der Menschheit insgesamt sehr nützlich sein kann und auch ist.

Schneller, höher, weiter – auf der anderen Seite schießen wir Menschen dabei aber auch manchmal deutlich übers Ziel hinaus. Nicht alles, was machbar ist, ist wirklich gut. Ein paar Beispiele:
→ Der große Sündenfall der Geschichte war die Kernspaltung. Natürlich hat die Entdeckung der Kernspaltung der Wissenschaft ein weites Tor zum Verständnis des Universums eröffnet und das was auch gut so. Aber die Nutzbarmachung der Kernspaltung hat uns letztlich wenig Gutes beschert. Nuklearwaffen bedrohen noch immer das Wohl des Planeten und auch die friedliche Nutzung der Kernenergie bringt mehr Schaden als Nutzen.
→ Dass Menschen übers Ziel hinaus schießen, erlebt man aber auch an ganz anderen Stellen:
Z.B. wenn es ums Geld geht! Davon können die meisten Menschen nie genug bekommen. Und je mehr Geld einer hat, umso mehr will er bekommen. Es gibt in Deutschland Spitzenmanager, die verdienen so viel (und zwar ohne Bonuszahlungen!), dass sie ohne Schwierigkeiten ein Jahr lang alle Ausgaben unserer Landeskirche (inkl. aller Gemeinden usw.) übernehmen könnten.
Vor einigen Jahren soll einer der reichsten Menschen der USA vorgeschlagen haben, dass die 10 reichsten Amerikaner jeweils eine Milliarde Dollar für wohltätige Zwecke spenden sollten. Klingt gut, aber: er würde nur mitmachen, wenn alle anderen auch mitmachten, damit die Reihenfolge der Reichen gleich bliebe. Was soll man dazu noch sagen?
→ Aber auch wir „normalen“ Menschen spielen dieses Spiel ja munter mit. Da dürfen gar nicht so sehr den Zeigefingen heben: das neueste Smartphone, Tablet und Flachbildschirm muss es schon sein. Schneller, höher, weiter, oder auch: schneller, neuer, schicker.

Wir Christenmenschen kennen aber noch ein anderes Konzept und ich möchte doch behaupten, dass wir es auch zu leben versuchen – jedenfalls sollten wir das.

Als Mose das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hatte und sie durch die Wüste zogen, kam es zu der kleinen Episode, die wir eben gehört haben:
Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: „Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des Herrn Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot in Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst. (Ex 16,2-3)

Und um die Menschen satt zu kriegen, schickte Gott ihnen morgens Manna zu essen.
Was das genau gewesen sein könnte, wissen wir nicht, aber das ist auch egal. Wichtig ist: Gott gab des Menschen zu essen. Jeden Morgen haben sie bekommen, was sie brauchten:
Und die Israeliten sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte. (Ex 16,17-18)

Wenn man dann in der Bibel noch etwas weiter liest, dass liest man, dass das dann aber so war, wie das immer bei uns Menschen ist – damals wie heute:
Die Menschen konnten nicht recht glauben, dass das Gott für sie sorgt und dass es alles immer für alle reichen würde. Und ein paar ganz Schlaue dachten sich: „Schneller, höher, mehr – wir legen sicherheitshalber mal ein paar Vorräte an. Man weiß ja nie.“ Und sie haben ganz besonders viel Manna gesammelt und dann nach dem Essen was beiseite gelegt – für schlechte Zeiten sozusagen.
Da hatte sie die Rechnung aber ohne Gott gemacht: Man kann Manna nämlich nicht aufheben! Das ist immer sofort schlecht geworden. „Ihr kriegt jeden morgen frisches Manna von mir. Wozu braucht ihr Vorräte? Vertraut ihr mir etwa nicht“, lautete Gottes Antwort.

Putzigerweise erleben wir in diesen Monaten und möglicherweise Jahren etwas ganz ähnliches. Allerdings hat Gott damit nichts zu tun.
Der Gedanke, dass man etwas für schlechte Zeiten zurücklegen könnte, ist heutzutage unsinnig geworden – jedenfalls wenn es ums Geld geht. Sparen? Geld anlegen? Das ist mittlerweile völlig unsinnig geworden, weil es im Prinzip keine Zinsen mehr dafür gibt. Wer Geld hat, gibt es am besten aus, den Sparen bringt nichts, ja schadet sogar fast schon.

Auch wenn das für meine Zukunftspläne und meine Zukunftsplanung eher beunruhigend ist, ist es aus dem Blickwinkel des Glaubens eine interessante Erfahrung.
Immerhin sagt mir Gott immer wieder in der Bibel und Jesus bestätigt es auch: „Sorge dich nicht! Mach dir keine Sorgen, ich sorge für dich!“ – „Schauet die Lilien auf dem Felde…“, sagt Jesus, „ihr himmlischer Vater kleidet sie herrlich.“
Dieses Vertrauen in Gott zu haben fällt schwer. Die Israeliten in der Wüste konnten das nicht und haben versucht Mannavorräte anzulegen und ich will nicht behaupten, dass ich heute viel besser bin.
Einfach nur so in den Tag hinein zu leben und mich nur um das zu kümmern, was gerade wirklich dran ist – das wäre nichts für mich. Da würde ich doch etwas unruhig.

Aber vielleicht könnte das doch funktionieren, wenn wirklich alle Menschen so leben würden. Wenn wir alle sorglos durchs Leben gehen könnten. Das hätte schon was! Wenn wir alle darauf vertrauen würden und könnten, dass Gott schon für uns sorgt.
Das könnte klappen, wenn wir dann auch noch füreinander sorgen würden. Wenn ich nicht mehr nur mich selbst, mein Leben und meine Liebsten im Blick hätte, sondern mich wirklich auch ohne groß nachzudenken um andere kümmern würde.
Aber: Das wird wohl bloß eine Utopie bleiben.

Schneller, höher, weiter – für andere
Etwas anderes aber kann doch gelingen, sollte es sogar:
Das Erkennen von Grenzen. Wenn ich schon alles erreicht habe, muss ich nicht noch mehr erreichen. Wenn es mir gut geht, dann will ich mich daran freuen, dass es mir gut geht. Ich mache mir doch meine gute Stimmung dadurch kaputt, wenn ich schon gleich darüber nachdenke, was ich als nächstes angehen kann. Was ich tun kann, dass es mir noch besser geht oder was nur ist, wenn es mir vielleicht nicht mehr gut geht.
Und wenn es mir gut geht und wenn ich dann auf andere schaue, dann ist es besser auf die zu schauen, denen es nicht so gut geht. Ihnen soll es doch auch gut gehen. Aber wenn ich dann nur auf die schaue, denen es noch besser geht…
Wie schön wäre es gewesen, wenn der amerikanische Superreiche einfach seine Milliarde gespendet hätte und sich gesagt hätte: Es ist doch egal, ob ich der dritt-, neunt- oder fünfzehnt-reichste Mann bin.

Und wenn wir schon einen Wettbewerb veranstalten wollen, dann sollte es doch ein Wettbewerb sein, wer sich am besten für andere einsetzt. Das wäre ein sehr christlicher Wettbewerb!

Und übrigens: Citius, altius, fortius – schneller, höher, stärker – als olympisches Motto war auch nie in dem Sinne gemeint, dass es darum ging, alle zu besiegen und alles für sich zu haben, sondern „nur“ in dem Sinne, dass man immer sein bestes geben solle – für den Sport und die Menschen! Egal ob mal siegt.

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